Berlin und seine Krisen

Die Finanzkrise 2008 war Schock und Chance

Mit der Lehman-Brothers-Pleite platzt die Immobilienblase. Die Berliner Wirtschaft bekommt die Folgen zu spüren.

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hatte auch Folgen für den Wirtschaftsstandort Berlin.

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hatte auch Folgen für den Wirtschaftsstandort Berlin.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Berlin. Am Tag der Pleite hat Louis Pfitzner frei. Mit seiner Freundin hatte er zuvor ein verlängertes Wochenende verbracht. Nun sieht auch er im Fernsehen die Bilder, die am 15. September 2008 um die Welt gehen: Hochbezahlte Banker im Maßanzug tragen in Umzugskarton ihre Sachen aus der Zentrale der Bank Lehman Brothers in London, weil der Staat sie nicht retten will.

Der heute 38 Jahre alte Pfitzner ist damals bei Lehman Brothers in London als sogenannter M&A-Analyst angestellt. Mit allerhand Zahlen in Excel-Tabellen und Power-Point-Präsentationen hilft er dabei, Unternehmen bei der Übernahme anderer Firmen zu unterstützten. Das ist nicht unbedingt das Kerngeschäft der Bank, die bis heute als Sinnbild der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise von 2007 bis 2009 gilt.

Banken bündeln Kreditrisiken – dann platzt die Blase

Rückblick: Seit August 2007 ächzen die USA unter einer Immobilienkrise. Befeuert von niedrigen Zinsen und steigenden Hauspreisen kaufen auch Amerikaner Häuser. Darunter sind viele, die sich die eigenen vier Wände eigentlich nicht leisten konnten. Banken aber haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Die Institute bündeln die Kreditrisiken in Wertpapieren und verkaufen sie sich untereinander. Als immer mehr Kredite ausfallen, bekommen die Geldhäuser Probleme. Auch Lehman ist betroffen. Am 10. September 2008 kündigt Lehman-Chef Richard Fuld einen Milliardenverlust allein für das dritte Quartal an.

Die Folgen der Krise sind noch heute rund um den Globus zu spüren. Vor allem an den Niedrigzinsen, die die Altersvorsorge der Bürger schmälern, aber auch an den hohen Schulden der Staaten, die ihren Banken zu Hilfe kommen mussten.

Ex-Lehman-Banker: „Das war undenkbar“

Louis Pfitzner sagt, er habe die Insolvenz nicht kommen sehen. „Das war undenkbar. Es geht bergab, das war allen klar. Aber dass es ganz zu Ende geht, hatte keiner auf dem Schirm“, erklärt er rückblickend. Auch der junge Pfitzner verliert nach der Pleite seinen Job. Einige Monate später geht er für Ärzte ohne Grenzen in den Kongo, später hilft er nach dem verheerende Erdbeben in Haiti beim Wiederaufbau. Mittlerweile ist Pfitzner Teil der Berliner Start-up-Szene. 2010 beginnt er bei Lieferheld. Durch die Finanzkrise und die Folgen für Unternehmen hätten junge Talente zwar ihre Arbeit verloren. Viele von ihnen hätten sich aber danach neu orientiert und Chancen ergriffen. So wie eben Pfitzner selbst in der Berliner Start-up-Landschaft.

Die Berliner Wirtschaft trifft die weltweite Krise im Sommer 2009, allerdings weniger stark als zunächst befürchtet. Ein Grund dafür ist die vergleichsweise niedrige Industrie-Dichte der deutschen Hauptstadt. 2008 etwa erbringt die Berliner Industrie rund 10,7 Prozent der Wertschöpfung, deutschlandweit sind es dagegen 22,3 Prozent. Zwar schreiben auch Industrieunternehmen in der deutschen Hauptstadt rote Zahlen, wegen der geringen Bedeutung zum Beispiel der Automobilbranche fällt der Einbruch aber schwächer aus als in anderen Bundesländern.

Kurzarbeitergeld stützt Kauflaune der Deutschen

Unterstützend wirkt das damals rasch ausgerollte Kurzarbeitergeld. Die staatliche Unterstützungsleistung stabilisiert den Arbeitsmarkt bundesweit und damit auch Kaufkraft und Kauflaune: Die besonders sensibel auf steigende Arbeitslosenquoten reagierenden deutschen Konsumenten sind beruhigt, und die Binnennachfrage – für Berliner Händler, Dienstleister und Gastronomen entscheidend – bleibt relativ solide. In Berlin sinkt das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2009 um real 1,1 Prozent, gegenüber 5,7 Prozent im Bundesdurchschnitt.

