30 Jahre Mauerfall

So half Rüdiger von Fritsch seinem Cousin bei der Flucht

Während Deutschland 1974 gebannt das WM-Endspiel verfolgt, startet eine riskante Fluchtaktion für einen jungen Mann aus der DDR.

Rüdiger von Fritsch (l.) und sein Cousin Thomas in Karlsbad, wo dessen Flucht aus der DDR vorbereitet wurde.

Rüdiger von Fritsch (l.) und sein Cousin Thomas in Karlsbad, wo dessen Flucht aus der DDR vorbereitet wurde.

Foto: Rüdiger von Fritsch

Für den Tag des WM-Finales 1974 planen zwei 18-Jährige die Flucht für drei Freunde aus der DDR, im Opel Kadett. Warum Familiensinn und Freiheitsdrang stärker sind als Mauern und Grenzer. Wieso weder hartgekochte Eier noch Kartoffeln zum Passfälschen taugen und wie aus dem risikofreudigen Hippie Rüdiger der deutsche Spitzendiplomat von Fritsch wurde. Eine rührende, dramatische und sehr deutsche Geschichte.

Herr von Fritsch, Sie waren 35 Jahre im diplomatischen Dienst, Deutschlands Botschafter in Polen und Moskau. Wussten die deutschen Außenminister von Ihrer dunklen Vergangenheit als Passfälscher?

Rüdiger von Fritsch: Damals war man erst mit 21 Jahren volljährig. Nein. Und ich habe mögliche Verjährungsfristen durchaus beachtet, bevor ich davon erzählt habe. Bei der Vorstellung meines Buches hat der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher gesagt: Hätte er davon gewusst, hätte er mich sofort ins Ministerbüro geholt: „Da brauchen wir immer kreative Leute.“

Die Flucht, die Sie organisiert haben, war dramatisch, risikoreich, berührend und ein Stück Weltgeschichte. So ein Ding kann man wohl nur mit 18 drehen, wenn Sturm und Drang alle Warmechanismen übertönen?

Wenn ich heute vor Schulklassen davon erzähle, merken die Zuhörer bald, dass uns etwas Ungewöhnliches gelungen war, als wir so alt waren wie sie jetzt. Viele können aber auch nachfühlen, dass wir unsere Aktion damals einfach nur gerecht und angemessen fanden.

War Ihnen klar, dass Fluchthilfe für alle fünf Beteiligten harte Haftstrafen bedeutet hätte?

Das war uns bewusst. Aber seit ich meinen Vetter Thomas mit 16 in Thüringen besucht hatte, ließ mich sein Schicksal nicht mehr los. Unsere Familie war durch die deutsche Teilung auseinandergerissen worden, aber unsere Eltern legten großen Wert darauf, dass wir uns kennenlernten. Wir verstanden uns prächtig und pflegten fortan eine Brieffreundschaft, sehr ernsthaft, sehr vorsichtig. Die Stasi las ja oft mit.

Und wie entstand der Fluchtplan?

Ich hatte 1973 gerade mein Abitur gemacht, da erreichte mich ein Brief, der herausgeschmuggelt worden war. Thomas schrieb, verkürzt: „Ich will hier raus, mit zwei Freunden, nächstes Jahr, wenn wir unser Abitur haben.“ Er wollte abhauen, bevor er zur Armee eingezogen wurde. Sonst wäre er fahnenflüchtig gewesen.

Das klingt nach einer ziemlich naiven Abenteuergeschichte.

Es war anfangs tatsächlich an der Schwelle zum Schülerstreich. Aber wir, meinen Bruder Burkhard hatte ich eingeweiht, realisierten bald, dass die Sache ernst war. Im Kalten Krieg war wenig Raum für Streiche.

Viele Menschen sind auf dramatische Weise aus der DDR geflohen: versteckt im Kofferraum, schwimmend über die Ostsee, per Ballon ...

