Kiez auf Kulinarisch

Mit Sternekoch Christian Lohse bei „Wu und Wang“

Zwei-Sternekoch Christian Lohse wohnt im Westen Berlins. Seine Freizeit verbringt er „nur bei den Netten“. Ein Kiez-Rundgang durch Wilmersdorf.

Foto: Amin Akhtar

Jianhua Wu wartet schon. Zwischen Stühlen und Tresen im Gastraum läuft er hin und her, immer wieder schaut er zur Tür. Christian Lohse hat sich angekündigt, seit 2008 Stammgast. „Er ist sehr nett“, sagt Jianhua Wu. „Auch, wenn ich seine zwei Sterne am Anfang nicht so ernst genommen habe – gute Hotels fangen doch erst bei vier an, habe ich gedacht.“ Wu stellt sich ans Fenster und schaut hinaus. „Dann habe ich ihn mal gegoogelt – und begriffen, wer er ist.“ Plötzlich klopft es vor Wus Gesicht ans Glas. Es ist Christian Lohse, der durch die Scheibe grinst. Jianhua Wu grinst zurück, Lohse tritt ein und umarmt ihn fest. „Geht’s dir gut, Herr Wu?“, fragt er, dreht sich nach rechts, läuft auf eine Frau am Tresen zu und küsst sie auf die Wangen. Es ist Huiqin Wang, die Frau von Jianhua Wu.

Zwei-Sternekoch Christian Lohse aus dem „Fischers Fritz“ im „Hotel Regent Berlin“ besucht Jianhua Wu und Huiqin Wang regelmäßig im „Hot Spot“. Kurz nachdem die beiden das Restaurant an der Eisenzahnstraße gemietet hatten, ist er auf seinem Nachhauseweg Richtung Drei-Zimmer-Wohnung an zwei Männern auf der Leiter, die gerade den Namen „Hot Spot“ an der Markise montierten, vorbeigelaufen. „Na, Glück auf, habe ich gedacht“, sagt Christian Lohse. „Der Inhaber hat wohl Gespür, bei der Gegend...“ Tot sei sie damals gewesen, kaum ein Restaurant erfolgreich.

Doch: Jianhua Wu hatte Gespür. Er stellte einige seiner Weine sichtbar im Restaurant auf, so wie die Riesling Spätlese Graacher Himmelreich von Markus Molitor aus dem Jahr 2008. Ein Chinese, der Ahnung von Weinen hat. „Treffer“, sagt Christian Lohse. „Als ich die beim nächsten Mal beim Vorbeilaufen gesehen habe, musste ich da rein.“

Sichuan, Jiangsu und Shanghai

Bei Jianhua Wu und Huiqin Wang hat es Christian Lohse so gut gefallen, dass er sie in 2009 für eine Fernsehdokumentation über seinen Kiez mit dem Filmteam besucht hat. „Seitdem ist das Restaurant voll“, sagt Jianhua Wu. Zu 230 Weinen bieten er und seine Frau rund 130 verschiedene Gerichte nach Originalrezeptur aus den chinesischen Provinzen Sichuan, Jiangsu und Shanghai an. Von leicht bis extrem scharf. „Ich esse eher mild“, sagt Christian Lohse und bestellt eingelegte Gurke mit Ingwer, rot geschmorten Schweinebauch mit Shanghai-Gemüse, Hähnchenbrustfilet nach Gongbao-Art, mit Teeblättern geräucherte Ente sowie frittierte Wan Tan mit Schweine-Hackfleisch-Füllung. „Spreewaldgurke auf Chinesisch und dazu den Schweinebauch. Ich liebe das Fett daran“, sagt Christian Lohse. „Und dazu die ‚Weinkarte des Jahres 2013‘ im ‚Gault Millau‘“, sagt Christian Lohse. „Hammer, oder?“

Christian Lohse ist im August 2002 nach Berlin gezogen. Nachdem er sein erstes eigenes Restaurant nach Stationen in Paris und London, die „Windmühle“ mit zwei Sternen in Bad Oeynhausen, aus finanziellen Gründen schließen musste, folgte er dem Ruf des „Regent“ nach Berlin. „Dass ich dann in den Westen ziehe, war sofort klar“, sagt Christian Lohse, „ich als alter Wessi.“ Schon beim Anzeigentext seiner Wohnung in Wilmersdorf habe er gewusst, dass es die seine sein – und bleiben wird. „Ich ziehe hier nicht weg“, sagt der Koch. „Warum auch?“ Hier gebe es doch noch herzliche Gastgeber mit „Küche wie bei Muttern“. So wie die Käsespätzle bei Hubert, „drei Sterne sind die“, sagt Christian Lohse.

