120 Jahre Morgenpost

Metropole des Nachtlebens: Leben, feiern, frei sein

Berlin galt schon einmal als Metropole der Freiheit. Die Berliner Morgenpost erklärte ihren Lesern das urbane Leben.

Tanzveranstaltungen waren in Berlin um 1900 sehr beliebt. Zu den Modetänzen gehörte damals der Cakewalk, der Kuchengang. Ursprünglich kam er aus den USA, fand aber auch in Berlin viele Anhänger

Tanzveranstaltungen waren in Berlin um 1900 sehr beliebt. Zu den Modetänzen gehörte damals der Cakewalk, der Kuchengang. Ursprünglich kam er aus den USA, fand aber auch in Berlin viele Anhänger

Foto: ullstein bild

Berlin. Es muss ein Rausch gewesen sein. Übel riechend, wuselig, voll. Aber auch frei, voller Möglichkeiten und Konflikte. Gewaltige Baustellen an jeder Ecke. Menschen aus den Provinzen strömten aus den Bahnhöfen in die große Stadt. Die fanden ihr Obdach in den rasant emporwachsenden Mietskasernen oder, wenn sie bessergestellt waren, in den neu entstehenden Villenkolonien oder den Luxuswohnhäusern in den reichen Nachbarstädten Charlottenburg oder Schöneberg. Kurz vor der Jahrhundertwende um 1900 war die schläfrige Residenz- und Garnisonsstadt Berlin im märkischen Sand und Sumpfland zu einer brausenden Metropole gewachsen.

Berlin war 1898 aber auch schon eine riesige Partyzone. „Viel umfangreicher kann das Nachtleben Berlins nicht mehr werden. Eine Nachtzeit zum Schlafen gibt es nicht mehr“, schrieb ein Zeitgenosse. Frühe Reiseführer empfahlen den Touristen die Berliner Halbwelt. Cabarets oder Revuetheater, die dabei waren, mit ihrer schnellen Nummernfolge das alte Volkstheater abzulösen.

Der glanzvollste Tempel der neuen Muse, das Metropol-Theater, eröffnete am 3. September 1898 an der Behren­straße, nahe Unter den Linden, mit der Ausstattungsposse „Paradies der Frauen“. „Der Anblick war blendend. Der schöne Theatersaal strahlte in der Pracht erneuter glänzendster Einrichtung, und in den Logen, im Parkett hatte sich ein Auditorium versammelt, das in seiner Zusammensetzung einen so ausgesprochen weltstädtischen Charakter trug, wie es sich in Berliner Theatern nur selten bemerkbar macht“, schrieb die „Vossische Zeitung“ am Tag danach.

Die Berliner Morgenpost konnte noch nicht über die Premiere berichten, sie erschien erst gut zwei Wochen später zum ersten Mal. Aber später, als das Metropol mit seinen viel besprochenen Jahresrevuen vor allem das Berliner Nachtleben in Szene setzte, war die Morgenpost dabei. Eine aufs Lokale konzentrierte Tageszeitung musste fast zwangsläufig entstehen, als die Stadt selbst aus den Fugen geraten war. „In Berlin findet man sich auch nach drei Jahren noch nicht zurecht“, schrieb der Kulturkritiker Karl Scheffler kurz nach der Jahrhundertwende.

„Spree-Athen ist tot und Spree-Chicago wächst heran“

Eine Zeitung wie die Berliner Morgenpost bot Information und Orientierung. Die Historiker sprechen von „innerer Urbanisierung“. Die Morgenpost erklärte ihren meist vom Lande stammenden Lesern, wie eine moderne Millionenstadt eigentlich funktioniert, wo was los war und welche Attraktionen das schnelle Großstadtleben bot. Und das war einiges. „Eigentlich war 1898 in Berlin schon all das vorhanden, was man auch heute noch unter urbanem Leben versteht“, sagt der Historiker Daniel Morat, der an der Freien Universität Berlin unter anderem über die moderne Kultur in der Kaiserzeit forscht.

