Mauermuseum

Wie zwei Familien im Ballon aus der DDR flohen

Vor 40 Jahren fliehen zwei DDR-Familien im Heißluftballon über die innerdeutsche Grenze. Die Gondel ist im Mauermuseum zu sehen.

Frank Strelzyk, seine Mutter Doris und Bruder Andreas stehen im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Kreuzberg vor dem Überresten ihres Heißluftballons, mit dem die Familie vor 40 Jahren aus der DDR in den Westen flüchtete.

Frank Strelzyk, seine Mutter Doris und Bruder Andreas stehen im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Kreuzberg vor dem Überresten ihres Heißluftballons, mit dem die Familie vor 40 Jahren aus der DDR in den Westen flüchtete.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Es ist 40 Jahre her, dass zwei DDR-Familien die Flucht in den Westen mit einem Heißluftballon gelang. Am frühen Morgen des 16. September 1979 landeten acht Thüringer nahe der bayerischen Stadt Naila im Landkreis Hof. Es waren Peter Strelzyk mit Ehefrau Doris und den Söhnen Frank und Andreas sowie Günter Wetzel mit seiner Frau Petra und den Söhnen Peter und Andreas. Aus Anlass des Jubiläums haben Doris Strelzyk (72) und ihre Söhne am Donnerstag das Mauermuseum am Checkpoint Charlie besucht. Dort sind die Gondel des Ballons mit vier roten Gasflaschen und ein kleiner Teil der Ballonhülle zu sehen.

Seit Dezember 1979 seien sie ausgestellt, sagte Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt. Sie ist eng mit der Familie Strelzyk befreundet und lädt sie immer wieder nach Berlin ein. „Es ist wichtig, dass man sich an diese Geschichte erinnert“, sagte Hildebrandt. „Der Freiheitswille war stärker als die Angst.“ Der 16. September „ist für uns ein ganz wichtiger und besonderer Tag“, so die Museumschefin.

„Ich wusste, was meine Eltern vorhatten“

Peter Strelzyk starb 2017. Sein älterer Sohn Frank Riedmann, 56 Jahre alt, berichtete am Donnerstag im Museum von den Vorbereitungen der Flucht und dem Neuanfang in der Bundesrepublik. Er war damals 15 Jahre alt. „Ich wusste frühzeitig Bescheid, was meine Eltern vorhatten.“ Mit seinem Vater habe er oft Ballontests unternommen, so Riedmann. „Nachts, auf Waldwiesen.“ Sein jüngerer Bruder wurde erst zum Schluss in das Vorhaben eingeweiht. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis die Flucht glückte. Peter Strelzyk und Günter Wetzel waren damals Arbeitskollegen und gut befreundet. Sie informierten sich über technische Details, erprobten Brenner und testeten Ballonmaterialien. Verwendet wurden Bettinlets, Regenschirmseide, Taft und Zeltplanen.

Um nicht aufzufallen, kauften die Familien nur kleine Mengen. „Wir sind durch die gesamte DDR gefahren und haben in Läden nachgefragt“, erzählte Doris Strelzyk. „Deshalb ist der Ballon so bunt geworden.“ Auch die Nähmaschine, an der die Ballonhülle entstand, steht im Mauermuseum. Knapp 30 Minuten dauerte die nächtliche Flucht, die von den DDR-Grenzern nicht bemerkt wurde. „Wir hätten uns keinen Fehler erlauben dürfen“, sagte Frank Riedmann. Ein erster Fluchtversuch, den die Strelzyks schon im Juli 1979 unternommen hatten, war gescheitert. Der Ballon war in eine Wolke geraten und sank, weil sich die Hülle mit Wasser vollsog. Er landete im DDR-Grenzgebiet. „Wir hatten riesengroßes Glück“, so Frank Riedmann. Die Thüringer konnten unbemerkt nach Hause zurück kehren. Als Frau und als Mutter sei ihre innere Unruhe groß gewesen, berichtete Doris Strelzyk. „Man durfte niemandem etwas sagen, auch der eigenen Mutter nicht.“

18 Stasi-Spitzel waren im Westen auf sie angesetzt

Nach der gelungenen Flucht hat das Ehepaar viele Vorträge gehalten und seine Geschichte erzählt. „Vor Schulklassen und an Universitäten“, sagte Doris Strelzyk. Sie ist Rentnerin. Ihr jüngerer Sohn lebt in der Schweiz und ist Maler von Beruf. Der ältere arbeitet in Bayern für ein Elektronikunternehmen. In der DDR habe die Familie nichts mit den Staatssicherheitsdienst zu tun gehabt, sagte Frank Riedmann. „Als wir im Westen waren, hat sich das grundlegend geändert. 18 Personen wurden angesetzt, um uns auszuspionieren.“ Darunter ein guter Freund des Vaters. Er wurde in der DDR als vermeintlicher Mitwisser der Flucht verhaftet, kam schließlich frei und konnte ausreisen. Mit dem Auftrag, die Familie Strelzyk auseinanderzubringen und das Fachgeschäft von Peter Strelzyk zu ruinieren. „Das mit dem Geschäft hat er erreicht“, sagt Frank Riedmann. „Die Familie konnte er nicht auseinanderbringen.“

Nach der Flucht vermachten die Thüringer Familien ihren Heißluftballon der Stadt Naila. Die gab die Gondel und einige Stoffbahnen an das Mauermuseum am Checkpoint Charlie weiter. Dessen Gründer, Rainer Hildebrandt, organisierte den Transport nach West-Berlin. Es sei gefährlich gewesen, den Transitweg durch die DDR zu benutzen, so Alexandra Hildebrandt. Doch mit Hilfe der Westalliierten sei es gelungen. „Es war wichtig, dass die ganze Welt von der Flucht erfährt. Das hat anderen Menschen Mut gemacht.“

Günter Wetzel verletzte sich 1979 bei der Landung des Ballons am Bein und kam ins Krankenhaus. Später zogen er und seine Frau sich vor der Öffentlichkeit zurück, um in Ruhe ein neues Leben zu beginnen. Es kam zu Unstimmigkeiten zwischen den Familien Strelzyk und Wetzel. Günter Wetzel hat seine Sicht der Erlebnisse auf der Seite www.ballonflucht.de beschrieben. Der größte Teil der Ballonhülle ist derzeit im Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg zu sehen. Die etwa 1200 Quadratmeter große Fläche wurde zuvor restauriert.