Der Rummel um die Retro-TV-Serie „Babylon Berlin“ hat ein neues Interesse daran geweckt, wie das Nachtleben zwischen den Weltkriegen aussah. Der jetzt wiederentdeckte „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von 1931 erzählt mit lustvoller Akribie, wie es nach Sonnenuntergang in den Tanzcafés, Transvestiten-Clubs und Flüsterkneipen der Hauptstadt klang, roch und schmeckte.

Autor Curt Moreck warnt schon eingangs: Von historischen Bauten und derlei Firlefanz werde bei ihm nicht zu lesen sein. Das seien in einer so atemlos nach vorn hetzenden Metropole nur „Meilensteine der Langeweile“. Der 1888 in Köln geborene, nicht zuletzt wegen eines Veröffentlichungsverbots unter den Nazis erfolglose Schriftsteller redet lieber von Etablissements, gegen die die Darkrooms des heutigen Partytempels Berghain wirken wie Teestuben beim Kirchentag.

Als „Café Quetsch“ etwa war ein Lokal an Mittes Münzstraße bekannt. In einem düsteren langen Raum befanden sich links und rechts verhängte Abteile, die an Schiffskojen erinnerten, in denen Paare ungestört verschwinden konnten. „Aus allen Winkeln hört man Geflüster und ähnliche Geräusche“, notiert Lasterführer Moreck. Ansbacher und Passauer Straße in Schöneberg sind bei ihm indes Domänen der Dominas: Wer auf Sado­maso steht, den empfiehlt der Autor zum Karree am KaDeWe.

Das Original gab es für 150 Euro im Antiquariat

Ein paar Meter weiter, im eleganten Tanz-, Trink- und Freudenpalast „Femina“ an der Nürnberger Straße erfolgte die Beziehungsanbahnung topmodern via Saal-Rohrpost. Diese geriet aber bald auf so frivole Bahnen, dass die Geschäftsführung eine Zensur verhängte. Keinen Einspruch konnte sie allerdings in ihrer „Geburtsstätte des Tischtelefons“ über fernmündliche Absprachen verhängen. Betont unschuldig warb man also mit dem Spruch: „Nur nicht schüchtern! Rufe an – ob sie Dich mag, erfährst Du dann.“

1,5 Millionen Besucher zählte das Fremdenamt jährlich, knapp ein Zehntel des Zulaufs von 2017. Autor Moreck weiß, warum die Gäste kommen: In jeder Gasse, auf jedem Boulevard bewegt sich bei ihm alles am Rand des Sittenverstoßes, als den man das Leben Berlins in der von ihm tief verachteten Provinz wohl sah. Das ist vielleicht noch heute so.

Sogar im Hauptquartier feiner Lebewelt, dem „Casanova“ an der heutigen Martin-Luther-Straße, treffe man auf Damen, über die weder Aussehen noch Auftreten Aufschluss gäben, ob sie dort zum Spaß oder beruflich verkehrten. Moreck identifiziert „zwei Klassen von Frauen. Ihre Rivalität an solchen Orten ist etwas Prickelndes, Pikantes, etwas, was die Stimmung der Männer und ihr Selbstbewusstsein hebt.“ Welcher Provinz-Einwohner wollte da dem zehntausendfach plakatierten Slogan des Fremdenamtes widerstehen: „Jeder einmal in Berlin“?

Tolerante Sicht auf den anderen Lifestyle

Reinstes 2018 tönt aus Morecks Glamour-Guide, wenn er nach Ausführungen über Schwulentreffs und Transvestiten-Bühnen kommentiert, es gebe in Berlin eine tolerante Sicht auf den anderen Lifestyle, und ehrlicherweise ergänzt: „Diese Toleranz beruht mehr auf Indifferenz als Verständnis“. Ein paar Jahrzehnte später wird ein fülliger Bursche mit Migrationshintergrund als U-Bahn-Aufpasser an Gays, Spinnern, Schrillen und Gepiercten vorbeischlurfen und in die Kamera des BVG-Clips rappen: „Is’ mir egal.“ Offenbar eine Berliner Tradition.

Auch nicht neu: die hin- und herpendelnde Meinung darüber, wo Berlin „in“ und „out“ ist. Das zu wilhelminischen Zeiten angesagte Amüsierviertel entlang der Friedrichstraße etwa hält Moreck anno 1931 für „unzeitgemäß“. Die Strecke mit Admiralspalast und der dort noch angesiedelten Komischen Oper (Revuetitel: „Alles nackt“ und „Zieh dich aus“) sei irgendwie „Vergangenheit geworden“, während ein strahlender moderner Westen dem Osten „die Lebenssäfte entzieht“. Tauscht man „Ost“ gegen „West“ haben wir: das gängige Urteil über die geografische Coolness-Verteilung in den Jahren nach dem Mauerfall. Es gibt noch viel mehr zu entdecken in diesem Buch, das man jahrzehntelang nur ab 150 Euro aufwärts im Antiquariat bekam: Etwa die Gaunerkneipen am schon damals kriminalitätsbelasteten Alexanderplatz, wo man als Fremder versuchen solle, „nicht aufzufallen“ und „Annäherungsversuche an die anwesende Weiblichkeit“ besser unterlässt.

„Berlin“, schreibt Moreck zusammenfassend, sei eben „die Stadt der Gegensätze“. Wie diese heute aussehen, mit SUVs vor Boutiquen am oberen Kudamm und Harz-IV-Kindern hinter der Hermannstraße, lesen wir täglich in Zeitung und online. Wo man sie in vergangenen Zeiten fand, steht bei Curt Moreck.

Curt Moreck, Ein Führer durch das lasterhafte Berlin, be.bra, 208 Seiten, 22 Euro