Weimarer Republik

Wie zwei Badehosen zur Staatsaffäre wurden

Das berühmteste Titelbild der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien im August 1919: Reichspräsident Friedrich Ebert in Badehose.

Berlin. Prominente Politiker in Badehosen – solche Pressebilder hatten es schon immer in sich. Nicht nur, als Kanzlerkandidat Rudolf Scharping es vorteilhaft fand, den Wählern mit seiner Gräfin Pilati im Pool etwas vorzuplanschen. Obama wollte sich volksnah zeigen, Putin sich als Bärenjäger präsentieren, Mao ewige Jugend demonstrieren, Umweltminister Klaus Töpfer seinen sauberen Rhein dokumentieren. Helmut Kohl und Angela Merkel wollten so etwas tunlichst vermeiden – und wurden trotzdem von Paparazzi „abgeschossen“, gnadenlos, halb nackt, als Regierungschefs.

Doch all dies sind nur kleine Peinlichkeiten im Vergleich zu dem, was vor 100 Jahren, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, über das Deutsche Reich kam. Als ein Badehosenfoto in der Berliner Íllustrirten Zeitung zu einer Legitimationskrise der noch jungen deutschen Republik führte. Als ein frisch gewählter Reichspräsident, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, dessen Gesicht zuvor kaum jemand kannte, eines Tages sein Volk von der Titelseite der auflagenstarken Zeitung anblickte. In Badehose. Am Tag seiner Vereidigung vor der Nationalversammlung. Das erste große Porträtbild von ihm, und dann das. Eine Demontage.

Friedrich Ebert - ein „Kaiser“ ohne Kleider mit Kugelbauch

Der „Kaiser“ ohne Kleider, mit Kugelbauch, der Lächerlichkeit preisgegeben. In einer Zeit, da beim Baden noch der Einteiler auch für Männer schicklich war, der auch den Oberkörper bedeckte, setzte nun ein Streit über züchtige Badekleidung ein, etwa so wie heute über die Burka, mit dem Präsidenten im Zentrum der Debatte. Wie weit der Skandal reichte, zeigt, dass wegen dieses Fotos ausgerechnet eine Zeitung, der sozialdemokratische „Vorwärts“, die „Sozialisierung der Presse“ einforderte, als „absolut notwendig“.

Dass der Chefredakteur der BIZ, Kurt Korff, erklärte, er habe die Veröffentlichung des Bildes eigens schriftlich abgelehnt, sei dann aber in Urlaub gefahren, und dass der Ullstein-Verlag sich beim Präsidenten entschuldigte – all dies änderte nichts daran, dass das Foto Friedrich Ebert bis zum Ende seiner Amtszeit und seinem zeitgleichen Tod verfolgte. Die Badehose wurde zum Symbol des Hasses auf den Präsidenten und – etwas abgemildert – auch auf den neben ihm stehenden Gustav Noske, bekannt als selbst ernannter „Bluthund“. Der hatte ein halbes Jahr zuvor mit harter, ja grausamer Hand alle anarchistischen und bolschewistischen Revolutionsansätze niederkämpfen lassen und so den Weg in die Weimarer Demokratie auf seine Weise geebnet. Mit Eberts Zustimmung. Doch das war nicht der Grund für den Hass auf die beiden, ganz im Gegenteil.

Die modischen Einteiler hatte man leider nicht dabei

An der Ostseeküste war das Bild aufgenommen worden, in der Nähe von Lübeck. Noske und Ebert waren dorthin gefahren, mit dem Automobil am 16. Juli 1919, kurz nach der Wahl des Reichspräsidenten. Der neue Präsident wollte sich im Land bekannt machen, jetzt also erst mal im Norden. Rudolf Nadolny war auch dabei, Eberts Büroleiter, Großvater des Schriftstellers Sten Nadolny („Die Entdeckung der Langsamkeit“). Die Hinfahrt war katastrophal, da dachte man noch, es könne anschließend nur besser werden.