Kurz zuvor hatten die Bilder laufen gelernt. Das Kino hatte seinen Siegeszug angetreten, 1895 war der Kinematograf als „interessanteste Erfindung der Neuzeit“ annonciert worden. Zu sehen war unter anderem ein boxendes Känguru. Seit 1896 waren bewegte Bilder in der Friedrichstraße Ecke Mohrenstraße zu sehen und auch Unter den Linden 21.

„Weltstädtischer Charakter“ wie bei der Premiere im Metropol-Theater, das war es, was Berlin in diesen Jahren ausstrahlte. Dabei ging es weniger um einen Vergleich mit den alten Metropolen London und Paris. Schon die Zeitgenossen verglichen die rasant wachsende Reichshauptstadt eher mit amerikanischen Metropolen. „Spree-Athen ist tot und Spree-Chicago wächst heran“, schrieb der Industrielle Walther Rathenau ein Jahr, nachdem das Metropol-Theater eröffnet und die Morgenpost erstmals erschienen war. Der Kulturkritiker Karl Scheffler sprach vom „Amerikanismus“, von einer „Kolonialstadt“, die von zuwandernden Massen in Besitz genommen wurde und der es an Traditionen fehlte. „Von früh bis spät rennt ein überarbeitetes Kolonistenvolk durch die Gassen, das von Würde nichts weiß.“

Der typische „Berliner“ in diesen Jahren war Einwanderer. Vor allem aus den östlichen Provinzen strömten die Menschen in die große Stadt und nahmen dort den Kampf auf um ein besseres Leben als in den verschlafenen Dörfern und Ackerstädtchen. Es waren viele, und auch deswegen fühlten sie sich stark und selbstbewusst. Berlin entwickelte seinen Sog vor allem nach Osten. Bis 1890 waren 720.000 Menschen aus dem Osten oder Ostelbien gekommen, 120.000 aus dem Süden und Westen des Reiches. Parallelgesellschaften der Einwanderer wurden schon damals beklagt in einer Stadt, in der die Milieus schon immer mehr oder weniger friedlich und ohne tiefer gehende Kontakte nebeneinanderher lebten. So hieß es, dass 32.000 Neu-Berliner kein Deutsch sprachen, sondern nur ihre slawische Muttersprache benutzten, 42.000 sprachen sowohl Deutsch als auch ein anderes Idiom.

Scheffler beschrieb den Pioniergeist dieser kulturlosen, aber energischen Zuwanderer so: „Die Bevölkerung wird widerstandsfähig, praktisch, hart und zähe im Daseinskampfe, wird yankeehaft unternehmend und im profanen Sinne tüchtig im Wollen und Vollbringen.“ Je mehr sich Industrie, moderne Organisation und praktisches Denken verbreiteten, um so stärker wuchs die Strahlkraft des einstmals östlichen Vorpostens auch gegenüber anderen deutschen Städten und Regionen. Zeitgenossen definierten die „Amerikanisierung“ des Lebens, also die Ausbreitung des Materialismus und des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wer hart arbeitete, konnte es zu etwas bringen, diese sehr amerikanische Botschaft ging seinerzeit von Berlin aus. Selbst der Bürgermeister Martin Kirschner stammte aus Breslau. Berlin war in diesen Jahren wirtschaftlich überaus erfolgreich. Binnen weniger Jahrzehnte wuchs sie zum größten Industriezen­trum des Kontinents.

Erst mit dem Sprung in die Liga der Millionenstädte als Orte der neuen Zeit wurden auch Berliner Geist und Kultur prägend in Deutschland. Die Phänomene der Moderne ließen sich hier klarer beobachten als in anderen Städten mit längerer Tradition und fester gefügten Gesellschaften. Dabei sucht man eine echte Großstadtliteratur über Berlin zu dieser Zeit noch vergebens. Theodor Fontane, der große märkische Dichter, konnte die Wucht der Millionenstadt kaum in Worte fassen. Er starb im Jahr 1898. Den stilbildenden Berlin-Roman „Berlin Alexanderplatz“ über das Treiben des Knackis Franz Biberkopf schrieb Alfred Döblin erst 30 Jahre später.

