Geschichte

Fiaker und Droschken: Wie die Taxis nach Berlin kamen

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Ulli Kulke
Berliner Droschkenkutscher auf seiner Mietdroschke, schlafend, um 1910.

Berliner Droschkenkutscher auf seiner Mietdroschke, schlafend, um 1910.

Foto: akg-images

Die Vorläufer des öffentlichen Nahverkehrs galten als der letzte Schrei – hatten aber mit großen Problemen zu kämpfen.

Man könnte meinen, es lag in den Genen, als vererbte Marotte vergreister Hohenzollern-Herrscher. 1688, nur wenige Monate vor seinem Tod, war der Große Kurfürst auf die Idee gekommen, in Berlin den öffentlich bestallten Nahverkehr zu begründen. Sänften waren es damals, die er einführte. Im selben Jahr wurde sein Enkel Friedrich Wilhelm geboren, später bekannt als der Soldatenkönig. Und als der 51 Jahre später – längst stand da die letzte Sänfte still in der Ecke – kurz vor Weihnachten 1739 sein eigenes Ende vor sich sah, da hatte auch er die Vision: Öffentlicher Nahverkehr musste her. Dieses Mal: Droschken. Aber so hießen sie da noch nicht, erstmal hießen sie Fiaker.

Im „Tabakskollegium“ wurde die Idee erstmals angesprochen, auf höchster Ebene mithin, im Spätherbst 1739. Friedrich I., der Herrscher zwischen den beiden eben genannten, hatte dieses Gremium zuvor eingeführt, als eine Art Küchenkabinett zur inoffiziellen Beratung des Königs. Teilnehmer war seit einiger Zeit auch Karl Ludwig von Pöllnitz, Playboy, Abenteurer, Spielsüchtiger und Spielschuldner, Spion, Frauenheld, Weitgereister (nach eigenen Aussagen), geschätzt wie gefürchtet als Plaudertasche. Laut Theodor Fontane meinte später Friedrich der Große über ihn: „Divertissant (unterhaltsam) beim Essen, hernach einsperren!“

Ein Playboy, Frauenheld und Spion brachte die Idee aus Paris mit

Durch den Dunst der Meerschaumpfeifen, wohl im Salon des Jagdschlosses von Königs Wusterhausen, erzählte von Pöllnitz in jener Sitzung mal wieder aus der großen weiten Welt, dieses Mal besonders über Paris, über die allesamt gleich aussehenden öffentlichen Kutschen an der Seine, die dort das Metropolitane erst ausmachen würden, durch ihre Auffälligkeit, ihren flotten Trab durch die Boulevards. Fiaker, der Begriff stammt aus Paris. In der Rue Saint Fiacre, war ihr erster offizieller Standplatz. Heute kennt man Wort nur noch aus Wien.

Dem Soldatenkönig war es egal, ob der Freiherr wirklich in Paris war, er fand die Idee nur großartig, und dann ging alles sehr schnell. So schnell, dass man es kaum glauben mag, heute schon gar nicht. Durch „Cabinettsordre“ vom 11. Dezember 1739 wurde eine Kommission eingesetzt. Dieselbe verkündete am 21. Dezember, dass nun eine „ordentliche Zunft von Fiakerhaltern eingerichtet“ sei, die „Fiakergesellschaft“. Deren Mitglieder würden ab Heiligabend, also drei Tage später, an fünf Stellen in der Stadt mit insgesamt 15 Mietskutschen ihre Fahrdienste gegen eine Taxe anbieten, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. „Der Kasten olivfarbig und mit schwarzem Leder bekleidet und mit gelben Nägeln und Leisten beschlagen, das Gestell rot angestrichen“, so war es vorgeschrieben. Viersitzige, in Riemen hängende, damals sogenannte Schwimmerwagen sollten es sein, in den Türen und vorn mit kleinen Fenstern versehen.

Tatsächlich standen am 24. Dezember abends die 15 Fiaker bereit, keine zwei Wochen nach Einrichtung der Kommission. Ob sie da bereits in allen Details („gelbe Nägel und Leisten“) den Vorgaben entsprachen, ist unklar. Die königliche Kommission hatte auch noch eine einheitliche Uniform vorgesehen, doch Friedrich Wilhelm fand dann auf eine rote Concarde an der Hutkrempe ausreichend, eine Art Ordensbändchen.

Eine andere Vorgabe verweigerte die Zunft gleich zu Beginn. Eigentlich sollten alle Einkünfte aus den Tax-Fahrten eingesammelt und unter den Kutschern gleichmäßig aufgeteilt werden – eine Idee, die 250 Jahre später in Berliner Taxi-Kollektiven gängig war. Doch die Fiakerkutscher machten gleich klar: Sie wollten nichts davon wissen. Wirtschaftlich waren sie kein großes Risiko eingegangen, zunächst. Der strenge und knauserige Soldatenkönig beteiligte sich bei jedem Fiaker mit 100 Reichstalern an den Anschaffungskosten. Dafür mussten sie die alltäglichen Kontrollen eines „Commissarius“ unterwerfen, der rund um die Uhr prüfte, ob die Haltestellen besetzt waren, die Pferdeäpfel beseitigt sowie Wagen, Pferde und Geschirr im guten Zustand seien. Ein Unteroffizier übernahm diese Stelle, dessen Lohn von 150 Talern im Jahr die Kutscher bezahlen mussten. Direktor der „Fiaker-Gesellschaft“ aber wurde – ohne Bezüge – Heinrich Adam von Neuendorf, immerhin der „Stadtpräsident“ (damals Bürgermeister). Und der hatte bald nur noch zu klagen.

