Eigentlich dürfen nur eine Handvoll Leute runter. Mehr erlaubten die baupolizeilichen Auflagen nicht. Der Bunker unter dem Stasi-Gelände sei, so heißt es, in „prekärem Zustand“. 30 Leute drängen sich allerdings vor der Glastür, die in die ehemaligen Archivräume der Staatssicherheit in Lichtenberg führt. Hier war auch der legendäre „Kupferkessel“, ein innen mit Kupfer ausgeschlagener Raum, der Abhörsicherheit garantieren sollte und der voller Akten war. Es hatte sich seit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) 1950 schon so viel Material über die eigenen, bespitzelten Bürger angesammelt, also baute die Stasi sich um 1980 ein eigenes Archiv an der Normannenstraße. Ironie der Geschichte – die Aufklärer, die bis heute die Stasiunterlagen zugänglich machen, diese Aufklärer also, sie benutzen die Räume weiterhin als Archiv. Ist ja auch praktisch.

Atemschutzmasken werden verteilt, es wird mulmig

Aber wegen der Akten sind die Besucher heute nicht gekommen. Sie wollen hinunter in die Tiefe des Gebäudes. Denn dort befindet sich, auf zwei Etagen, besagter Bunker. Atemschutzmasken aus dem Baumarkt werden verteilt, auch so eine Auflage. Langsam wird es mulmig. „Ich habe lange dafür gekämpft, dass wir da runter dürfen“, sagt Christian Booß, der mal Pressesprecher der Stasiunterlagenbehörde, der BStU, war. Gekämpft? Die Liegenschaft, also auch der Bunker, gehören dem Bund. Und der will hier keine Besucher. Was passiert, wenn einer stolpert? Wer zahlt dann?

Die Besucher selbst sind allerdings eher tiefenentspannt. Viele, die heute gekommen sind, waren beim Sturm auf die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 – heute genau vor 28 Jahren – dabei. Sie haben damals selbst erlebt, wie verwinkelt, wie verwirrend das Gelände an der Normannenstraße aufgebaut ist. Um 17 Uhr hatte man sich damals am 15. 1. 1990 vor den geschlossenen Toren am Stasi-Gelände in Lichtenberg getroffen. „Mit Fantasie und ohne Gewalt“ wollte man die Schließung aller Stasi-Einrichtungen vorantreiben. Zum ersten Mal waren da konkrete Zahlen genannt worden, die ahnen ließen, welche Ausmaße die Stasi hatte, wie krakenartig sie das Land im Griff hielt. 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter waren es 1989, 174.000 IMs. Der Schreck saß tief! Die Stimmung der 2000 Demonstranten damals war aufgeheizt. Und plötzlich öffnete sich das Tor an der Ruschestraße, die Oppositionellen drangen auf das Gelände. Warum das Tor sich öffnete? Bis heute ungeklärt.

Viele, die jetzt, im Jahr 2018, zur Bunker-Führung des Bürgerkomitee „15. Januar“ gekommen sind, landeten damals irgendwo in den Eingeweiden des Stasigeländes. An der Nase habe man sie herumgeführt. „Jungs, grün hinter den Ohren, in grünen Uniformen“, erzählt einer, hätten vor den vermutlich entscheidenden Bürotüren gestanden und den Oppositionellen frech gesagt: Hier war schon jemand. Also zog man weiter.

Alles sei düster gewesen an diesem Abend, ganz hinten in den langen Gängen saßen Stasi-Mitarbeiter, die ihre Lampen mit Tüchern abgedunkelt hatten. Irgendwer lotste geschickt die Demonstranten zum heutigen Haus 18. Dort waren Kantine, Kaufhalle, Delikat und Exquisit. Das Edelste in der sozialistischen Konsumwelt. Politisch spielte diese Entdeckung keine Rolle, emotional schon. Denn die Empörung war riesig – die haben uns bespitzelt und es sich gleichzeitig mit Westwaren noch gut gehen lassen, wüteten die Leute.

Der Bunker, zu dem wir nun hinabsteigen, spricht allerdings eine andere Sprache. Er ist klein, wirklich überschaubar. Und sehr leer. Das meiste, was darin stand, wurde irgendwann abgebaut oder geplündert. „Der Volkswirtschaft zugeführt“, wie Booß hörbar ironisch meint. Die Luft ist übrigens ganz gut hier unten. Besser als in den meisten Berliner Kellern.

Was der Zweck dieses Bunkers war, weiß man nicht

Bis heute ist unklar, was der genaue Zweck dieses Bunkers war. Atomsicher war er nicht, hatte aber ein eigenes Belüftungs- und Wassersystem. Wollte Erich Mielke hierhin fliehen, sollte es ernst werden? Unwahrscheinlich. Es gab komfortablere Bunker im Umland. Betten standen hier unten, ein wenig Technik, aber viel mehr nicht. „Für die Archivare war er sicherlich nicht angelegt“, witzelt Booß. Auch eine Wahrheit über die Stasiunterlagen. Es haben sich zwar 111 Kilometer Akten angesammelt. Aber viele kleine und große Geheimnisse bleiben trotzdem ungelöst. Wie das vom Stasi-Bunker.