Zwölf Stunden

Wo sich in Tempelhof die Zukunft zusammenbraut

Die ehemalige Malzfabrik von Schultheiß wird zum Kreativzentrum mit Öko-Anspruch. Auf dem 100 Jahre alten Industriegelände in Berlin-Tempelhof arbeiten Künstler, Designer und Werber.

Foto: Amin Akhtar

8.30 Uhr: Feiner November-Nieselregen fällt auf das Industriegelände an der Tempelhofer Bessemerstraße, dazu weht ein scharfer Wind. Wer um diese Uhrzeit bei diesem Wetter hierher kommt, weiß genau, wohin er will und verschwindet zügig in einem der Backsteinbauten. Frank Sippel, Eigentümer der Anlage und Geschäftsführer lässt sich ein wenig mehr Zeit beim Gang über den Hof als die anderen. „Es war Liebe auf den zweiten Blick“, sagt der gebürtige Schweizer über das Gelände, das seine Immobilienfirma Real Future AG vor acht Jahren erworben hat. „Wir haben dann drei Jahre nach einem Investor gesucht, der sich trauen würde, die denkmalgeschützten Gebäude zu übernehmen“, erzählt er. „Da sich niemand fand, haben es dann eben wir gemacht.“ Umwelt, Kunst und Nachhaltigkeit sind die drei Themen, um die sich auf dem Industriegelände alles drehen soll. Bislang sind zwei von vier Bauphasen abgeschlossen. In fünf Jahren dann sollen sämtliche Gebäude saniert, vermietet und von kreativen Menschen bevölkert sein.

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9.20 Uhr: „Vor fünf Jahren waren wir die ersten Mieter hier“, sagt Kirsten Hübe und lacht. Die Modedesignerin entwirft die Kollektion des Berliner Strickwaren-Labels „Yoko Design“, zu der Jacken, Mäntel, Pullover aber auch Kleider und Röcke gehören. Einer ihrer neusten Entwürfe ist ein grauer Rock. Kirsten Hübe hängt ein bereits fertiges Stück Strickstoff an einer breiten Strickmaschine auf. „Da muss jetzt noch ein Bündchen ran“, erklärt sie. „Strickmaschinen können ja eigentlich überhaupt nichts. Außer eben geradeaus zu stricken. So fällt immer noch viel Handarbeit an.“

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11.15 Uhr: „Im Moment haben wir eine Menge Nachfragen von Architekten“, sagt Christiane Burgschat. „Auch Musiker sind an Räumen interessiert.“ Die Assistentin der Geschäftsführung ist für die langfristige Vermietung der Ateliers und Lofts zuständig. Sie holt an der Pforte zwei Architekten ab und führt sie mit Frank Sippel über das Gelände. „Hier haben früher die Wagen gehalten und Gerste entladen“, erklärt er und deutet auf zwei große Türen der alten Mälzerei. Solche Details musste für die neuen Eigentümer eine Historikerin herausfinden.

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13.10 Uhr: Mittagstisch im „Wirtshaus zum Oberstübchen“: Das winzige Restaurant neben dem Sonnendeck hat nur 16 Sitzplätze und verbreitet solide Skihütten-Romantik. Paul Kundel, der auch als Koch arbeitet, öffnet Selter- und Eisteeflaschen und erklärt den Gästen die Tageskarte. An diesem Tag gibt es Barbecue-Chicken, hausgemachten Salat und ein Pastagericht. Das Restaurant hat erst vor wenigen Wochen aufgemacht. Mittlerweile kommen auch Gäste, die nicht auf dem Fabrikgelände arbeiten. Laufkundschaft verirrt sich nach wie vor nur selten in den abgelegenen Mini-Gasthof.

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15 Uhr: Uschi Mertes deutet auf die Pflastersteine vor ihrem Büro und sagt: „Das ist eine Waage!“ Bei näherem Hinschauen entdeckt man erst, dass einige der Bodenplatten von Metall umrahmt sind. „Früher wurden hier die Lieferwagen mit der Gerste gewogen“, sagt die Pförtnerin. Hinter ihrem Stuhl befindet sich ein großer Kasten, in dem das Gewicht der einfahrenden Lastwagen angezeigt wurde. Betätigt hat Uschi Mertes die Riesenwaage allerdings noch nie. Getreide wird hier seit 1998 nicht mehr angeliefert. Heute geben nur noch Paketboten an der Pforte ihre Waren ab.