Nadolny erinnerte sich später: „Der ganze Wagen war voll neuer Reifen gepackt, denn das Material war schlecht. Wir mussten unterwegs dauernd Reifen wechseln, weil immerzu Pannen auftraten. Die Stadtväter aber warteten auf uns mit dem Mittagessen.“ Hamburg stand noch im Zeichen der Revolution. „Die ganze Stadt mit Drahtzäunen abgesperrt, sodass ich mir auf der Fahrt zum Hotel an einem Stacheldrahtzaun, gegen den wir fuhren, den Mantel zerriss“. Dann eine Parade in der Hansestadt, Begegnungen mit dem Volk hier und da, Händeschütteln.

Der nächste Tag begann tatsächlich entspannt, von Hamburg ging es nach Haffkrug, in ein Waisenhaus. Die Kinder sangen, aufmunternde Reden wurden gehalten, ein Pressemann machte nette Aufnahmen. „Jemand regte nun an, noch ein Bad in der Ostsee zu nehmen.“ Die Badehosen hatte man sicherheitshalber eingepackt, leider eben keine Einteiler. Zufall oder nicht, am Strand lief ihnen der Fotograf erneut über den Weg und er schlug vor, ein Bild zu schießen.

Warum auch nicht, man dachte sich ja nichts. „Gesagt, getan. Alle gruppierten sich in den Wellen“, schreibt Nadolny, „ich stand gerade auf der Treppe eines Badekarrens, und im letzten Moment schob sich vorn am Strand noch jemand vor mich, sodass von mir nur ein Bein auf dem Bild zu sehen war. Die anderen waren alle drauf, auch Ebert. Dann fuhren wir wieder nach Hause“.

Eine traute Männerrunde am Strand – mit Folgen

Ob die Heimreise ähnlich pannenreich verlief wie die Hinfahrt, schrieb Nadolny nicht. Das mit dem Foto hatte man jedenfalls nach wenigen Kilometern wieder vergessen. Am 9. August kam es ihnen wieder in den Sinn, als es zunächst auf den hinteren Seiten der konservativen „Deutschen Tageszeitung“ abgedruckt wurde, da noch mit allen Beteiligten.

Neben Ebert und Noske standen im Wasser auch einige Vorstandsmitglieder der Stiftung, die das Kinderheim betrieb, darunter Henry Everling, nach dem das Haus heute heißt (jetzt ist es ein Seniorenheim), und Josef Rieger, der mit einer dreizackigen Mistgabel im Vordergrund den Neptun markierte – sowie eben das Bein Nadolnys. Eine traute Männerrunde am Strand – mit Folgen.

Die Veröffentlichung in der „Deutschen Tageszeitung“ schlug noch keine hohen Wellen. Irritiert war man im Büro Ebert allerdings, stand doch neben dem Bild der spitze Kommentar: „In Ausübung ihrer hohen Machtvollkommenheit dispensierten sie sich von der dort herrschenden Vorschrift, nur im Kostüm zu baden, stellten der Welt ihre ganze Mannesschönheit zur Schau und veranlassten in animierter Stimmung die Fixierung der Szene auf fotographischer Platte.“

Ebert, Noske und Nadolny sahen sich getäuscht

Auch die weitere Behauptung im Blatt, Ebert habe „eine Kopie zur Verfügung“ gestellt, weil er in einer Veröffentlichung eine „treffliche Propaganda für das neue Regime und seine Person“ gesehen hätte, bezeichnet der Historiker Walter Mühlhausen als falsch. Genauso wie die Meldung, die Dargestellten hätten später wegen eigener Bedenken dem Fotografen „Platte und Abzüge enteignet“. Das sei nur „der Fantasie entsprungen“, meint der Leiter der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg.

Ebert, Noske und Nadolny sahen sich getäuscht, waren sich sicher, nichts selbst „veranlasst“ sondern lediglich keine Einwände gegen das Lichtbild vorgebracht zu haben. „Sie dachten nicht, dass dieser Strandfotograf, Wilhelm Steffen, dieses Foto in seinem Atelier ausstellen würde, und dass da jemand aus Berlin ist, der dieses Foto dann auch kaufen würde“, schreibt Mühlhausen in seinem Buchbeitrag „Die Weimarer Republik entblößt.

Das Badehosen-Foto von Friedrich Ebert und Gustav Noske“. Die Aufnahme hatte privaten Charakter. So dachten jedenfalls alle Abgebildeten, damals, in den Kinderjahren der Pressefotografie. Das Präsidialamt unternahm nichts. Bis auf ein paar Briefe an den Reichpräsidenten war ja auch nichts geschehen. Noch nicht. Zwei Wochen später sah dies ganz anders aus. Plötzlich auch das Bild selbst.

