120 Jahre Morgenpost

"Berliner Illustrirte Zeitung": Berlins berühmte Illustrirte

Wie die Berliner Morgenpost zu ihrer berühmten Sonntagsbeilage kam – und warum diese bis heute ohne „ie“ geschrieben wird.

Die Berliner Illustrirte Zeitung zu Neujahr 1922 mit Stummfilmstar Pola Negri und Boxer Hans Breitensträter

Die Berliner Illustrirte Zeitung zu Neujahr 1922 mit Stummfilmstar Pola Negri und Boxer Hans Breitensträter

Foto: ullstein bild / BM

Berlin. Sie setzte als erste deutsche Zeitschrift konsequent auf Fotografie, auf ungewöhnliche Themen und spannende Fortsetzungsromane: Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ – heute die Sonntagsbeilage der Berliner Morgenpost und aus historischen Gründen ohne „ie“ geschrieben – erschien am 4. Januar 1892 zum ersten Mal. Sie machte den Donnerstag zum „Magazin“-Tag, auf den Millionen Leser ungeduldig warteten. Auch die Konkurrenz, die Illustrierte „Woche“, erschien donnerstags.

Das wichtigste Verkaufsargument der „Illustrirten“? Fotografien und Geschichten aus dem realen Leben. Das erste Titelbild zeigte die Gruppenaufnahme eines bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommenen Offizierskorps und galt als sensationell. Mit den Fotografen der „Berliner Illustrirten“ entdecken die Leser die Welt – die Vögel im tropischen Urwald erschienen viel interessanter als die heimischen. Dazu kommen ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Klatsch, ein wenig Sport – und Humor- und Rätselseiten. Am 1. April gibt es regelmäßig einen Bildscherz, auf den ist man stolz. Und die Prominenten der Welt, die im 19. Jahrhundert noch so kamerasteif waren, lernen, vor der Linse lockerer zu werden. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, reisten die Fotografen mit in die Schützengräben, waren in Lazaretten unterwegs und bewunderten die Flieger.

Möglich wurden diese Berichte durch technischen Fortschritt. Schon seit etwa 1901 konnten auch die Innenseiten der „Illustrirten“ mit Bildern bedruckt werden. In der „Zinkographischen Ätzanstalt“ ließen sich Fotos rastern und damit druckbar machen. Diese Methode war viel schneller und billiger als die bisherigen Holzschnitt-Reproduktionen, mit denen Ullstein begonnen hatte. Als ab 1904 der Zeitungsstraßenverkauf zugelassen wurde, schnellten die Verkaufszahlen der „Berliner Illustrirten“ nach oben. Hatte man um 1900 schon 100.000 zahlende Leser, waren es 1910 bereits 500.000. 1914 stapfte auf einer Werbung ein Riese durch eine Straße voller winziger Menschen und hält ein Plakat hoch: „Berliner Illustrirte Zeitung – Jetzt eine Million Abonnenten“. Bis 1931 stieg die Auflage trotz Wirtschaftskrise sogar noch weiter auf zwei Millionen.

Gedruckt wurde die „Illustrirte“ im Zeitungsviertel in Kreuzberg. In der Druckerei von Leopold Ullstein in der Charlottenstraße, der dort sechs Jahre später auch die Berliner Morgenpost gründen sollte. Erster Verleger der „Berliner Illustrirten“ war Otto Eysler, der auch die erfolgreichen Satirezeitschrift „Lustige Blätter“ herausbrachte, in denen unter anderem Größen wie Heinrich Zille und Lyonel Feininger veröffentlichten. Doch Eysler war es zunächst nicht gelungen, die „Illustrirte“ zum Laufen zu bringen. Ullstein stieg ein, steckte frisches Geld in das Blatt. Dann allerdings zerstritten sich die Verleger über das Konzept. Eysler setzte auf Skandale, Mord und Totschlag. Leopold Ullstein dagegen wollte Lebensfreude. Eine wöchentliche Wundertüte! Eysler stieg nach neun Monaten entnervt aus – der Fehler seines Lebens.

Das wohl berühmteste Foto der „Berliner Illustrirten“ erschien am 24. August 1919 auf dem Titel und löste einen politischen Skandal aus. Die Veröffentlichung des „Badehosenfotos“, auf dem Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske in Badehose knietief im Ostseewasser stehen, entstanden als Privatfoto eines Strandfotografen an einem harmlosen Sommertag an der Ostsee, wurde zum Skandal. Ein frisch gewählter Reichspräsident – der Sozialdemokrat Friedrich Ebert sollte am folgenden Tag vor der Nationalversammlung vereidigt werden – in Badehose! Zumal in kurzer, statt im züchtigen Einteiler. Ein Affront – zu Kaisers Zeiten hätte es das nicht gegeben.

Nach dem Tod Leopold Ullsteins führte sein Sohn Franz mit Hermann Dupont das Blatt. Dazu kam Kurt Karfunkelstein als Chefredakteur, der als schlauer Botenjunge beim Verlag angefangen hatte und sich später Korff nannte, mit großstädtischem Blick und Kurt Szafranski als Illustrator.

Doch ab 1933 übernahmen die Redaktion, die sich für zutiefst liberal hielt, andere Mächte. Erst tauchten Kollegen mit Hakenkreuz im Knopfloch auf. 1933 floh Karfunkelstein/Korff vor den Nationalsozialisten in die USA. Er baute dort das „Life Magazine“ mit auf. Ende April 1933 wurden alle jüdischen Redakteure fristlos entlassen, die Familie Ullstein musste sich 1934 von ihrem Unternehmen trennen, es wurde „arisiert“, der Verlag 1937 als „Deutscher Verlag“ dem Zentralverlag der NSDAP angegliedert. In der „Berliner Illustrirten“, die in der NS-Zeit mit „ie“ geschrieben wurde, ließen sich Nazi-Größen ablichten. Die jüdischen Kollegen flohen oder wurden ermordet wie der prägende Fotograf Erich Salomon, der 1944 in Auschwitz starb. Als am 29. April 1945 die vorerst letzte Ausgabe der „Berliner Illustrierten“ erschien, lag das Zeitungsviertel in Trümmern.

Axel Springer, der Nachkriegsverleger, bewunderte die Ullsteins, 1956 kaufte er große Anteile des Ullstein-Verlags – mit dem Wohlwollen des Restes der großen Ullstein-Familie. Unter dem Titel „Berliner Illustrirte Zeitung“ erschienen zunächst nur einige Sonderausgaben – zum Kennedy-Besuch beispielsweise. Erst 1984 wurde der Titel „Berliner Illustrirte Zeitung“ dauerhaft wieder eingeführt – als Sonntagsbeilage der Berliner Morgenpost. Bernd Philipp war mit seiner Kolumne „Lebenslagen“ prägend, Autoren waren Wolf Jobst Siedler, Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour. Der Text stand im Vordergrund, nicht mehr das Bild. Von 2002 an führte Autor Wolfgang Büscher das großformatige Titelbild, das Originallogo in Fraktur und die Reportage wieder ein. Seit 2018 liegt der Schwerpunkt wieder wie einst auf der Fotografie.

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