Berlin und seine Krisen

Weltwirtschaftskrise 1929 - Der lange Weg in den Abgrund

Die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte gravierende Folgen für Berlin. Es kam immer wieder zu Arbeitskämpfen.

Die digital nachkolorierte, um 1930 entstandene Aufnahme zeigt Arbeitslose in den Straßen Berlins.

Die digital nachkolorierte, um 1930 entstandene Aufnahme zeigt Arbeitslose in den Straßen Berlins.

Foto: akg-images / picture alliance / akg-images

Die Abendausgabe der „Vossischen Zeitung“ erschien am 3. Oktober 1929 in ungewöhnlicher Aufmachung. Gleich unter den Titelkopf hatte die Redaktion eine Traueranzeige gesetzt – für den Reichsaußenminister und früheren Reichskanzler Gustav Stresemann, zugleich Vorsitzender der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP). „Der Reichsaußenminister Dr. Stresemann“, schrieb das Blatt, „ist heute früh um 5 Uhr 25 einem Schlaganfall erlegen. Er hatte, nachdem er gestern den ganzen Tag über sich an den innenpolitischen Verhandlungen intensiv beteiligt hatte, zwischen zehn und halb elf Uhr abends einen ersten Anfall erlitten, der zu einer Lähmung der rechten Körperhälfte führte. Die Ärzte hofften dennoch, ihn am Leben zu erhalten; ein zweiter Anfall in den Morgenstunden führte jedoch das Ende herbei.“

Man muss sich beim Blick auf die Geschichte immer hüten, Omen und Menetekel zu entdecken, wo für die Zeitgenossen das Unvorhersehbare regierte. Aber im Fall Stresemanns ist die Versuchung besonders groß. Als er starb, neigte sich ein Abschnitt der Geschichte der Weimarer Republik dem Ende zu, den Historiker heute als Phase relativer Stabilität beschreiben. Deutschland und vor allem Berlin hatten die Zeiten revolutionärer Erschütterungen der Anfangsjahre hinter sich gelassen

Seit 1924 hatte sich die innenpolitische Lage beruhigt. Die Inflation war durch die Einführung der Rentenmark im November 1923 gestoppt worden. Der Dawes-Plan von 1924 regelte die Reparationszahlungen Deutschlands an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs und koppelte sie an die ökonomischen Möglichkeiten der Weimarer Republik. Neue industrielle Produktionsweisen wie das Fließband sowie hohe Kredite aus den USA führten zu wirtschaftlichem Aufschwung und steigendem Wohlstand – wenngleich die Armut besonders in Großstädten wie Berlin immer noch überall sichtbar blieb. Es sind vor allem diese fünf Jahre zwischen 1924 und 1929, die uns im Rückblick als die mythisch aufgeladenen „Goldenen Zwanziger“ erscheinen – eine Explosion künstlerischer Energie, gesellschaftliche Vielfalt und ein liberales Grundklima, das freilich auch schon eine antisemitische Schlagseite hatte.

Und dann starb mit Gustav Stresemann ein Politiker, dessen Name mit dieser Phase aufs Engste verbunden war. Der Schrecken über seinen Tod erreichte auch die linke „Weltbühne“, in der Carl von Ossietzky sich zwar „die matten Klischeeworte der Nachrufe“ verbot, aber doch einräumen musste: „Die Verhältnisse, die unter der fünfjährigen Ministerherrschaft geschaffen worden sind, die sind ohne ihn in der Tat ernsthaft erschüttert. Kann man über einen Staatsmann Ehrenderes sagen?“

Dass diese „ernsthafte Erschütterung“ am Beginn eines Erdrutsches in Richtung Massenverarmung, Radikalisierung und Ende der Demokratie stand, konnte Ossietzky nicht wissen. Aber nun kam es tatsächlich Schlag auf Schlag. Am 24. Oktober begann die New Yorker Börse einzubrechen, der Auftakt der Weltwirtschaftskrise, in deren Strudel auch Deutschland geriet. Zwischen September 1929 und Anfang 1933 stieg die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 1,3 auf über sechs Millionen.

