Berlin und seine Krisen

Als das Wohnen die Berliner krank machte

Um 1900 wurde klar, wie eng in Berlin schlechte Wohnverhältnisse und Krankheiten zusammenhängen. Das Elend gab Anstoß für neue Gesetze.

Die Küche war auch der Schlafraum für eine Familie mit zwei Kindern: Wohnung an der Danziger Straße, Prenzlauer Berg, 1907.

Die Küche war auch der Schlafraum für eine Familie mit zwei Kindern: Wohnung an der Danziger Straße, Prenzlauer Berg, 1907.

Foto: akg-images

Berlin. „Man kann einen Menschen mit einer schlechten Wohnung genauso töten wie mit einer Axt“, schrieb der Journalist und SPD-Politiker Albert Südekum im Jahr 1908. Es ging um die elenden Massenquartiere der Unterschicht im aufstrebenden Berlin. Was Journalisten wie Südekum in ihren Berichten und Maler wie Heinrich Zille in drastischen „Milljöh“-Studien festhielten, beschäftigte nach der Reichsgründung 1871 zunehmend auch die Politik: Die Kehrseiten der Berliner Gründerzeit im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Als Reaktion auf das Elend folgte später die gesetzliche Einführung von Sozialversicherungen wie Kranken-, Unfall- und Rentenversicherungen durch Otto von Bismarck, aber auch die Gründung vieler Wohlfahrtsverbände. Die Einführung des staatlichen Solidarprinzips unter Otto von Bismarck war eine Reaktion, um Sozialdemokraten und sozialistischen Gewerkschaften Paroli zu bieten, die den Protest gegen die Verhältnisse so massiv erhöhten, dass Unruhen befürchtet wurden.

Ein früher Datenjournalist, der das Elend in Zahlen fasste

Der Journalist Albert Südekum (1871–1944) sitzt damals für die SPD im deutschen Reichstag. Sein Thema ist die Reform des Berliner Wohnungswesens. Südekum kritisiert, Wohnungen zu vermieten sei in der rasant wachsenden Stadt zum „eigenen Berufsstand“ geworden, der die Wohnungsnot von Menschen mit geringen Einkommen gnadenlos ausnutze.

Einerseits ist Berlin in wenigen Jahrzehnten zur modernsten Metropole Europas geworden. Unternehmen wie Borsig, Agfa und die Elektroriesen Siemens, Halske und AEG haben Hochtechnologie in Berlins damalige Vororte gebracht. Immer mehr Zuwanderer strömen auf der Suche nach Arbeit nach Berlin, viele aus ländlichen Regionen in Brandenburg, Ostpreußen oder Schlesien. Die meisten landen in den überfüllten Mietskasernen der Stadt.

Die Kehrseite des Booms ist wachsendes Elend. Lichtlose, unbelüftete und völlig überbelegte Wohnungen führen zur Verbreitung von immer mehr Krankheiten – das prangen Ärzte und Wissenschaftler schon länger an. Um zu beschreiben, wie die Arbeiterfamilien tatsächlich leben, greift Albert Südekum in seinem Buch über das „Großstädtische Wohnungselend“ zu einem anschaulichen Mittel. Akribisch recherchiert er statistische Zahlen aus ganz unterschiedlichen Quellen und stellt diesen Reportagen aus eigener Anschauung gegenüber. Ein früher „Datenjournalist“, wenn man so will, der erkannte, was heute in Corona-Zeiten wieder deutlich wird: wie wichtig einerseits Statistiken sind, um Hintergründe von Krankheiten und deren Verbreitungswege zu verstehen. Dass sich aber die Bedeutung von Zahlen besser begreifen lässt, wenn man auch die menschlichen Schicksale sieht, die dahinter stehen.

Veröffentlicht wird Südekums Bericht in der Reihe „Großstadt-Dokumente“, die der Berliner Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Hans Ostwald herausbrachte. Zu den Autoren gehören neben Ostwald und Südekum auch Ärzte und Sexualwissenschaftler wie Magnus Hirschfeld oder Max Marcuse, der über die zunehmende Prostitution forscht.

Schon die Zahlen in Südekums Bericht sind unvorstellbar. Fast 100.000 Menschen hausen im Oktober 1900 in Berlin in Kellerwohnungen, so die Wohnungsstatistik, die jeweils zu „Umzugstagen“ im Frühjahr und Herbst erhoben wird. Von insgesamt rund 1,8 Millionen Bewohnern von Mietwohnungen lebt etwa die Hälfte in engen Hinterhäusern und Quergebäuden. Viele ohne Heizung, ohne direktes Licht, teilweise sogar ohne Fenster.

Arbeiter nehmen „Schlafgänger“ auf

Weil sich gerade Arbeiter die steigenden Mieten nicht leisten könnten, sei eine große Zahl darauf angewiesen, zusätzlich sogenannte „Schlafgänger“ aufzunehmen, so Südekum. Die Vermietung von Schlafplätzen in den ohnehin überfüllten Wohnungen werde zunehmend zu einem sozialen, aber auch hygienischen Problem. Schon im Jahr 1900 gab es, so Südekum, in Berlin 62.000 Haushalte mit Untermietern oder Schlafgängern. Mit der Zunahme der Bewohner in den Wohnungen nehme auch die sexuelle Gewalt an Kindern zu – der Journalist zitiert Prozessberichte. Vor allem aber führe die Enge zu Krankheiten. „Dass durch derart überfüllte Schlafstätten der Verbreitung der Infektionskrankheiten, insbesondere der Tuberkulose, Vorschub geleistet und ihre Bekämpfung erschwert wird, dürfte ohne Weiteres einleuchten.“

