120 Jahre Morgenpost

"Ich bin ein Berliner": John F. Kennedys Besuch in Berlin

In seiner berühmten Rede in Schöneberg sagte der US-Präsident diesen unvergessenen Satz. So berichtete die Morgenpost.

Rund 450.000 Besucher kamen am 26. Juni 1963 zum Schöneberger Rathaus, um John F. Kennedy zuzujubeln. Und er dankt es ihnen mit dem berühmten Satz: „Ich bin ein Berliner.“

Rund 450.000 Besucher kamen am 26. Juni 1963 zum Schöneberger Rathaus, um John F. Kennedy zuzujubeln. Und er dankt es ihnen mit dem berühmten Satz: „Ich bin ein Berliner.“

Foto: dpa Picture-Alliance / Votava / picture alliance / IMAGNO/Votava

Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Kennedys Rede im Jahr 1963.

Die Menschenmenge ist gigantisch, die sich auf dem Aufmacherbild der Berliner Morgenpost vom 27. Juni 1963 dicht an dicht vor dem Schöneberger Rathaus drängt. 450.000 sollen es gewesen sein, zusammen mit den Jubelnden entlang der Route des amerikanischen Präsidenten an jenem 26. Juni sogar anderthalb Millionen. „Berlin hatte seinen großen Tag“, steht unter dem Foto: „Der Rudolph-Wilde-Platz war viel zu klein für die Massen, die Präsident Kennedy feiern wollten.“

In jenen Minuten bekam Berlin seinen wohl unvergesslichsten Satz geschenkt. Die Morgenpost titelte: „John F. Kennedy: ,Ich bin stolz, ein Berliner zu sein!‘“ In der hektischen Begeisterung der zurückliegenden Stunden hatte man sich in der Redaktion offenbar als Schlagzeile lieber für eine Art Zusammenfassung der Rede entschieden als für jenes heute berühmte Zitat. Erst im Artikel darunter wird es vollständig wiedergegeben: „Vor 2000 Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte: ,Ich bin ein Bürger Roms.‘ Heute lautet in der Welt der Freiheit der stolzeste Satz: ,Ich bin ein Berliner.‘“ Am Ende der live in Funk und Fernsehen übertragenen Ansprache wiederholte Kennedy leicht abgewandelt: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: ‚Ich bin ein Berliner!‘“ Daraus wurde dann die Schlagzeile, Kennedy sei stolz, ein Berliner zu sein.

Die Herzen der West-Berliner, schreibt die Morgenpost, habe Kennedy damit im Sturm erobert. Zumal er die letzten vier Worte bekanntlich auf Deutsch sprach. Seine Mitarbeiter hatten ihm diesen Satz in Lautschrift auf einen Zettel geschrieben. Im Amtszimmer des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt hatte er noch kurz zuvor die Aussprache geübt. „Ich bin ein Berliner“ wurde später als Teil der Dokumente zum Bau und Fall der Berliner Mauer in die Liste zum Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen.

Jubel für US-Präsident Kennedy in West-Berlin

Bevor aber der Präsident überhaupt zu Wort kommt, vergehen laut Morgenpost sechs Minuten. Bei jeder noch so winzigen Handbewegung zur Begrüßung der Menge brandet Jubel auf, die Menschen rufen „Kennedy! Kennedy!“ und „Johnny! Johnny!“. Als er endlich sprechen kann, richtet er seine Botschaft indirekt auch an die Sowjets: „Ein Leben in Freiheit ist nicht leicht“, sagt er, „aber wir hatten es nie nötig, eine Mauer zu bauen, um unsere Leute bei uns zu behalten.“ Durch die Mauer würden Familien getrennt, „der Mann von der Frau, der Bruder von der Schwester“.

Mit diesem familiären „Wir“ erfüllt Kennedy in der Stadt der einstigen Luftbrücke die Erwartungen, dass er West-Berlin auch in Zukunft vor dem Kommunismus zu schützen gedenkt. Die Morgenpost gibt sein Versprechen an die Leser weiter: Der Präsident habe zugesichert, dass „der Schöpfer der Luftbrücke und Retter Berlins, General Clay, stets an die Spree zurückkommen werde, ,wenn es notwendig wird‘“.