Was das für die Hauptstadt bedeutete, hat Jens Bisky in seinem im Frühjahr erschienenen Buch „Berlin. Biographie einer großen Stadt“ (Rowohlt) bündig zusammengefasst: „Die Wirtschaftskrise traf Berlin ins Mark. 1931 musste die Börse zweimal für Monate geschlossen werden, für öffentliche Gebäude galt ein Baustopp. Löhne sanken, Tarife stiegen. Am 12. September 1931 marschierten SA-Grüppchen auf dem Kurfürstendamm, brüllten ,Juda, verrecke!’ und attackierten Synagogenbesucher und Passanten, die ihnen jüdisch auszusehen schienen. Prügeleien zwischen Kommunisten und Nazis waren an der Tagesordnung, Todesfälle und politische Morde häufig. Die Zahl der Industriebetriebe sank von 1928 bis 1932 um ein Viertel. Im März 1932 zählte man 606.000 Erwerbslose.“

Der Schriftsteller Hans Fallada hat in seinem 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann, was nun?“ beispielhaft beschrieben, wie die Krise in das Leben der Menschen einbrach und sie in den sozialen Abstieg zwang. Der Hauptakteur Johannes Pinneberg zieht nach Berlin, um dort eine Stellung als Herrenbekleidungs-Verkäufer anzutreten. Seine Frau bringt im März 1931 den gemeinsamen Sohn zur Welt. Pinneberg verliert aus vorgeschobenem Anlass seinen Job und muss mit Frau und Kind in eine Gartenlaube ziehen, etwa 40 Kilometer östlich von Berlin. Als er in die Stadt fährt, um sich Arbeitslosenunterstützung zu holen, bleibt er vor den Auslagen der Läden in der Friedrichstraße stehen. Ein Schupo hält ihn für einen Bettler und vertreibt ihn.

Die Straße wird politisch, gewalttätig und radikal

Die Demütigung der Armut war im Berlin der Weltwirtschaftskrise Alltag. Sie war der Nährboden für die politische Radikalisierung, die sich in den kommenden Jahren bis zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 vollziehen sollte. Mit den Landtagswahlen von 1929 begann Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihrem Aufschwung, der sich mit den Reichstagswahlen von 1930 und 1932 verstärkte. Die SA, die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, wurde für viele zu einem trügerischen Zufluchtsort. Sie wuchs zwischen November 1930 und August 1932 deutschlandweit von 60.000 auf über 470.000 Mitglieder. In Berlin existierten Ende 1931 mehr als einhundert sogenannte Sturmlokale, oft gezielt in der Nähe von Treffpunkten der Kommunistischen Partei, um sich mit deren Anhängern Straßenschlachten liefern zu können.

Im Arbeiterbezirk Friedrichshain übernahm im Frühjahr 1929 der damals 22-jährige Horst Wessel den Sturm 5 der SA, der als besonders brutaler Schlägertrupp bekannt war. Wessel hatte bei der illegalen Schwarzen Reichswehr einen mehrwöchigen Ausbildungskurs gemacht und jagte seit vielen Jahren in Berlin fast gewohnheitsmäßig Sozialdemokraten und Kommunisten. Nachdem er von einem Mitglied des Roten Frontkämpferbundes erschossen worden war, stilisierte ihn die NSDAP zum Märtyrer. Das Horst-Wessel-Lied, basierend auf einem von ihm verfassten Gedicht, wurde zu einer Art inoffizieller Nationalhymne und sollte erst nach dem Ende des Krieges vom Alliierten Kontrollrat verboten werden.

Man muss sich die Stimmung in der Stadt in diesen Jahren sehr düster ausmalen. „Das Leben der Stadt ist in Agonie verfallen“, schrieb der Schriftsteller Heinz Rein in seinem 1946 erschienenen Buch „Berlin 1932“, das sich bei Jens Bisky zitiert findet. „Überfüllt sind lediglich die Arbeits- und Wohlfahrtsämter, sie können die Massen der Arbeitssuchenden und Unterstützungsempfänger nicht fassen, vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag stehen die Menschen vor ihren Toren, die einen geduldig, die anderen schon stumpf und schicksalsergeben, viele aber auch aufrührerisch und zielbewusst.“ Und weiter: „Die Kriminalität hat ein ungeheures Ausmaß angenommen, namentlich unter den Jugendlichen macht sich ein erschreckender moralischer Tiefstand bemerkbar.“

Sofern die Menschen noch Arbeit hatten, kam es immer wieder zu Arbeitskämpfen – am bekanntesten darunter der große BVG-Streik, der am 3. November 1932 die gesamte Stadt lahmlegte und sowohl von Kommunisten wie auch von den Nationalsozialisten propagandistisch befeuert wurde. Der Streik sollte bis zum 7. November dauern, bei den ihn begleitenden Aufständen erschoss die Polizei mehrere Demonstranten.

Die Weltwirtschaftskrise galt erst drei Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten als überwunden. Doch war nun an die Stelle der demokratischen Verfassung ein menschenverachtendes, zutiefst rassistisches Regime getreten, das noch tiefer in den Alltag vieler Menschen eingriff. Der ökonomische Abwärtsstrudel mochte zum Stillstand gekommen sein. Aber der Weg in den Abgrund stand auch den Berlinern erst noch bevor.