Badehosen-Foto am Tag von Eberts Vereidigung veröffentlicht

Der 24. August 1919 war ein Sonntag, auch damals der wöchentliche Erscheinungstag der BIZ, normalerweise. In dieser Woche hatte die Redaktion entschieden, das Blatt schon am Donnerstag, am 21., an die Kioske zu bringen, dem Tag nämlich, an dem der neue, der erste Reichspräsident, Friedrich Ebert, im Nationaltheater von Weimar vereidigt werden sollte. Vereidigt auf die neue Reichsverfassung, die die Nationalversammlung am 31. Juli 1919 in der Goethe­stadt verabschiedet hatte.

Auch in Weimar lag die BIZ früh an diesem Tag aus, wie überall landauf, landab. Mit dem Präsidenten in Badehose auf dem Titelbild. Neben Noske, und davor der Neptun, die drei jetzt herausvergrößert, fokussiert. Die anderen Männer waren weggeschnitten. Ein Foto ohne Kommentar, ohne irgendeinen Beitrag dazu auch auf den Seiten danach. Ein Bild, das für sich sprechen sollte. Ein Titelbild „aufgrund eines bedauerlichen Irrtums“? BIZ-Chefredakteur Korff verteidigte sich später mit diesen Worten.

Das Bild kam den Gegnern Eberts, ja den Gegnern der gesamten Republik, die den gerade abgedankten Kaiser zurücksehnten, nur recht. „Bevor er überhaupt durchs Land gereist ist, reist ihm dieses Badehosenbild durch die Lande vorweg“, schreibt Mühlhausen. Viele kannten nun ihr Staatsoberhaupt, aber nur in Badehose, und diesen Effekt nutzten die Monarchisten auf schlichteste Art aus. Wenige Tage später war eine Postkarte im Umlauf mit der Gegenüberstellung: Hier die bauchfreien Sozialdemokraten, da der in vollem Ornat gekleidete Kaiser Wilhelm und sein Haudegen Feldmarschall Hindenburg. „Einst und Jetzt“ stand daneben. Mühlhausen: „Damit wurden die einfachen Gemüter angesprochen, um zu zeigen, was eigentlich aus diesem herrlichen Kaiserreich geworden ist: eine Republik, die sich selbst entblößt“.

Auch die weit verbreiteten Satiremagazine und Karikaturisten waren in jenen Jahren alles andere als fortschrittlich-republikanisch, eher konservativ. Der „Kladderadatsch“ dichtete: „Heil dir am Badestrand/ Herrscher im Vaterland/ Heil, Ebert, dir!/ Du hast die Badebüx,/ sonst hast du weiter nix/ als deines Leibes Zier,/ Heil, Ebert, dir!“. Die Zeitschrift „Satyr“ verstieg sich in tierische Vergleiche: „Der Eber freut sich seines Specks. Und ist zufrieden!!!“ – und stellte Noske als behaarten Affen daneben, „Ordenslos, nur nacktes Fell, ohne Hofzeremoniell.“

Der Spott erfasste das ganze politische Spektrum

Als Ebert in den folgenden Monaten durch die Lande reiste, um sich seinem Volk vorzustellen, war die Badehose oft schon da, meist in rot, zur besseren Kenntlichkeit. Hier hing sie an einem Fahnenmast auf dem Platz, wo er eine Rede hielt, da schwang irgendein monarchistischer Korps-Student im Publikum die „Büx“ über seinen Kopf. Das Bekleidungsstück war der Wimpel der Bewegung „Wir wollen unsern Kaiser Wilhelm wiederhaben“.

Die Affäre war ein Omen für die weitere Geschichte der Weimarer Republik bis zu ihrem Untergang: Die Demokraten der Mitte wurden zermahlen zwischen rechts und links. Denn Häme und Spott kamen für Ebert und Noske auch von der anderen Seite. Die KPD und die früheren Spartacus-Revolutionäre hatten dem einstigen Ministerpräsidenten und seinem Wehrminister das überharte Durchgreifen gegen die Aufständischen und ihre Verantwortung für die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht vergessen. So stellte die KPD-Zeitung „Die Pleite“ die beiden Badenden statt in der Ostsee in einem Meer von Blut und Leichen dar.