Auch Hubert Hermann Maier wartet schon auf den Zwei-Sternekoch. Es ist 20 Uhr, sein Restaurant „Hermanns Einkehr“ voll besetzt. „Hey Hubi“, ruft Christian Lohse über die Emser Straße, als er den Wirt in der Tür stehen sieht. „Christian!“, ruft dieser zurück. Sie umarmen sich, gehen hinein und Maier zapft Lohse und sich erst mal ein „Fürsten Pils“. „Hier gibt es auch noch ordentlich Rohkost und Maulbeutel“, sagt Christian Lohse, als seine Bestellung, Maultäschle, Matjes und Käsespätzle, auf den Tresen kommt.

Mit Exil-Schwaben und mehr

Hubert Hermann Maier hat sein schwäbisches Restaurant unweit des Ludwigkirchplatzes 2006 in Wilmersdorf eröffnet. Ein ehemaliger Controller bei Daimler aus Ulm, der „nur mit Bauchgefühl“ einen inzwischen mehr als beliebten Treffpunkt von Exil-Schwaben, Politikern und Kiezbewohnern in Berlins gediegenem Westen geschaffen hat. „Weil der Christian das hier auch angeschoben hat“, sagt Maier. Direkt nach der Eröffnung sei der Zwei-Sternekoch an seinem Restaurant vorbeigeschlichen, habe „zwei knusprige Damen“ vor der Speisekarte im Glaskasten stehen sehen, die sich gegen den Besuch entschieden hätten, „weil es ihnen wohl nicht trendig genug war“ und sei neugierig geworden. Seitdem komme er regelmäßig, schaue auch schon mal persönlich in der Küche nach. „Christian ist sehr offen und natürlich“, sagt Maier, „wir sind zu Freunden geworden.“

Mit Freunden aus Wilmersdorf hat sich Christian Lohse früher oft noch nach der Arbeit im„Cumulus“ an der Joachim-Friedrich-Straße oder im „Zum Hecht“ an der Kaiser-Friedrich-Straße getroffen. Doch: „Feierabend ist jetzt vor Mitternacht“, sagt Christian Lohse. Ruhiger ist es um den 46-Jährigen geworden. Er brauche seinen Schlaf und sehe seine Freunde nun gern zum Frühstück oder an einem freien Tag für einen Ausflug nach Zehlendorf, an den Wannsee oder in den Grunewald, sagt er. So wie Mario Hähne, Besitzer des „Cumulus“, sonntags in der „Spinner-Brücke Avus-Treff“. Ein bisschen rockig sei es hier, aber eben sehr herzlich und ursprünglich, „kein Jahrmarkt der Eitelkeiten“, sagt Lohse.

Was er hier isst? „Kohlroulade. Hausgekocht. Wo gibt es das noch?“ „Christian ist ein ausgesprochen positiver, neugieriger Mensch“, sagt Mario Hähne. Der immer helfe, wenn es nötig sei. Er selbst habe ihm das Restaurant mit Rocker-Treff an der Spanischen Allee vor drei Jahren gezeigt. Einer von Lohses Lehrlingen steht dort inzwischen in der Küche. Alexander Bernsteiner, der Sohn des Inhabers. „Ziemlich gute Ideen hat er von Lohse mitgebracht“, sagt Vater Johannes Bernsteiner. Und abgesehen davon, was für ein toller Koch er sei, sei Christian Lohse ein wunderbarer Mensch. Ein Freund und Gast – auf den es sich immer zu warten lohne.

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