... und sehr viele sind schwer verletzt worden oder haben ihr Leben verloren, an die tausend Menschen. Flucht sollte um jeden Preis verhindert werden. In jenen Monaten gab es fast täglich Berichte von gefassten Flüchtlingen und Fluchthelfern, die drei bis fünf Jahre kriegten.

Und warum haben Sie Ihr Ding trotzdem gedreht?

Man macht sich auch schuldig durch unterlassene Hilfeleistung.

Glauben Sie, dass eine Adelsfamilie besonders eng zusammensteht?

Zusammenhalt spielt in jeder Familie eine Rolle. Die Frage ist, wie weit das geht. Thomas ist mein Vetter fünften Grades. Unser letzter gemeinsamer Vorfahr ist 1850 gestorben. Unsere Freundschaft kam hinzu.

Wer wusste damals von Ihren Plänen?

Niemand. Wir wollten nicht davon abgebracht werden, aber auch niemanden gefährden. Meine Eltern haben gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Da wurde meine Schwester ‚auf mich angesetzt‘, nach dem Motto: „Hast du was ausgefressen? Sucht dich die Polizei?“

Was genau machte Sie verdächtig?

Ich muss bedrückt gewesen sein. Meine Eltern dachten dann, dass es an meiner Arbeit in einem Heim für Menschen mit Behinderung lag, die mich mitnahm. In Wirklichkeit steckte mir die Vorbereitung von Thomas’ Flucht tief in den Knochen.

Wie gingen Sie denn vor?

Wir waren eine Laienspieltruppe, nur eines war uns klar: Wir wollten keine kommerziellen Fluchthelfer einschalten. Wir wollten die Flucht so sicher und risikofrei wie möglich gestalten. Das funktionierte über Bulgarien, ein sozialistisches Land, in das sowohl mein Vetter und seine Freunde als auch wir unauffällig reisen konnten. Dort wollten wir unsere Freunde mit gefälschten westdeutschen Papieren ausstatten, um damit über das Nato-Land Türkei in den Westen auszureisen.

Etwas bizarr, oder?

Überhaupt nicht. Die Story lautete: Die drei waren per Autostopp aus Westdeutschland über Jugoslawien nach Bulgarien gekommen und wollten wie viele junge Leute nun in die Türkei und weiter über den Hippie-Trail Richtung Indien und Nepal. Wir brauchten nur drei westdeutsche Pässe und bulgarische Einreisestempel.

Wie kommt ein 18-Jähriger an leere Reisepässe?

Keine leeren Pässe, da muss man alles neu machen. Wir haben Freunde gebeten, uns ihre Pässe zu geben. Keiner hat gezögert. Wir mussten nur die Fotos ändern und Stempel anbringen: Wir haben also nicht gefälscht, sondern verfälscht, wie der Experte sagt.

Das hätte einen DDR-Richter bestimmt wohlwollend gestimmt. Damals waren die Reisepässe grün, kein Plastik, nichts Maschinenlesbares, solide analoge Ware. Wie sind Sie vorgegangen?

Zunächst war es uns gelungen, Bilder der drei in den Westen zu schmuggeln. Die Passfotos waren mit kleinen Metallnieten festgezwackt, die mussten wir rausoperieren und dann das alte Bild aus dem Pass holen. Westdeutscher Verwaltungskleber war solide. Wir haben die Fotos parallel zur Papierseite mit einem ganz flachen Federmesser abgeschabt ...

… ein Schnitt zu tief, und Sie hätten von vorn angefangen ...

... genau. Ich war in der Schule nie gut in Kunst, aber konnte basteln. Außerdem gab es diesen Roman: „Es muss nicht immer Kaviar sein“ von Johannes Mario Simmel, der von einem Passfälscher handelt. Sehr unterhaltsam, aber die Tricks klappten nicht. Auf dem entscheidenden bulgarischen Stempel war ein Auto abgebildet, und das hatte auf einem Millimeter zwei Linien. Das heiße Ei funktionierte da nicht.