Auf den Bühnen spielten sie neben schillernden Revuen naturalistische Dramen wie jene von Gerhart Hauptmann. Die berühmten „Weber“ stammen von 1892. Aber die riesige Stadt im Osten war in jener Zeit weniger ein Ort literarischer Produktion als ein Referenzpunkt für die deutschen Schriftsteller. Wer hier gelesen wurde, schaffte es überall. Die expressionistische Großstadtlyrik entstand erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg. In den Jahren zuvor traf sich die Kultur-Boheme zwar schon in den neuen Cafés des feinen Westens. Aber keine Richtung hatte es zu Dominanz gebracht, die Szenen waren vielstimmig.

Die Gemeinden versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen

Später als etwa in Wien organisierten sich die Anhänger und Schöpfer moderner Tendenzen in der bildenden Kunst. 1898 gründete sich die Berliner Secession gegen die konservative Akademie. Aber auch diese Modernen versammelten ein breites Spektrum an künstlerischen Positionen, vom Impressionismus bis zum Realismus, von Max Liebermann über Lovis Corinth bis zum jungen Max Beckmann. Die große Zeit der Berliner Moderne kündigte sich an.

Jedoch wurde die Stadtoberfläche schon vor der Jahrhundertwende als Ausgangspunkt für das Nachdenken über die Welt an sich sehr relevant. Georg Simmel steckte 1898 gerade in der Arbeit für seine „Philosophie des Geldes“, erschienen 1900 und heute ein Standardwerk der Kultursoziologie. Der „moderne Geist“ sei „mehr und mehr ein rechnender geworden, die Geldwirtschaft durchdringt alle Lebensbereiche“, schrieb Simmel, der damals an der Hardenbergstraße wohnte und als Privatgelehrter wirkte. Seine Vorlesungen waren sehr beliebt im gebildeten Berlin, auch wenn sich die konservativen Universitätsleitungen schwertaten und ihm erst spät eine offizielle Professur antrugen.

Es fällt leicht, die Beobachtungen Simmels auf die Jetztzeit zu übertragen, wo in Zeiten der Facebook-Freunde, Twitter-Follower und Instagram-Herzchen auch die privaten Lebensbereiche immer stärker zählbar werden und Meinungen, Bewertungen oder Zustimmung tatsächlich zu einer handelbaren Ware geworden sind.

Auch wenn Historiker wie Daniel Morat von direkten Vergleichen der Gegenwart mit der Epoche vor 120 Jahren warnen und die noch größere Dynamik in der späten Gründerzeit betonen, liegen die Parallelen auf der Hand: Nachtleben, Laster, Zuwanderung, wahnwitzige Bautätigkeit, Spekulation, Armut. Aber auch kühne Pläne wie die U-Bahn, die Werner von Siemens gerne schon einige Jahre früher eingeführt hätte, die aber von Hausbesitzern und Stadtverordneten ausgebremst wurde. Aber dann ging es los, vier Jahre nach Gründung der Morgenpost rollte die Untergrund- und Hochbahn zwischen dem neuen Westen in Charlottenburg und der Warschauer Brücke. Zuvor waren auch in der Millionenstadt die meisten Menschen zu Fuß unterwegs gewesen. Das ging irgendwann nicht mehr.

Denn die Fabriken wanderten über die Stadtgrenzen hinaus. Die AEG zog aus Mitte zunächst an die Ringbahnstation Gesundbrunnen, das prachtvolle Tor, das heute noch steht, datiert von 1897/98. Eine U-Bahn-Versuchsstrecke verband das Stammhaus mit der Filiale. Borsig eröffnete 1898 seine Fabrik am Tegeler See. In Oberschöneweide entstand im gleichen Jahr an der Oberspree das erste Drehstromkraftwerk für die AEG. Berlins Einfluss reichte weit ins Land hinaus. Die Nachbarstädte und Landgemeinden wuchsen mit der Stadt zusammen. Allein das wohlhabende Charlottenburg hatte 300.000 Einwohner, Schöneberg erhielt 1898 Stadtrecht. Die Rivalität zwischen den Gemeinden war einer geordneten Entwicklung der Region hinderlich. Die Nachbarorte versuchten etwas darzustellen. Die Charlottenburger übertrumpften mit dem 88 Meter hohen Turm ihres seit 1899 erbauten Rathauses das Rote Rathaus der alten Residenzstadt.

