30 Jahre Mauerfall

Václav Havel war das Symbol des Aufbegehrens

Václav Havel war Dissident, Volksheld, Präsident. Warum er heute die Projektionsfläche der Unzufriedenen ist.

Vaclav Havel: Heute vor 30 Jahren ließ ihn das Regime verhaften, am Ende des Jahres war er Präsident der tschechischen Republik.

Vaclav Havel: Heute vor 30 Jahren ließ ihn das Regime verhaften, am Ende des Jahres war er Präsident der tschechischen Republik.

Foto: Foto: PETAR KUJUNDZIC / Reuters

Am Dienstag sieht es noch nach Aufbruch aus. Am 21. Februar 1989 schreibt die Berliner Morgenpost auf ihrer Titelseite: Das tschechoslowakische kommunistische Regime verlasse „seine bisher starre Haltung.“ Eine offene Diskussion über die sowjetische Besatzung solle ermöglicht werden, zitiert diese Zeitung aus dem Parteiorgan des Prager Politbüros. Perestroika, endlich.

Am nächsten Tag erfahren Leser, was an jenem 21. Februar wirklich in Prag geschehen ist.

„Proteste gegen die Verurteilung von Václav Havel“, steht auf der Titelseite. „Neun Monate verschärfte Haft wegen Aufhetzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt.“ Von wegen Perestroika. „Neostalinismus“, schreibt die Morgenpost am Tag darauf. 19 Bürgerrechtsgruppen aus Ost-Berlin solidarisieren sich mit dem Anführer der tschechischen Oppositionellen.

Genauer Blick in den Ostblock

In den 1980er-Jahren blickt die Morgenpost sehr genau in den Ostblock, eine deutsche Wiedervereinigung immer im Hinterkopf, so unmöglich sie auch erschien. Sie wird nicht nur in Berlin und Bonn erkämpft. Sie ist eng verknüpft mit dem Geschehen in Warschau, Budapest und in Prag. Dort wird Václav Havel wenige Monate nach seiner Verurteilung zum Anführer der Samtenen Revolution.

Was für eine Geschichte: Der kauzige Intellektuelle, Dramatiker und Staatsfeind Nummer eins der sozialistischen Tschechoslowakei, führt das Land aus der sowjetischen Besatzung in die Freiheit, wird zum Präsidenten gewählt. Auf der Prager Burg empfängt er die Rolling Stones, fährt auf einem Tretroller durch die Gänge.

30 Jahre danach strahlt Havels Geschichte vor allem im Ausland weiter. In Tschechien ist er dagegen zu einer Reizfigur geworden. Der Slogan des Dichterpräsidenten war: „Wahrheit und Liebe muss über Lügen und Hass siegen“. Heute gibt es das Wort „Wahrheitslieber“ im Tschechischen. Es ist ein Schimpfwort. Vergleichbar mit dem Deutschen „Gutmensch“. An Havel spaltet sich die Gesellschaft. Wie konnte das passieren?

Der Mitgefangene Petr Placák erinnert sich

Um das zu begreifen, lohnt eine Reise durch die jüngste Geschichte des Nachbarlandes. Ein guter Reisebegleiter ist Petr Placák – einstiger Mitgefangener und Mitstreiter Havels. Heute erforscht er als Historiker totalitäre Regimes. Wir treffen uns am Wenzelsplatz, unter der Reiterstatue des Nationalpatrons, des heiligen Wenzel. Der 55-Jährige trägt einen Schlapphut über der grauen, krausen Mähne. Er deutet über die Straße, auf den Gehweg. Da stand er, Václav Havel, fast auf den Tag genau vor 30 Jahren.

Václav Havel war das Symbol des Aufbegehren

Hunderte hatten sich hier getroffen. Nicht, um Parolen gegen das Regime zu rufen. Sondern zum Gedenken an Jan Palach, einen Studenten, der sich 1969 aus Protest gegen die sowjetische Besatzung hier, auf dem Wenzelsplatz, angezündet hatte – und starb.

„Eine Perestroika hat es nicht gegeben“, sagt Placák. Das ganze morsche Gerüst des Staatsapparats habe sich auf die Protektion aus Moskau gestützt. An der Lesart des Politbüros durfte auch 1989 noch immer nicht gerüttelt werden. Sie lautete: Die Sowjets haben die tschechoslowakischen Brüder vor der Konterrevolution bewahrt – und wurden mit offenen Armen empfangen. Eine Besetzung und einen Protest hatte es nie gegeben. Zum Gedenken durfte es demnach auch 1989 keinen Anlass geben.

Placák gehörte zur jüngsten, radikalsten Generation der Oppositionsbewegung. Er war damals bis zur Statue gestiegen, hatte einen Kranz niedergelegt. Dann schnappte die Volkspolizei zu. In Placáks Erinnerung wollte die Menge den Polizeibus aufhalten, in dem er und die anderen abtransportiert wurden. Sie rüttelten am Wagen, brachten die Insassen zum Schaukeln. Placák habe die Euphorie in sich aufsteigen gefühlt. Endlich ließen die Prager die Repression nicht mehr einfach geschehen.