Zunächst nutzte die Droschken nur der Adel aus dem Schloss

Die „Zeitschrift des Königlich Preussischen statistischen Bueraus“ überliefert uns in ihrem Jahresband 1865 die traurigen Anfänge dessen, was wir heute als Taxigewerbe kennen. Über die Weihnachtstage 1739 steht dort: „Es wurde vom Publico von der ungewohnten Bequemlichkeit noch wenig Gebrauch gemacht.“ Eigentlich war es nur der Adel aus dem Schloss, der sich durch die Stadt kutschieren ließ, auf Geheiß des greisen Königs, damit seine Vision wahr würde und auch der Taler rollte – mehr als einer kam nämlich zunächst kaum herein für den Mann auf dem Bock, seine Familie, Pferde und Kutsche. Und bereits am 30. Dezember „kamen die Fiakerhalter schon mit der Vorstellung, dass sie bei dieser Entreprise nicht bestehen könnten, wenn nicht den Gastwirthen, Sattlern und Anderen, welche zum Theil nicht einmal Bürger, sämmtlich aber keine Fuhrleute von Profession wären, die Lohnfuhren innerhalb der Stadt gänzlich verboten würden.“

Die Konkurrenz störte. Auch sie bot gegen Geld Fuhren an, nur nicht unter königlicher – sozusagen öffentlich bestallter – Aufsicht und Begrenzung, und mit günstigeren Tarifen. Die Mitbewerber wollte man jetzt loswerden. Der König kam der Zunft insoweit entgegen, als er außer ihren Mitgliedern nur noch den Wirtsleuten gestattete, ihre Gäste gegen eine Taxe zu befördern. Trotzdem: Die Branche kam nicht in Gang. Auch nicht, als der Soldatenkönig mit 52 Jahren starb und ihn sein 28-jähriger Sohn als Friedrich II. ablöste.

Der Zunft-Vorsitzende war verzweifelt

Dia Malaise des Gewerbes hatten sich die Kutscher zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben. Sie galten als unhöflich, sie vernachlässigten ihre Fiaker wie ihre Standplätze. Um dem abzuhelfen, hatte man eigens die Regel eingeführt, dass die Kundschaft am Halteplatz jeden beliebigen Fiaker, auch hinten in der Reihe, ordern durfte, was bis heute gilt, um die Fahrer zu Sauberkeit anzuhalten. Auch mussten sie eine große Nummer auf ihre „Chaisen“ malen, um unbotmäßige Kutscher dingfest machen zu können.

Es half alles nichts. Die Fiaker wurden zu wenig angenommen, die Halter konnten kaum noch die Pferde ernähren. Schon 1740 schrieb der Zunft-Vorsitzende Neuendorf jenem Baron von Pöllnitz, wie sich dessen Idee aus Paris in Berlin entwickelt hatte: „Mit dem ganzen Fiacrewesen sieht es schlecht aus, die Leute schreien mir die Ohren so voll, dass ich mir nicht zu rathen noch zu helfen weiss. Sie wollen den geordneten Beytrag für den Commissar in Güte nicht thun. Soll ich diesen mittelst Execution dazu anhalten? Das Geschrei wird dadurch noch größer werden. Es seynd schon etliche Pferde umgefallen, andere keine Dienste mehr thun und die übrigen werden täglich matter“. Er konstatierte allerdings auch: „Es ist wahr, die Fiacres finden sich zum Theil auf den angewiesenen Plätzen nicht ordentlich ein, halten auch nicht von Morgen bis Abend um 10 Uhr ohne Zwischenzeit.“

„Wenn dies nicht geschieht, geht das gantze Werk über den Haufen“

Der Zunft-Chef forderte zwar einen strengeren Umgang mit den Kutschern, auch Ideen, um das Geschäft anzukurbeln: „Wenn dieses nicht geschieht, so geht das gantze Werk über den Haufen“. Fast schon verzweifelt verriet er, wie es die Zeitschrift des statistischen Bureaus wiedergab, seinem Minister: „Er möchte einen großen Theil seines Vermögens an die Armen geben, wenn er sich damit nur von der Fiakersache ganz los lösen könnte.“

Das Fiakerwesen blieb in Berlin eine siechende Branche, über Jahrzehnte. Es ging tatsächlich „über den Haufen“. Alle Ideen, Geschäft und Privilegien der Zunft zu verpachten, scheiterten, die Beteiligten verelendeten. Das Polizeidirektorium klagte 1795, „welch eine verworfene Classe von Menschen die Fiaker-Fuhrleute seien, so dass man darauf denken müsse, sie nicht in Haufen zusammenzubringen, weil sie selbst der Moralität aller im Angesichte ihrer wohnenden Bürger und deren Kinder schadeten, und dergleichen mehr“.

Die Zunft war in jenem Jahr am Ende, das Fiakerwesen lief mehr oder weniger ungeordnet weiter, kaum profitabel, in übelstem Ruf. Bis nach dem Rückzug Napoleons aus Berlin ein neuer Anlauf gestartet wurde. Dann sollte es heißen: Der Fiaker ist tot, es lebe die Droschke!