Besonders im Fokus hat Südekum die Berliner Kinder. Ein Schularzt hat erhoben, dass nur ein Drittel der Schulkinder ein eigenes Bett zur Verfügung hat. Viele schlafen zu zweit, manche auf den Boden, in Bettkästen oder auf dem Sofa. Südekum beschreibt die blassen, oft kranken Kinder der Hinterhäuser. Die Berliner Statistik liefere über die höhere Sterblichkeit in Hinterhäusern „schlagende Beweise“: Im Jahr 1904 hätten die Masern in den Berliner Vorderhäusern im Durchschnitt bei 22 Prozent aller Fälle zum Tode geführt, „in Hinterhäusern aber steigt die Zahl der Todesfälle zu der ungeheuerlich hohen Zahl von 63 Prozent an. Auch bei Scharlach und Diphtherie gebe es in den beengten Wohnverhältnissen schlechtere Aussicht.“ Am schlimmsten aber wütete das Kindbettfieber in den Hinterhäusern. Dieses habe in 65 Prozent aller Fälle zum Tod geführt – die Rate lag um zehn Prozent höher als in den besseren Wohnlagen.

Fünf Personen leben und schlafen in der Küche

An einem heißen Sommertag begleitet der Journalist einen Arzt in ein Hinterhaus. Außer dessen Patientin und ihrem Mann „lebten in dieser Küche noch drei Kinder, von denen das älteste, ein Mädchen, 14 Jahre, die beiden Knaben etwa sieben und vier Jahre alt waren. Das Bett der Kranken war die einzige sichtbare Schlafgelegenheit“, so der Bericht. Die Familie besaß „nur wenig ärmlichen Hausrat. Auf der kleinen, eisernen Kochmaschine standen ein paar Töpfe, die nach dem letzten Gebrauch noch nicht gereinigt waren; den einzigen Tisch bedeckten ein paar Teller und Gläser, Zeitungsblätter, Kamm, Bürste und Seifenschale, eine Schachtel mit Salbe zum einreiben, Teller mit Speiseresten und andere Gegenstände. Der geringe Kleidervorrat der Familie hing an den Wänden.“

Die Frau, eine Zeitungsausträgerin mit verstauchtem Fuß, berichtet dem Arzt, dass die Familie binnen zwei Jahren etwa 15 Wohnungen wieder verloren hat, weil sie durch Krankheit, Todesfälle oder Arbeitslosigkeit die Miete nicht zahlen konnte.

Eine ausführliche Dokumentation des Elends lässt im Jahr 1907 auch die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute und Apotheker erstellen: Ärzte erfragen bei Patientenbesuchen auch deren Wohnverhältnisse. Knapp 13.000 Fälle können auf diese Weise erfasst werden. „Manche Schilderungen lassen den fühlenden Menschen beinahe das Blut in den Adern erstarren“, schreibt Südekum. Brisanz erhält der Bericht auch, weil die elenden Wohnverhältnisse in Fotografien dokumentiert werden.

Laut dieser Erhebung leben knapp zehn Prozent der Erkrankten „in dunklen Räumen, von denen 114 sogar nicht einmal ein Fenster besaßen“. In knapp 500 der besuchten Räume herrscht Feuchtigkeit, „auch hier vor allem in Hinterhäusern“, wo viele rheumatische Erkrankungen diagnostiziert werden. 349 Zimmer haben nicht einmal eine Heizgelegenheit.

Krankheiten verbreiten sich leicht

Eine „nie versiegende Quelle der Ansteckung und Weiterverbreitung infektiöser Krankheiten aber sei das „gedrängte Beisammenwohnen“, schreibt der Journalist. „Selbst Patienten mit ansteckenden Lungenkrankheiten hatten nur in etwa zwölf Prozent der Fälle einen Schlafraum für sich allein.“ Andere schlafen mit bis zu sieben anderen – noch Gesunden – in einem Raum. Das Zusammenpferchen von Kranken und Gesunden, schreibt Südekum, sei eine „Kulturwidrigkeit“.

Der SPD-Politiker fordert bezahlbare Mieten und sozialen Wohnungsbau, am besten in kommunaler Hand. Forderungen, die heute wieder vertraut klingen. Doch Südekums Bericht dokumentiert, dass die damaligen Verhältnisse jedoch nicht vergleichbar sind mit dem, was heute „Wohnungsnot“ genannt wird. Der Politiker mutmaßt 1908, dass die Auseinandersetzung um mieterfreundlichere Gesetze noch Jahre dauern werde. Und er behält recht. Zwar ermöglicht ein Gesetz seit 1889 die Gründung von Wohnungsbaugenossenschaften, bis 1915 entstehen in Berlin auch rund 5000 Genossenschaftswohnungen. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg wird es in Berlin erstmals öffentliche Wohnungsbauförderung und ein dafür geeignetes Kreditwesen geben.

Albert Südekum bleibt nach dem Krieg in der Politik. Nach der Revolution 1918 wird er zunächst preußischer Finanzminister, muss seinen Posten nach dem Kapp-Putsch 1920 aber räumen. Er wechselt in die Wirtschaft und wird unter anderem Vorstandsmitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Nach 1933 wird er sämtlicher Posten enthoben und engagiert sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Er stirbt 1944. In Spandau erinnert heute eine Straße an ihn – die Südekumzeile in Staaken.