Das heiße Ei?

Man rollt ein hartgekochtes, heißes Ei auf einem Stempel ab, nimmt ihn auf und überträgt ihn auf eine andere Fläche. Funktioniert ebensowenig wie Linolschnitt – viel zu hart – oder Kartoffeldruck – viel zu schwammig.

Korken?

Hat Löcher. Zum Glück kam damals ein neuartiges Radiergummi auf den Markt, milchig-transparent, Kunststoff, nicht so kratzig wie die alten Rot-blauen. Perfektes Material.

Haben Sie Tests gemacht?

Wir sind während der neun Monate Vorbereitung immer wieder durch Bulgarien getrampt. Ich habe mich 24 Stunden in ein türkisches Grenzcafé gesetzt und Notizen gemacht: Wann gibt’s viel Verkehr? Wann wird’s schummrig? Es waren immer die gleichen Stempel, gleiche Farbe, längs geteilt, blau-lila.

Und wie hielten Sie Kontakt mit Thomas?

Einmal haben wir uns in Ost-Berlin getroffen, da wurden wir an der Grenze ’rauszogen – „Komm’ Se mal mit“ – und getrennt verhört, im Tränenpalast am der Friedrichstraße. Ich dachte, irgendwer hat uns verpfiffen. Aber jeder von uns erzählte dasselbe, dann ließen die uns ziehen.

Wie hätte die Stasi denn was spitzkriegen können?

Die Briefe. Spitzel im Westen. Die Freunde von Thomas, was natürlich ein böser Verdacht war. Aber wir waren damals alle ziemlich paranoid. Wir haben alle möglichen Situationen durchgespielt und identische Stories eingeübt. Als wir uns in Karlsbad in der früheren Tschechoslowakei getroffen haben, fiel dem Portier auf, dass unser gemeinsames Zimmer aus der DDR reserviert worden war. Sehr verdächtig. Den habe ich bestochen, mit Westgeld. Und trotz unserer akribischen Vorbereitung ging der erste Versuch schief.

Warum das?

Wir hatten uns ein fantastisches Datum ausgesucht, den 7. Juli 1974, gegen 16 Uhr.

Endspiel.

Da spricht der Fußball-Experte: Beim WM-Finale zwischen der Bundesrepublik und den Niederlanden würden die bulgarischen Grenzer abgelenkt sein. Die hören Radio, egal, wer da spielt. Mein Bruder und ich fuhren am Tag vorher mit dem Opel Kadett, den unser Vater uns geliehen hatte, über die Grenze.

Was sollte da noch schieflaufen?

Ich schaue in meinen Pass und merke: alles umsonst. Wir hatten zwar exakt die gleichen Transitstempel bekommen, die wir in den verfälschten Pässen hatten, aber die Bulgaren hatten die Farbe geändert: statt blau-lila nun rot-grün gestreift. Aber wir haben gesagt: Das lassen wir mit uns nicht machen, das probieren wir noch mal. Dann sind wir zu den dreien an die Küste. Die waren natürlich völlig fertig. Wir haben ihnen dagelassen, was wir hatten, und haben gesagt: In 14 Tagen sind wir wieder da. Ausgerechnet diese Panne war unsere Rettung.

Warum?

Weil wir in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Versuch erfuhren, was wir bis dahin nicht gewusst hatten: Dass die bulgarischen Grenzbehörden ihrer Stempelfarbe fluoreszierende Stoffe beigemischt hatten. Unsere ersten Stempel hätte man unter Schwarzlicht als Fälschung enttarnt. Die wären sofort aufgeflogen. Das war wirklich eine Fügung Gottes. Die Frage lautete jetzt: Wie komme ich an fluoreszierende Stempelfarbe?

Und an drei neue Pässe?