Die historische Mitte Berlins hatte sich bis zur Jahrhundertwende hingegen geleert. In manchen Vierteln Alt-Berlins und Alt-Cöllns sank die Bevölkerungszahl um fast 50 Prozent, während drumherum die Stadt mehr und mehr anschwoll. Anstelle der Altstadthäuser wuchsen in der neuen City Bankenpaläste und Vergnügungstempel, auch die ersten Kaufhäuser entstanden wie das Warenhaus von Hermann Tietz (Hertie), das am Leipziger Platz entstand, wo heute die Mall of Berlin Kunden empfängt. Selbst ein Berlin-Kritiker wie der in Hamburg geborene Karl Scheffler räumt ein, dass sich in den neuen Kaufhausbauten das erste Mal eine spezifisch berlinerische, großstädtische Architektur manifestiert. Die Menschen, die ihren hart erarbeiteten Lohn lustvoll ausgaben, waren zu Konsumenten geworden.

Natürlich gab es auch die bittere Not, die der Zeitgenosse Heinrich Zille in seinen Zeichnungen anschaulich überlieferte. Vor allem die Wohnungsnot machte den Menschen zu schaffen, auch wenn Spekulanten, nur rudimentären Bauvorschriften gehorchend, rasend schnell endlose Reihen von Mietskasernen meist in den östlichen Stadtvierteln hochzogen. 1900 gab es eine halbe Million Wohnungen in der Stadt. Weniger als ein Zehntel hatten ein Bad, knapp die Hälfte keine eigene Toilette. Die Hinterhäuser, verborgen vom Stuck der Hausfassaden, hinter denen zur Straße hin die bessergestellten Kleinbürger wohnten, waren knallvoll mit Menschen. Mehr als 100.000 Arbeiter waren als Schlafgänger unterwegs. Sie nutzten das Bett, während der Hausherr selbst auf Schicht war. Erst ab fünf Personen in einem Raum galten die Quartiere auch den Behörden als überbelegt. Nicht jeder konnte die Miete immer aufbringen. An sogenannten Ziehtagen, an denen die Miete fällig wurde, sah man ganze Familien, die ihre Bleibe verloren hatten, durch die Stadt irren. Ein Ziel war oft das städtische Obdachlosenasyl an der Fröbelstraße in Prenzlauer Berg. Zeitgenössische Quellen gehen von etwa 10.000 Obdachlosen in der Stadt aus. So ist die Jahrhundertwende auch eine Zeit der sozialen Konflikte. Immer mehr Arbeiter schlossen sich den Gewerkschaften an, die Zahl der Mitglieder stieg von 60.000 1898 auf 224.000 sieben Jahre später.

Die Arbeiterbewegung entwickelte sich auch politisch zu einer starken Kraft, die nur dank des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts von der Macht ferngehalten wurde. 1898 wurde die SPD stärkste Partei mit 27 Prozent bei den Reichstagswahlen, vor der Katholiken-Partei Zentrum mit 18 Prozent. In Berlin holte die SPD drei Direktmandate. Wilhelm Liebknecht, der Vater von Karl, gewann in Wedding und Nordberlin. Kurz zuvor hatte er wegen Majestätsbeleidigung vier Monate in Plötzensee eingesessen.

Aber trotz allen Aufbegehrens und allen Elends war Berlin damals eine reiche Stadt. Wer fleißig war, arbeitete und von Schicksalsschlägen verschont blieb, konnte sein Auskommen sichern. Und auch die einfachen Menschen nutzten ihre neu gewonnene Freizeit. Zahlreiche Sportvereine wurden gegründet. In der Saison 1897/98 wurde die erste Berliner Fußballmeisterschaft des Verbandes VBB ausgespielt, auf den sich noch heute der Verband in einer Traditionslinie bezieht. Den Titel holte Britannia, der Vorläufer des heutigen BSV 92.