Heute kichert Placák über den Kampf

Wenn Placák heute über den Kampf gegen das Regime erzählt, kichert er wie ein Junge über die Schnippchen, die sie den Spitzeln geschlagen haben. Über die absurde Grobheit der Polizisten. Dabei war denen gar nicht zum Spaßen zu Mute. Einmal packten drei Geheimpolizisten Placák nach einer Demonstration in einen Wagen, fuhren ihn 40 Kilometer aus der Stadt, verprügelten ihn, stahlen alles, was er bei sich trug, und ließen ihn am Straßenrand liegen.

Das Gedenken auf dem Wenzelsplatz hat Placák damals mitorganisiert. Am 21. Februar vor 30 Jahren wurde auch er verurteilt. Auf Bewährung. Havel, der nur als Unterstützer dort war und am Bürgersteig stand, bekam neun Monate. Verschärfte Haft.

Schließlich war Havel das Symbol des Aufbegehrens. Und passte doch nicht in das Bild des Rowdys, das das Regime von ihm zeichnete. Er war bekannt für seinen höflichen Umgang mit den Peinigern. Die machte das rasend, sie sperrten ihn immer wieder ein. Das unverhältnismäßige Urteil vom 21. Februar wiegelte das Volk endgültig gegen die Machthaber auf.

Immer mehr gingen in den Monaten darauf auf die Straßen. Im November schließlich brachten sie das Regime zu Fall. Und Havel auf die Prager Burg.

Am Tag nach der Wahl titelte die Morgenpost: „Prag jubelt dem neuen Präsidenten Havel zu.“ Im Politikteil ein großes Porträt: Vom Geächteten zum Staatschef. Auf dem Foto formt Havel die rechte Hand zu einem V für „Victory“. So, wie Havel es verstand, den Hass des Regimes auf sich zu ziehen, so flog ihm auf den Freiheitsdemos in der Wendezeit die Euphorie des Volkes entgegen.

Irrational. So beschreibt der Historiker Placák das Verhältnis der Tschechen zu ihrem Havel, nennt ihn einen „Blitzableiter für Gefühle“.

Auch er kämpft mit den Emotionen

Wir sitzen inzwischen in einer ehemaligen Dissidenten-Kneipe in der Innenstadt. Draußen huschen Touristengruppen vorbei. Drinnen nippt Placák abwechselnd an einem Espresso und einem Bier. Er erzählt, wie er sich von Havel und dem Bürgerforum – das die politische Neuordnung nach der friedlichen Revolution organisierte – abwandte. Er kann sich bis heute über die erste Amtshandlung des Präsidenten Havel aufregen. Und wenig später rinnen ihm Tränen über die Wangen.

Placák brach mit Havel wegen dessen Umgang mit den Apparatschiks. Zu versöhnlich. Der Präsident war damals der Ansicht, dass der Übergang zur Demokratie nur gemeinsam mit den Kommunisten zu machen sei. Alle Institutionen waren mit Linientreuen durchsetzt, jeder zehnte Einwohner Parteimitglied. Havel entschloss sich gegen einen radikalen Schnitt. Und machte den letzten totalitären Premierminister zum ersten demokratischen Premierminister.

Petr Placák trat kurz darauf aus dem Bürgerforum aus, wurde Journalist, schrieb wütende Kommentare über Havel. Er studierte Geschichte. Später startete er ein Bürgerbegehren mit dem Titel: „Mit Kommunisten redet man nicht“. Er schrieb Bücher, eines heißt „Der Spitzel“. Darin wird ein junger Desperado, der stets weiß, wo die Linie zwischen Gut und Böse verläuft, von primitiven Agenten drangsaliert. Jene Geheimdienstler, die Placák in den Achtzigern verschleppt und verprügelt hatten, brachte er 2012 vor Gericht und hinter Gitter. Kein Pardon – so sah Placák das.

Der Kurs von Václav Havel war die Aussöhnung

In seinem ersten Amtsjahr reiste er nach München und entschuldigte sich bei den nach dem zweiten Weltkrieg gewaltsam vertriebenen Sudetendeutschen. Havel war ein kompromissloser Verfechter der Menschenrechte. Und die gelten eben auch für Sudetendeutsche und Nazis. Ein Schock für viele Tschechen. Hatte es doch laut sozialistischer Doktrin keine Täter auf tschechischer Seite gegeben, war die Vertreibung bis dahin als gerechte und friedliche Konsequenz aus den Gräueltaten der Nationalsozialisten propagiert worden.

Havel führte die Tschechen in die Nato, er bereitete den Weg für den Beitritt in die Europäische Union. Eine Erfolgsgeschichte. Wirtschaftlich ging es dem Land nie besser, Tschechien hat EU-weit die niedrigste Arbeitslosenquote, ist weiter Netto-Empfänger der Fördergelder aus Brüssel.