Dennoch: Die Kritik der Wirtschaftsverbände und Kammern gleicht fast den Aussagen zur aktuellen Corona-Pandemie. Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie Handwerkskammer ist damals das Agieren des rot-roten Senats nicht wirtschaftsfreundlich genug. Es sei wichtig, dass der Senat versteht, dass auch Berlin als Land eine Antwort auf die Wirtschaftskrise anbieten müsse, sagt im Januar 2009 etwa der damalige Präsident der Berliner Handwerkskammer, Stephan Schwarz, im Interview mit der Berliner Morgenpost. „Da muss ein Plan her. Der ist derzeit nicht erkennbar. Neben einem Investitionspaket gehören dazu auch Entscheidungen, um die Wirtschaft zu entlasten“, betont Schwarz.

Kammern kritisieren währen der Finanzkrise den Berliner Senat

Und der damalige IHK-Präsident Eric Schweitzer sieht im selben Gespräch Nachholbedarf, was eine wirtschaftsfreundlichere Ausrichtung der Politiker in Berlin angeht. „Der Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik muss 2009 darin liegen, den kleinen und mittleren Unternehmen nachhaltig zu helfen – und zwar nicht einfach durch Subventionen wie früher, sondern durch Entlastungen, auch von Gewerbesteuern und Abgaben sowie Bürokratie“, sagt Schweitzer.

Dass für kleine Unternehmen ohne starken finanziellen Rückhalt die Lage auch in Berlin nicht einfach ist, zeigt das Beispiel des Fernsehsender FAB (Fernsehen aus Berlin). Am 1. April muss FAB den Sendebetrieb einstellen. Das Unternehmen hatte sich einerseits mit einem Neubau übernommen, andererseits war ein Investor abgesprungen. FAB-Geschäftsführer Mike Meier-Hormann hatte die Insolvenzanmeldung bereits im Januar live auf Sendung verkündet. FAB sei ein „Rohdiamant“, sagte Meier-Hormann damals. Ein Retter, der den Edelstein wieder zu neuem Glanz verhelfen würde, findet sich dennoch nicht.

2010 ist die Berliner Wirtschaft schon wieder auf Vorkrisenniveau

Berlinweit ist die Krise nach einem Dreivierteljahr überstanden. Bereits im ersten Halbjahr 2010 ist die Wirtschaftsleistung wieder auf Vorkrisenniveau. Die während der Krise gestiegene Arbeitslosigkeit kann der einsetzende Beschäftigungsaufbau vieler Firmen schnell wieder ausgleichen.

Alle Branchen hatten aber Einschnitte zu verkraften, sagt heute rückblickend Henrik Vagt, IHK-Geschäftsführer für Politik und Wirtschaft. Die derzeitige Corona-Krise sei dennoch um ein Vielfaches dramatischer. „Über alle Wirtschaftsbereiche hinweg sind Unternehmen akut existenziell gefährdet, und sowohl Angebot als auch Nachfrage sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Dazu kommt, dass physische Nähe, als aktuell gesundheitliches Risiko, in einer hochverdichteten Großstadt besonders schwer zum Tragen kommt“, so Vagt.

Wirtschaftssenatorin: Konsequenzen der Corona-Krise schlimmer

Insgesamt seien die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Pandemie komplexer, sagt auch Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Corona habe neben einem Nachfrageschock wegen des Shutdowns zusätzlich einen Angebotsschock mit gestörten Lieferketten und Beschäftigungsausfällen zur Folge. Eines allerdings hätten beiden Krisen gemeinsam: Eine schnelle und entschlossene Reaktion der Politik sei wichtig, um die Folgen abzufedern und um bei wirtschaftlichen Akteuren das Vertrauen schnell wieder herzustellen.

Ex-Lehman-Banker Louis Pfitzner hat aus der Finanzkrise für sein Leben gelernt. „Nichts ist sicher, aber es geht immer weiter“, sagt er. Entscheidend für Unternehmer so wie auch junge Gründer sei, sich schnell an neue Situationen anzupassen. Pfitzner selbst hat die Chancen ergriffen und nach seiner Zeit bei Lieferheld Unternehmen gegründet. Heute ist er Co-Geschäftsführer beim Berliner Start-up Caya: Die junge Firma digitalisiert Briefe und schickt sie ihren Kunden per E-Mail zu.