Noch mal Freunde ansprechen, noch mal drei Fotos rein, noch schönere Stempel schneiden. Aber wir haben diese Stempelfarbe nicht bekommen. Wenn ich aus meinem Buch lese, höre ich normalerweise an dieser Stelle auf ...

... unterstehen Sie sich ...

... uns kam wieder der Fortschritt im Bürofachhandel zugute. Ganz neu waren Textmarker, mit denen man wichtige Stellen anstreicht. Die leuchten wegen einer fluoreszierenden Substanz. Die Stifte haben wir mit dem Hammer zerkloppt und die Farbe aus dem Filzkissen gepresst, bis unsere eigenen Stempel zu leuchten begannen.

Und Ihre Eltern haben immer noch nichts gemerkt?

Meinen Vater mussten wir nach dem gescheiterten Versuch einweihen. Wir waren schlichtweg pleite. Ich habe gesagt, dass ich Geld brauchte und ihm erzählt, wofür. Er wusste, dass er seine zwei ältesten Söhne riskiert, zumindest deren Freiheit.

Hat er versucht, Sie zu stoppen?

Er hat sich genau schildern lassen, was wir vorhatten. Und die einzige Frage, die er gestellt hat, lautete: „Wieviel brauchst du?“ Eindrucksvoll. Ich hatte soviel Angst nach all den Pannen. Aber dieser Moment hat mir wieder Zuversicht gegeben.

Und der nächste Trip war finanziert.

Diesmal haben wir uns in Sofia getroffen. Die drei mussten über Nacht ihre Biografien auswendig lernen: neuer Pass, neuer Name, neues Leben. Wir haben sie verkleidet, westdeutsche Hippie-Klamotten mit amtlichen West-Nietenhosen, Schlafsäcke, Rucksäcke. Der eine war kurzsichtig und hatte eine Brille, in der „Made in GDR“ stand. Ihm habe ich eine Nickelbrille aufgezwungen, John-Lennon-mäßig. Die war aber für Weitsichtige. Der arme Kerl hat die Grenze kaum gefunden.

Die drei sind zu Fuß rüber?

Tramper wurden zwar von einem Auto mitgenommen, aber passierten die Grenzübergänge zu Fuß, falls einer versehentlich ein Kilo Hasch im Rucksack hat.

Keine Pannen mehr?

Doch, natürlich, bei der Rückkehr an der deutschen Grenze, mit fünf schmutzigen Jungs in einem verbeulten Kadett. Ein Beamter rief: „Philipp, dein Pass ist abgelaufen.“ Wir zuckten alle noch mal. Philipp, der nicht Philipp hieß, versprach, den Pass sofort zu verlängern.

Und was ist aus den Jungs geworden?

Sie kamen ins Aufnahmelager Gießen und dann bei uns zu Hause unter. Alle studierten, aber wir behielten die Geschichte für uns. Zwei sind Juristen geworden, einer Journalist, damals bei Radio Free Europe. Später in seiner Stasi-Akte fand er den Vermerk: „Einreiseverbot bis 2020.“

Autor und Buch Rüdiger Freiherr von Fritsch, 65, ist verheiratet und fünffacher Vater. Seine Erfahrungen als Fluchthelfer haben ihn motiviert, in den Diplomatischen Dienst zu gehen. Von 2014 bis 2018 war er Botschafter in Moskau. Er begann seine Laufbahn 1986 im reformbewegten Polen, arbeitete in Nairobi, Brüssel und als Vize-Präsident des BND. Sein Buch „Die Sache mit Tom“ ordne „einen aufregenden Einzelfall in ein großes historisches Panorama ein“, lobte der Historiker Heinrich-August Winkler. Das Buch vertreibt von Fritsch selbst über Amazon: Rüdiger von Fritsch: Die Sache mit Tom – Eine Flucht in Deutschland, ISBN: 978–3–937989–55–6, 19,95 Euro