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16 Uhr: Regale voller Laptops, daneben Verkaufsflächen, auf denen Drucker aneinander gereiht stehen. Auf den ersten Blick scheint ein Computergeschäft nicht zu den Kreativagenturen zu passen, die auf dem historischen Industriegelände eingemietet sind. Doch die Firma „AfB – social & green IT“ bereitet alte Firmencomputer auf und verkauft sie als Second-Hand-Ware an andere Unternehmen und Privatleute weiter. Das Geschäftsmodell der Firma, bei der zahlreiche behinderte Menschen angestellt sind, repräsentiert das Nachhaltigkeits-Ziel auf dem Areal. „Geräte, auf denen noch Daten sind, kommen ins Sperrlager“, erklärt Filialleiter Klaus Bölling und rüttelt demonstrativ an einer verriegelten Gittertür. Dann beginnt er gemeinsam mit dem Schülerpraktikanten Dennis eine Palette mit gebrauchten PCs umzusortieren.

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16.35 Uhr: Tina Ellerbrock arbeitet für die Eventagentur Mesami. Zu ihrem Job gehört es, die unterschiedlichen Räume und Hallen für Filmdrehs, Firmenfeiern oder Partys zu vermieten. Das ist schon so manches Mal sehr gut gelungen. Für die Castingshow „Voice of Germany“ etwa wurden hier Außenaufnahmen gedreht. Auch das jüngste Video des Rappers Sido spielt zwischen den Backsteinbauten. Die Maschinenhalle mit ihrem historischen Kachelfußboden ist die beeindruckendste Räumlichkeit. Tina Ellerbrock klettert auf ein Gefährt namens Steiger und rollt langsam auf die Lichtleisten zu. Dort kontrolliert sie, ob alle Lampen mit Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet sind. „Das ist natürlich Aufgabe der Techniker, aber ich überprüfe das manchmal noch zusätzlich“, sagt sie. „Wenn eine Lampe während einer Veranstaltung hinabfallen würde, wäre das der Super-GAU.“ Am nächsten Tag soll in der Halle eine Firmenparty mit 170 Mitarbeitern stattfinden.

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17 Uhr: Die Galerie „District Kunst- und Kulturförderung“ ist für Besucher geöffnet. „Exercises of Critical Body Building“ heißt das Ausstellungs- und Performanceprojekt, das derzeit zu sehen ist. Kuratorin Susanne Husse durchschreitet den Raum, vorbei an Installationen aus alten Kinderwagen und Stoffregalen aus Rollen. Dann geht sie zu einem der Videoprojektoren und überprüft Sound- und Bildqualität.

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17.45 Uhr: Kai Neumanns Firma „Foodpool“ kocht für das „Wirtshaus zum Oberstübchen“ und übernimmt oft auch das Catering für die Veranstaltungen. Abends ist der Koch oft schon mit der Vorbereitung des Essens vom nächsten Tag beschäftigt. Gemüse und Obst warten darauf, in Scheiben oder Würfel geschnitten zu werden. Er sagt, dass er am liebsten saisonal kocht und nach Möglichkeit Bio-Produkte aus der Region verwendet. „Aber dogmatisch bin ich da nicht“, erklärt er. „Die besten Hühner kommen nun mal aus Frankreich und Schwarzer Pfeffer wächst eben nicht nebenan in der Uckermarck.“

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19.05 Uhr: Während draußen die Herbstblätter fallen, befindet sich Tina Ellerbrock schon gedanklich in der Weihnachtszeit, der Hauptsaison für Firmen- und Verbandsfeiern. Nachdem die Eventmanagerin Buffet-, Barkräfte und Techniker für zwei weitere Feste Mitte Dezember gebucht hat, fährt sie ihren Computer herunter und verlässt das Gelände.