Aber die politische Wende brachte auch Enttäuschungen. An der Privatisierung ehemaliger Volksbetriebe bereicherten sich Politiker mit Seilschaften in die Wirtschaft und zur organisierten Kriminalität. In den Regionen, in denen während des Sozialismus die Schwerindustrie blühte, machte sich wirtschaftlicher Niedergang und Armut breit. Ein Korruptionsskandal nach dem anderen erschütterte die Politik.

Später wurde er zum Blitzableiter für den Verdruss

Havel war wieder Blitzableiter. Diesmal für den Verdruss. Schließlich hatte er das Land in dieses politische System mit all seinen Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten geführt. Und der Präsident machte es den Tschechen nicht leicht, er moralisierte, hielt ihnen immer wieder Provinzialität oder Fremdenfeindlichkeit vor. Auch nach seiner letzten Präsidentschaft blieb er als Verfechter von Menschenrechten und Demokratie hörbar. Oppositionelle aus aller Welt lud er jährlich zu einer Konferenz nach Prag. Er kritisierte den Verfall der politischen Kultur, den erstarkenden Nationalismus.

Am 19. Dezember 2011 widmete die Berliner Morgenpost Václav Havel erneut ein großes Porträt. „Ein immer freier Mann“, steht dort. Ein Nachruf. Am Vorabend war Havel an den gesundheitlichen Folgen der Inhaftierungen während des Kommunismus gestorben. Wieder füllte sich der Wenzelsplatz. Schneeflocken schwebten auf die Menschen herab, manche lagen sich weinend in den Armen.

Petr Placák traf sich an jenem Abend mit den anderen Dissidenten in dem Theater, in dem Havel als Dramaturg gewirkt hatte. „Wir haben bis in die Morgenstunden getrunken“, sagt Placák. Längst hatte er sich mit Havel ausgesöhnt. In fast allem, was diesem heute vorgeworfen wird, steht er hinter ihm. Er sagt: „Niemand hat so viel für dieses Land getan.“ Seine Kritik sei immer sachlich, nie persönlich gewesen.

In den Tagen nach seinem Tod wurde Havel in einer Kapelle in der Prager Altstadt aufgebahrt. In eisiger Kälte standen die Menschen Schlange, um sich zu verabschieden. Petr Placák wartete fünf Stunden. Dann stand er vor dem Sarg. Als er beschreibt, was er in diesem Moment dachte, füllen sich seine Augen mit Tränen. „Er stand für Ideale, für Werte. Diese Zeiten waren nun vorbei.“

Für den Moment wirkt es so, als habe Placák recht behalten. Heute hat Tschechien einen Unternehmer als Premierminister, gegen den die Polizei wegen Veruntreuung von EU-Fördergeldern in Millionenhöhe ermittelt. In den Akten der tschechoslowakischen Staatssicherheit wird er als Agent gelistet. Immer wieder wird im Parlament ein „Czexit“-Referendum diskutiert. Der heutige Präsident sagte auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, er werde sein Land notfalls mit der Waffe in der Hand gegen Einwanderer verteidigen.

Ob Wahrheit und Liebe über Lüge und Hass siegen, dass entscheide sich in den nächsten Jahren – so sieht das Petr Placák.

Vielleicht spricht nur der ewige Provokateur aus ihm, vielleicht kann jemand wie Placák nicht anders, muss gegen die bestehende Ordnung kämpfen. Auf jeden Fall ist er für die Einführung einer parlamentarischen Monarchie in Tschechien. Klingt recht absurd. Aber er meine das ernst, sagt Placák. Und lächelt. Jemand an der Spitze des Staates, der völlig außerhalb der politischen Strukturen steht, das täte dem Land gut.

Wer der König von Tschechien werden könnte, weiß Placák nicht. Václav Havel, das wäre ein guter gewesen.

Alle Teile der Mauerfall-Serie lesen Sie hier

Zur Person:

Am 5. Oktober 1936 wird Havel als Sohn einer großbürgerlichen Prager Familie geboren. Das kommunistische Regime enteignete 1948 seine Familie, hinderte Havel am Studium. Ab den 1960er-Jahren arbeitet er als Dramaturg und Autor, schreibt absurdes Theater à la Samuel Beckett und persifliert darin das Staatssystem. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die sowjetische Okkupation werden sein Werke verboten.

Havel arbeitet als Hilfsarbeiter in einer Brauerei. Er wird Mitbegründer und Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. In der Folgezeit wird er mehrfach festgenommen und wegen staatsfeindlicher Aktivitäten zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt. 1989 wird Havel zum Präsidenten der CSSR gewählt und 1993, nach der Teilung, zum Präsidenten der Tschechischen Republik. Nach zwei Amtszeiten und einer schweren Lungenoperation scheidet aus dem Amt, arbeitet an seiner Autobiografie und am Theater. Am 18. Dezember stirbt Havel mit 75 Jahren auf seinem Gut am Fuße des Riesengebirges.