Die Kennedy-Euphorie hatte sich in der Stadt über Wochen aufgebaut, man rechnete mit einer Art Ausnahmezustand. So empfahl die Morgenpost ihren Lesern wenige Tage vor dem Besuch: „Rechtzeitig einkaufen. Viele Läden schließen.“ Einen Tag vor Kennedys Ankunft war sich die Morgenpost sicher: „West-Berlin wird Kennedy einen Empfang bereiten, wie er noch keinem zuteil wurde.“ Als Bundeskanzler Konrad Adenauer am Vorabend anreiste, rief er die Berliner sicherheitshalber trotzdem noch einmal dazu auf, „zu zeigen, wie sehr die Bevölkerung dieser Stadt auf die USA vertraut und dass sie niemals schwanken wird“.

Verhaltene Freude im sowjetischen Sektor

An den Sympathiebekundungen beteiligte sich auch der Axel-Springer-Verlag, in dem die Morgenpost damals erschien. Nachdem Kennedys Wagenkolonne in Tegel gestartet war, fuhr sie zur Kongresshalle im Tiergarten, zum Brandenburger Tor und zum Checkpoint Charlie. Schließlich passierte sie auch den neuen Flachbau des Verlagshauses in der Kochstraße, wo ein Spruchband hing: „Willkommen, Herr Präsident! Hier an der Mauer bauen Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen Berlins größtes Pressezentrum.“ Nach der Rede in Schöneberg sollte Kennedy noch die Freie Universität besuchen, wo er zum akademischen Ehrenbürger der FU ernannt wurde, und schließlich das US-Hauptquartier in der Clayallee.

Mitleidig beschreibt die Morgenpost das Verhalten der Bewohner der sowjetischen Zone, die ihre Kennedy-Begeisterung nicht so ungehemmt zelebrieren dürfen wie ihre Nachbarn. Westlicher Gefühlsüberschwang steht verordneter Affektkontrolle im Osten gegenüber: „Auch im Sowjetsektor hinterließ der Berlin-Besuch Kennedys einen starken Eindruck“, heißt es.

„Als die West-Berliner beim Eintreffen des amerikanischen Präsidenten am Checkpoint Charlie begeistert ,Kennedy, Kennedy‘ riefen, hellten sich die Mienen der Menschen hinter der Mauer merklich auf. Einige Mutige, die sich unbeobachtet glaubten, lächelten schüchtern.“ In der Nähe des Checkpoint Charlie, wo sich eine große Menschenmenge versammelt habe, „bevor Kennedy an der Grenze zwischen Krieg und Frieden eintraf“, hätten Volkspolizisten „rücksichtslos“ die Menschen, die „sich jedes Winkens enthalten mussten“, bis zur Leipziger Straße zurückgedrängt.

Bewegender Abschied am Flughafen Tegel

Als bewegender Abschluss der „achtstündigen Triumphfahrt“ wird die „Abschiedszeremonie“ am Flughafen Tegel geschildert, wo der greise Adenauer seinem Gast versichert: „Ich glaube, ich brauche kein Wort darüber zu sagen, wie das deutsche Volk von Ihnen denkt. Das kam wirklich aus dem Herzen heraus.“ Adenauers empfindsame Worte sind noch nicht verhallt, da wird im Osten schon aufgeräumt. Ein „Ostberliner Arbeitskommando“ habe sogleich begonnen, „den Fahnenbehang aus dem Brandenburger Tor wieder zu entfernen. Mit zwei Feuerwehrdrehleitern der Vopo wurden die ,Sichtblenden‘ abgebaut.“

Kennedy hatte in seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus vom kommenden „Tag der Freiheit“ gesprochen, an dem „Ihr Land wiedervereinigt und Europa geeint ist“. Zwei Tage später besuchte auch der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow Berlin. Als schlichte Entgegnung auf Kennedys historische vier Worte hatte auch er vier parat: „Ich liebe die Mauer.“ Die sollte zwar noch einige Jahre halten, aber Kennedys Vision wurde Wirklichkeit. Heute gibt es kein West- und kein Ost-Berlin mehr in Charlottenburg, Prenzlauer Berg oder Kreuzkölln.

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