Vor 150 Jahren

Schwere Geburt des Kaiserreichs: So wurde Berlin Hauptstadt

Vor 150 Jahren wurde Berlin zur deutschen Hauptstadt. Die Dresdner Schau „Krieg Macht Nation“ erklärt den blutigen Weg dorthin.

Der Siegeszug der Preußischen Truppen 1871 vor dem Brandenburger Tor in Berlin, Deutschland, historische Szene, Deutsch-Französischer Krieg von 1870-1871 zwischen dem Kaiserreich Frankreich und dem Königreich Preußen, Europa | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.

Der Siegeszug der Preußischen Truppen 1871 vor dem Brandenburger Tor in Berlin, Deutschland, historische Szene, Deutsch-Französischer Krieg von 1870-1871 zwischen dem Kaiserreich Frankreich und dem Königreich Preußen, Europa | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.

Foto: H.-D. Falkenstein / picture alliance / imageBROKER

Die kommenden Silvesterkracher werden den nahtlosen Wechsel markieren vom Jahr mit dem 100. Geburtstag von Groß-Berlin, der sich am 1. Oktober jährt, gleich hin zum nächsten Jubiläumsjahr: 150 Jahre deutsche Hauptstadt. Schon am 18. Januar wird ganz Deutschland der Reichsgründung im Jahr 1871 gedenken. Dabei hatte es ein deutsches Reich, ein „Heiliges Römisches“ sogar, bekanntlich jahrhundertelang zuvor schon einmal gegeben, bis es sich im Zuge der napoleonischen Kriege auflöste. Berlin aber wurde mit jenem Tag zum ersten Mal deutsche Hauptstadt.

Und so führt die gerade in Dresden eröffnete Ausstellung „Krieg Macht Nation“, in der die Vorbereitung zu jener „Wiedergeburt“ des Reiches wie auch deren unmittelbare Folgen durchaus illuster und anschaulich dokumentiert und erklärt werden, auch zu einem ganz besonderen Datum für Berlin. Die Schau ist im Militärhistorischen Museum zu sehen, und ihr Titel, bei dem das zweite Wort auch kleingeschrieben werden kann, deutet gleich an, um was es geht: Das Deutsche Reich, so absehbar, ja fast zwingend seine Geburt 1871 uns heute rückblickend im Grundsatz erscheint, entspross einer Serie von Kriegen. Oder, wie es sein Geburtshelfer, der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck, schon vorher wusste, es würde entstehen aus „Blut und Eisen“ – damit es die Gestalt annahm, die Bismarck vorschwebte: unter preußischer Führung.

Und so stehen in der Ausstellung die drei „Einigungskriege“ im Vordergrund: der deutsch-dänische 1864, dann der preußisch-österreichische oder „deutsche“ 1866, sowie zuletzt der gesamtdeutsch-französische 1870/71. Originale von Waffen, Schriften und Skizzen über die Strategien, Aufmarschpläne, Uniformen, zeitgenössische Schlachtenmalereien aber eben auch bereits Fotos versetzen den Besucher in jene Zeit, um sich dort so gut es geht in das damalige Spannungsverhältnis zu versetzen zwischen nationalem Aufbruch und vielfachem Tod an der Front.

Die didaktisch gut aufbereiteten Erklärungen und Einführungen dokumentieren den damaligen ersten Aufbruch in die Moderne, mit Telegrafie, Eisenbahn, Fotografie und, ja auch Ansätzen von menschlich-fortschrittlicher Kriegsführung mit der ersten Genfer Konvention von 1864. Aber auch die Winkelzüge Bismarcks, mit denen er den eigenen, preußischen, König, der dem Kaisertum überhaupt nicht zugeneigt war, unter Zugzwang setzte.

Indem er im ersten, dänischen Krieg die kaiserlichen Österreicher unter seiner Führung einband, nur um im daraus entstandenen Bündnis einen Krach mit ihnen zu provozieren, sie im preußisch-österreichischen Krieg im Sinne einer kleindeutschen Lösung aus dem kommenden Reich herauszukegeln, dabei große Ländereien besonders im Hannoverschen und Westfälischen einzuheimsen sowie Bayern, Baden, Sachsen und alle anderen im gemeinsamen Bund und im Vorgriff auf die Reichsgründung mit in den Waffengang gegen die Franzosen zu drängen. Und dabei zu siegen.

Bismarck provozierte den Zorn Frankreichs

Und als Krönung des Ganzen: Mit den im Krieg gegen Österreich bei dessen Verbündeten Hannover erbeuteten Welfenmillionen den wegen seines Schlösserwahns völlig zahlungsunfähigen Bayernkönig Ludwig II. heimlich zu bestechen, den berühmten Kaiserbrief aufzusetzen. In dem bat er, unterzeichnet auch von den anderen deutschen Herzögen, Fürsten und Königen, den Preußenkönig Wilhelm, doch bitte die Kaiserkrone anzunehmen. Wilhelm wollte das eigentlich nicht, Ludwig als Bayer schon gar nicht, er musste aber – und Bismarck war am Ziel.

Dass Bismarck mit der von ihm inszenierten Kaiserkrönung ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles den Zorn des Erbfeindes Frankreich provozierte und so gewissermaßen den Ursprung für die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts legte, nämlich den Friedensschluss dortselbst nach dem Ersten Weltkrieg, ist dann eine andere Geschichte, auch sie wird in Dresden angedeutet. Auch erhält die damalige Opposition der Sozialdemokraten unter Bebel breiten Raum.