Zwölf Stunden

Es rockt in der Kiste

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Sebastian Blottner

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Black Box Music“ ist bei Konzerten von Superstars wie Rammstein und Cher für die Veranstaltungstechnik und einiges mehr zuständig. Das Areal in Wilhelmsruh ist eine geheime Welt voller Bühnenausstattung, Gitarren und goldener Schallplatten.

08:30 Ob Lieferservice, Geschäftspartner oder Angestellte - alles kommt und geht an Sandy Blumensteins Empfangsdesk vorbei. Hinter ihr hängen goldene Schallplatten von Rammstein, Rosenstolz und Seeed an der Wand und das Telefon klingelt im Minutentakt. Gerade kümmert sich Blumenstein um die Rücklieferung von Mikrofonen, die „auf Tour“ waren. „Die gehen zurück an die Mietfirma“, sagt Blumenstein. „Wir haben zwar ein riesiges Lager, aber oft machen wir so viele Tourneen gleichzeitig, dass wir zusätzlich Technik anmieten müssen.“

09:45 „Jeder hier muss Gabelstapler fahren können“ sagt Lucas Holtmann. Er ist einer von 22 Auszubildenden und zukünftiger Veranstaltungstechniker bei Black Box Music, kurz BBM, in Wilhelmsruh. Er bugsiert mit dem Gabelstapler einen Dolly in Position, einen Transportwagen. „Der war beim Rock am Ring und muss vor der Lagerung noch einmal kontrolliert werden.“ In der riesigen Halle 1 lagern auf verschiedenen Ebenen Licht- und Tontechnik sowie Traversen und die kompletten „Backlines“ namhafter deutscher Bands, also Verstärker und Bühnentechnik.

10:20 Das Goborad Nummer zwei hängt. Lichttechniker Nico Miethe macht eine Notiz auf Gaffaband und klebt es auf den entsprechenden Alpha Spot. Sechs dieser Scheinwerfer hängen vor ihm an einer Trasse. „Die kommen von der Show mit MC Fitti und gehen jetzt in die Nachbereitung.“ An der Lichttechnik für die größten Shows wird mitunter über 50 Nächte lang programmiert.

11:05 In der Elektrowerkstatt riecht es nach Universalverdünnung. „Damit putzen wir alte Beschriftungen und Klebereste von Kabeln“, erklärt Werkstattchef Michael Krause. Bei BBM wird vieles selbst gebaut, zum Beispiel Stromverteiler. Mitarbeiter Markus Konrad befestigt Firmenlabel und Farbcodierung auf einem Bühnenkabel. „Die Farbcodierung ist wichtig, weil man daran sofort die Länge des Kabels erkennen kann“, sagt er.

11:50 Florian Gäbel schiebt einen Berg Zwiebeln in den Topf. „Das wird eine vegetarische Zwiebelsauce für Gemüsebratlinge“, sagt der Koch in der Kantine. Neben den Angestellten werden Bands verköstigt, die in den Studios und der Probehalle arbeiten. „Da gibt es mitunter sehr spezielle Wünsche zu beachten“, sagt Gäbel. „Wir mussten schon Kerzen aus biologischem Anbau besorgen, Mondwasser in fünf Sorten oder Rohmilchbutter.“ Für andere wiederum wurde der Backstage komplett mit weißen Tüchern ausgehangen oder alle Energiesparlampen ausgebaut, weil den Künstler das enthaltene Quecksilber störte.

13:30 Im Herzen ist BBM-Chef Thilo Goos ein Rock’n’Roller geblieben. Mit zwei Freunden gründete er Black Box Music 1992 als kleinen Technikverleih. Heute hängen an den Wänden seines Büros jede Menge goldener und Platinschallplatten. Goos beschäftigt 64 Festangestellte und 100 freie Mitarbeiter. „Ich habe mir gedacht, es ist zu wenig, nur Boxen und Lampen zu verleihen“, sagt er. „Bei uns bekommt man Komplettlösungen. Wir bauen Transport-Kästen, machen das Catering und sind Technikdienstleister bei Tourneen, aktuell für Sängerin Cher in den USA.“ In Zukunft will er mehr längere internationale Tourneen betreuen. Dafür wird die BBM-Truck-Flotte erweitert. Zwölf eigene Vierzigtonner sind mit Showtechnik unterwegs. Meist werden weitaus mehr Trucks gebraucht, die man dann zumietet. „Für eine große Show benötigt man schon einmal 20 bis 30 Trucks“, sagt Goos.

14:05 Die „Viper“ zischt nur kurz auf, schon verschwindet das Tor zur großen Lagerhalle in einer Wolke. Der kurze Nebelmaschinentest muss reichen, sonst läuft Lukas Fischer Gefahr, grundlos die Feuerwehr zu alarmieren, was schon vorgekommen ist und dann leider der Firma in Rechnung gestellt wird.

16:40 Zu vielen Touren gehören die Nightliner. Diese mit allen Schikanen ausgestatteten Busse der Firma Berlin Rock Coaches fahren Bands und Crews über Nacht von einem Auftrittsort zum anderen. Bis zu 18 Betten stehen zur Verfügung, kleine Kojen wie in einem Schiff. Außerdem ist für unterhaltsame Ablenkung gesorgt. „An Bord gibt es Fernsehen, eine Playstation, drei Computer und drei Dolby Surround Systeme“, sagt KFZ-Mechatroniker Benny Wutschke von Berlin Rock Coaches. Nach dem Einsatz bei Rock am Ring muss er das TV-System reparieren. Im Aufenthaltsabteil auf dem Oberdeck fährt er einen riesigen Bildschirm vor die Frontscheibe und macht sich an die Arbeit.

17:45 In der Case-Bauwerkstatt, wo Transportkisten entstehen, hat Aaron Jaques gerade einen Rohling vollendet. „Jetzt kann ich die Verschlüsse millimetergenau einpassen“, sagt der Engländer. Fertig ist er dann noch lange nicht. „Zwölf bis 13 Stunden brauche ich für ein Case. Die meiste Arbeit macht dabei der Innenausbau, also das Einpassen von Halterungen, Fächern und Polsterung für die Geräte oder Instrumente.“

19:35 Spezialeffekte, Lichtprogrammierung und Soundeinstellungen: Bevor eine große Show auf die Bühne kommt, gibt es eine Menge zu proben. Die 900 Quadratmeter große Probenhalle ist ziemlich ausgebucht. Allein im vergangenen Jahr gingen hier Dutzende Bands und Künstler wie Cro, Die Ärzte, Jan Josef Liefers, Max Raabe, Nelly Furtado, Silly oder Sarah Connor ein und aus. 14 Meter lichte Höhe und eine Lastaufnahme der Decke von bis zu 90 Tonnen ermöglichen die Simulation selbst riesiger Festivalbühnen. „Meist gibt es im Anschluss an Probenwochen dann einen Auftritt für Fans, Freunde und Familienmitglieder“, sagt Jannice Kluck, Assistentin der Geschäftsführung bei BBM. „Demnächst zeichnen Marius Müller-Westernhagen und Sido hier ihr gemeinsames Konzert auf.“