Kammergericht

Als im Berliner Schloss noch Todesurteile gefällt wurden

Am Ende des Jahres soll das Humboldt Forum im neuen Stadtschloss in Mitte eröffnet werden. Wir blicken zurück: das Kammergericht.

Der Kurfürst von Brandenburg spricht das Todesurteil über den Ritter von Lindenberg: So stellte  sich der Zeichner Alexander  Zick (1845–1907) die Szene vor

Der Kurfürst von Brandenburg spricht das Todesurteil über den Ritter von Lindenberg: So stellte sich der Zeichner Alexander Zick (1845–1907) die Szene vor

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Berlin. Hatten die Adeligen des Hofstaates im Berliner Schloss der frühen Jahre einmal ein bisschen Zeit, etwa zum Gespräch, zur Entspannung oder zu Speis und Trank, so hielten sie sich meist in einem eigens dafür eingerichteten Saal auf. Was die Höflinge wenig beachteten, oder gar vergaßen: Zur Einrichtung gehörte auch eine Nische, verborgen hinter der Tapete, von der aus man das Treiben unbemerkt einsehen konnte. Eines Tages, das 16. Jahrhundert war gerade angebrochen, da stand an diesem geheimen Platz ein Krämer und spähte auf die Edelleute, als die sich zur Mittagszeit nach und nach einfanden. Der junge Kurfürst und Hausherr, Joachim I., hatte ihn dorthin gebeten. Als dann der Ritter von Lindenberg den Saal betrat, da kam der Krämer hervor, zeigte auf ihn – und schon war es um den Adelsmann geschehen. Sein letztes Stündlein war eingeläutet. Durch den Richtspruch des Kurfürsten gleich an Ort und Stelle im Schloss.

Der Beginn der Neuzeit hatte für den niederen und mittleren Adel Zäsuren mit sich gebracht. Das Bürgertum begann sich zu emanzipieren, die Leibeigenschaft zu bröckeln. Manche Hochwohlgeborenen sahen sich auf ihren ausgedehnten Liegenschaften einem Rückgang oder gar dem Ende der kostenlosen Fronleistungen ausgesetzt. Viele von ihnen wollten sich damit nicht abfinden. Sie verlegten sich aufs Raubrittertum und hielten sich mit roher Gewalt schadlos am Besitz derer, die ihnen vorher ohne Lohn zu Diensten stehen mussten. Zu diesen Zeitgenossen gehörte auch jener Herr von Lindenberg.

Als der Ritter mit einigen Spießgesellen auf Reisen zwei, drei Abende zuvor in seinem Quartier südlich von Potsdam davon hörte, dass ein Krämer auf der Durchreise nach Berlin war und am Ufer des nahen Schwielowsees unter seinen Warenballen übernachten wollte, machte er sich auf den Weg, um ihn auszurauben. Vom knurrenden Hund des schon schlummernden Händlers ließ sich von Lindenberg nicht beeindrucken. Der Aufgeschreckte, noch schlaftrunken, wurde mit einem Faustschlag wieder zu Boden gebracht, geknebelt, gefesselt, ausgeraubt. Doch er hatte Glück und wurde noch in der Nacht gefunden. Und: Als Händler aus dem nahen Berlin-Cölln kannte er das Gesicht des Übeltäters, wusste, dass er zur Entourage im Schloss gehörte.

Dorthin geeilt, fand der Krämer beim Kurfürsten sogleich ein offenes Ohr und Hilfe, ganz im eigenen Sinne. Obwohl er noch heranwachsend war, hatte sich der Landesherr längst auf einen Feldzug gegen das um sich greifende Raubrittertum verlegt. Erst recht, als er spürte, dass ihn die kriminellen Edelleute wegen seiner Jugend nicht ernst nehmen wollten. Der Ritter konnte dann im Schloss durch die Aussage des Überfallenen schnell überführt werden, nicht zuletzt, weil der noch wusste, dass er seinen Peiniger an der Hand gebissen hatte und man nun die Spuren davon tatsächlich fand. Joachim I. sprach sein Urteil, und der Henker mit dem Richtschwert übernahm das Weitere. So jedenfalls erzählt uns der Schriftsteller Willibald Alexis die Geschichte „Die Hosen des Herrn von Bredow“. Alexis ist bekannt als Begründer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur.