„Wüster Bierulk, lärmvolle Albernheit, roher Übermut“

Und die Berliner amüsierten sich, nicht nur die höheren Stände. Dabei fällt auf, dass die Zwischennutzung von Stadträumen keineswegs ein Phänomen der von Leerstand geprägten Krisenjahre der 1990er- und 2000er-Jahre ist. Kulturkritiker Scheffler berichtete von „Vergnügungsplätzen“, die „Schauplatz eines wüsten Bierulkes, lärmvoller Albernheit oder rohen Übermuts“ seien. Und sentimental dachte er an die gepflegten Volksfeste in anderen Städten, deren jahrhundertelange Tradition Berlin auch damals schon abging. „An die Stelle des alten schönen deutschen Jahrmarkttreibens ist in Berlin der auf freien Baustellen für Wochen und Monate organisierte proletarische Vergnügungsplatz, der sehr bezeichnend Rummel genannt wird, getreten.“ Wenn man „freie Baustellen“ durch „leere Fabrikgebäude“ und „Rummel“ durch „Technoparty“ ersetzt, ist man im Nu im Berlin vor dem derzeitigen Immobilienboom angekommen. Heutzutage peppen Immobilieninvestoren ihre Renditeprojekte gern mit kultureller Zwischennutzung auf.

Die Berliner um 1900 nutzten jede Gelegenheit, um zusammenzuströmen und Attraktionen zu bestaunen. Beim ersten Autorennen Deutschlands zwischen Berlin und Potsdam säumten Tausende die Strecke. Und die Paraden zu Kaisers Geburtstag, zu Hochzeiten der Hohenzollern-Dynastie, zu Begräbnissen oder Schlachten-Gedenktagen lockten stets die Massen auf die Straßen – womöglich aus Mangel an traditionsreichen Festen. Wie überhaupt Krone und Militär immer noch bedeutende Faktoren bildeten im modernen Berlin. Alte Fotos von Biergärten zeigen die vielen Soldatenmützen, die auf den Tischen der Trinker liegen. Der Kaiser, den Scheffler als „Industriekaiser, als ersten Großstädter auf dem Thron“ beschrieb, überzog die Stadt mit Denkmälern. Der Grunewaldturm entstand, die Heldenallee im Tiergarten ist in Vorbereitung.

Der Kaiser puschte die gut zum Berliner Weltstadtgefühl passende Kolonialbegeisterung. Der Deutsche Flottenverein wurde 1898 gegründet, um den Kampf des Reiches um einen „Platz an der Sonne“ zu unterstützen. Das Volk strömte zu der Gewerbeausstellung 1896 nach Treptow, wo nachgebaute Dörfer mit echten Ureinwohnern aus Südwestafrika und dem pazifischen Samoa zu den großen Attraktionen zählten. Die Schau war dermaßen erfolgreich, dass bald darauf nahe dem Lehrter Bahnhof ein permanentes Kolonialmuseum errichtet wurde und damit dem zu dieser Zeit entstandenen Reigen großer Museen als nationale Selbstvergewisserung ein weiteres Element hinzufügt wurde.

Aber die Autorität des Kaisers lag immer wieder mit der kommunalen Selbstverwaltung in Konflikt, unwillkürlich denkt man an Rangeleien zwischen Bund und Land heutzutage. Der Kaiser weigerte sich 1898, Kirschner als Oberbürgermeister zu bestätigen, weil er den Friedhof der Märzgefallenen und damit der Revolutionäre von 1848 hatte einzäunen lassen. Immer wieder hatte die kommunale Selbstverwaltung Ärger mit den staatlichen Aufsichtsbehörden. Zeitgenossen wie Karl Scheffler hatten keine gute Meinung über die Berliner Stadtpolitik. Die Kommunalpolitik nannte er „dilettantisch und fahrig“, unfähig zum großen Wurf, um die chaotische Hauptstadt zu einem geordneten, in seinem Sinne kulturvollen Ort zu formen. Sie, die Stadtpolitik, „hat nie groß gewollt, sondern immer nur gemußt“. Und auch diese Klage klingt mehr als 100 Jahre später in den Ohren der Berliner immer noch ziemlich vertraut.