Der Präsident ging durch die Mühlen der Justiz. Von den insgesamt bis zu seinem Tod 1925 folgenden, von ihm angestrengten 200 Prozessen wegen Beleidigung ging ein guter Teil auf das Badehosenfoto zurück und brachte allenfalls Teilerfolge. Oder sogar Rückschläge. Als er gegen den „Satyr“ verlor, prangte in dessen nächster Ausgabe auch noch das Bild einer Backpfeife für den Reichspräsidenten.

Die Verfahren warfen nun die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Fotojournalismus auf. Die BIZ, ungeachtet der indirekten Entschuldigung ihres Chefredakteurs wegen der Badehosenaffäre, machte grundsätzlich geltend, der Fotograf habe die Pflicht zur Veröffentlichung seiner Aufnahmen, und beklagte, dass ihm dabei von Behörden und Einzelpersonen Steine in den Weg gelegt würden. Der Herausgeber der Zeitschrift „Satyr“ fand es „ein starkes Stück“, dem Satiriker vorzuwerfen, er verletze die Würde des Reichspräsidenten und des deutschen Volkes: „Diese Würde hat Herr Ebert – nicht ich – verletzt, als er sich mit seinem Epikuräerbauch photographieren ließ.“

Die Gerichte mussten entscheiden, wie privat die Abbildung öffentlicher Personen sei. Prominente Journalisten wurden um Stellungnahmen gebeten. Theodor Wolff, Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, fand jene Karikaturen strafwürdig, während Georg Bernhard, führender Publizist des BIZ-Verlages Ullstein, die Satire zwar geschmacklos, aber nicht beleidigend fand. Die Richter folgten Bernhard. Dabei erlitt sogar Gustav Lehne, jener Neptun im Vordergrund, eine Niederlage, als er gegen die Veröffentlichung klagte. Ihm wurde beschieden, dass nicht nur die Privatsphäre bekannter Persönlichkeiten, sondern auch die unbekannter Personen nachrangig seien, wenn diese auf Bildern zu sehen seien, in deren Zentrum Prominente stehen.

Ebert-Biograf Mühlhausen sieht eine Ursache für die Affäre in der unzulänglichen Öffentlichkeitsarbeit von Ebert und seinen zuständigen Mitarbeitern. „Der Markt der Massenmedien wurde nicht offensiv genutzt. Der Reichspräsident und sein kleiner Beraterstab entwickelten keine systematische Strategie der öffentlichen Darstellung.“ Es gab keine Hoffotografen, keine Hausberichterstatter, die ihn geschickt in Szene setzten. Insgesamt habe der Großteil der Akteure in den Weimarer Anfangsjahren kein Verhältnis zur Fotografie gehabt als das wichtigste Medium zur Personalisierung und Popularisierung ihrer Politik. Es fehlten einfach die richtigen Fotos. Ein anderer war da schon weitsichtiger. So soll der Skandal auch dafür gesorgt haben, dass Adolf Hitler sich nie in Badehose fotografieren ließ. „Das macht ein großer Staatsmann nicht“, zitierte ihn Henriette von Schirach, die Frau des „Reichsjugendführers“ Baldur von Schirach.

Die großen Verlierer der Affäre waren, neben der Weimarer Republik, Noske und Ebert. Wenige Wochen zuvor waren – und sind vor allem heute – beide eher bekannt für die harsche Niederwerfung der Novemberunruhen 1918 und der revolutionären, teils anarchistischen Erhebungen zur Jahreswende 1918/19. Dieses Thema spielte bei der nun ausgegossenen Häme kaum eine Rolle. Doch zum Beispiel die Lektüre des gerade erschienenen, sehr lesenswerten Buches von Mark Jones, „Am Anfang war Gewalt“ (Propyläen-Verlag), das tief in die Gewaltexzesse jener Monate einsteigt, Ross und Reiter nennt, deutet schon heute an, unter welchen ganz anderen Vorzeichen wir diesen beiden Sozialdemokraten demnächst, mal wieder zu einem 100. Jahrestag, im zeithistorischen Diskurs wiederbegegnen werden.

Der Artikel erschien bereits am 18.06.2017 in der Berliner Morgenpost (Anmerkung der Redaktion).