Immer wieder hatte der heruntergekommene Adel nicht nur demonstrativ versucht, den Kurfürsten durch derlei Raubzüge zu foppen. Sie wollten ihm auch persönlich an die Gurgel. Ein Herr von Otterstedt soll ihm sogar an die Tür des Schlafgemaches gemalt haben: „Jochimke, Jochimke, hüyde Dy! Fangen wy Dy, so hangen wy dy“. Als Joachim sich wenig später einmal in die Köpenicker Heide zur Jagd aufmachte, kam ihm sein Vortrupp plötzlich wieder entgegen, warnte ihn, dass man ihm da hinterm Gebüsch schon auflauere. Mit dem Galgenstrick in der Hand. Die flugs alarmierte Schlosswache kesselte die blaublütige Räuberbande ein und führte sie ab. Erneut sprach der Kurfürst sein Urteil im Schloss. Die Glücklicheren aus der Bande wurden geköpft, die Rädelsführer aber, darunter jener Herr von Otterstedt, gevierteilt und ihre Köpfe auf die Zinnen der Stadttore gesteckt. Anschließend, so sehen es die Chronisten, sei es ruhiger geworden um das Gewese der Raubritter in der Mark Brandenburg.

Vor Gericht benahmen sich selbst die Adligen daneben

Dass Urteile im Haus des Landesherrn gefällt werden und dies auch noch von ihm selbst, klingt im heutigen Verständnis nach Amtsanmaßung. Allerdings hatte dies – zumindest ansatzweise – Tradition. Seit seinen ersten Tagen nämlich beherbergte das Schloss das märkische Kammergericht, das sich heute, noch immer oberste Berliner Instanz, als ältestes noch tätiges Gericht Deutschlands rühmen darf. Seit dem 14. Jahrhundert folgte es stets dem markgräflichen, später kurfürstlichen Hof auf den Wanderungen durch die Mark und wurde mit ihm bei Fertigstellung des Schlosses 1451 daselbst sesshaft, bis ins 16. Jahrhundert. Neben den Vertretern der Stände schickte auch der Hof seine Delegierten auf die Richterbank. Insofern hatten die Sprüche des Kurfürsten Joachim ein juristisches Unterfutter, auch wenn das Kammergericht eher über zivile Streitigkeiten zu richten hatte (wie später jener legendäre Prozess Friedrichs des Großen gegen den Müller von Sanssouci).

Den Vorsitz bei den Verhandlungen führte regelmäßig „ein hochmögender Herr, der das Vertrauen des Kurfürsten genoss“, schreibt Rudolf Wassermann in seinem historischen Werk, „Kammergericht soll bleiben“. Dabei sei es „nicht immer einfach für die Richter“ gewesen, „die nötige Ordnung zu wahren. Namentlich der altmärkische und der Prignitzer Adel führten sich gern ungebührlich auf. Es kam vor, dass sich Parteien tätlich angriffen, von gegenseitigen Beschimpfungen ganz zu schweigen“. Nicht selten sei dabei auch das Gericht verunglimpft worden. „Wiederholt musste der Kurfürst eingreifen. Das sah dann so aus, dass unbotmäßige Parteien ohne besonderes Verfahren ins Gefängnis des kurfürstlichen Schlosses gebracht wurden.“ Das Berliner Schloss – in jenen Tagen also nebenbei ein Standort nicht nur der Rechtsfindung, sondern auch des Strafvollzuges.

Die Rechtsprechung in der Mark unter Kurfürst Joachim I. kam 1510 allerdings zu einem Tiefpunkt, als im sogenannten „Hostienschänderprozess“ 39 Juden zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden – wegen angeblichen Vergehens an Hostien und siebenfachen Mordes an Christenkindern. Darüber hinaus schickte das Gericht 60 Juden aus dem Land. Für Jahrzehnte lebte von ihnen keiner mehr in der Mark. Historiker schließen nicht aus, dass es die Stände waren, die die Angelegenheit betrieben hätten, weil sie sich so ihrer Gläubiger entledigen wollten. Erst 1543 wurden wieder Juden ins Land gelassen - weil da das Land nach einem missglückten Türkenfeldzug wieder neues Geld benötigte.

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