120 Jahre Morgenpost

Der Brand im Columbushaus während des DDR-Arbeiteraufstands

Ein Aufstand in Ost-Berlin weitet sich aus. Das Columbushaus stand am Potsdamer Platz an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin.

Der Potsdamer Platz am Mittag des 17. Juni 1953: Das Columbus-Haus brennt

Der Potsdamer Platz am Mittag des 17. Juni 1953: Das Columbus-Haus brennt

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der 17. Juni 1953.

Auf dem Titelblatt der Morgenpost vom 18. Juni 1953, einen Tag nach dem Arbeiteraufstand in der DDR, ist ein Foto von einem brennenden Haus abgebildet. Man sieht nur eine Ecke des Hauses, im Vordergrund sind Rauchsäulen. Die Bildunterschrift ist rätselhaft: „ ‚Das löschen wir nicht‘, sagte die östliche Feuerwehr, als sie von ihren Westberliner Kollegen angesichts der dicken Rauchschwaden, die aus dem Columbushaus am Potsdamer Platz quollen, alarmiert worden war.“ Den Westberlinern blieb nichts anderes übrig, als den Brand allein zu löschen, erklärt die Bildunterschrift weiter, verschweigt aber, warum die Ostberliner Kollegen nicht mithalfen. Lag das Haus zu sehr im Westen? Hatten sie Order, ein Demons­trantennest auszuräuchern? Gefiel ihnen der moderne, schmucklose Bau nicht? Oder streikten sie aus Solidarität mit den Arbeitern?

Heute stehen auf dem ehemaligen Wertheim-Grundstück zwei Luxushotels, das „Ritz-Carlton“ und das „Marriott“. Auf einer Freifläche davor befand sich bis 1957 das Columbushaus, ein neun Stockwerke hoher Stahlskelettbau mit horizontaler Gliederung und der ersten Belüftungsanlage Berlins. Geplant und erbaut 1930 von dem berühmten Architekten Erich Mendelsohn, war es damals ein kühner Wurf der Moderne auf dem historischen Platz im Zentrum Berlins. 1953 ist es eines der wenigen Gebäude auf dem Potsdamer Platz, die den Krieg halbwegs überstanden haben. Es steht nun direkt an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin und beherbergt eine Wache der Volkspolizei und einen HO-Laden. Als die Demonstranten am 17. Juni gegen 10 Uhr den Potsdamer Platz erreichen, „warfen die vier im Columbushaus stationierten ‚Volkspolizisten‘ ihre Uniformen aus dem Fenster, zogen Zivilanzüge an, winkten den Demonstranten zu und liefen in den britischen Sektor“, schreibt die Morgenpost in einer Sonderausgabe. Die DDR-Führung wird später sagen, die Männer seien von westlichen Agitatoren überwältigt und in den Westen verschleppt worden.

Westen überrascht von Ostberliner-Aufständen

Gegen 16.45 Uhr wird im Keller des Hauses an mehreren Stellen Feuer angezündet, um 17 Uhr brennt das ganze Haus. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich bereits sowjetische Panzer auf dem Platz. Seit 13 Uhr gilt der Ausnahmezustand. Schüsse fallen. Dennoch gibt es Hoffnung, denn der Aufstand weitete sich aus. „Unterdessen waren etwa 10.000 Arbeiter des Walzwerkes Hennigsdorf in der Sowjetzone aufgebrochen, hatten die Arbeit niedergelegt und marschierten in geschlossenen Demonstrationszügen auf die Zonengrenzen zu. An der Grenze steckten sie die Schlagbäume in Brand, traten die Stacheldrahthindernisse nieder, verprügelten die VOPO-Posten und marschierten in geordneten Zügen in Westberlin ein. Auf ihrem Zug durch den französischen Sektor wurden die Demonstranten begeistert von den Berlinern begrüßt, mit Schokolade, Zigaretten und belegten Broten überhäuft“, schreibt die Morgenpost, denn: „Die offene Auflehnung gegen das kommunistische Gewaltsystem blieb nicht auf Ostberlin beschränkt. Überall in der sowjetisch besetzten Zone traten empörte Arbeiter in den Ausstand, verließen ihre Betriebe und zogen in Protestmärschen durch die Städte.“

Den Anfang machten die Bauarbeiter in der Stalinallee, einem Prestigeprojekt der SED. Seit dem 16. Juni galt eine Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 Prozent. Zusammen mit der schlechten Lebensmittelversorgung – für die man vor allem die Handelsorganisation (HO) mit ihren Läden und Kaufhallen, wie eben jene im Columbushaus, verantwortlich machte – war das der Auslöser für die Streiks und Proteste. Zusätzlich forderten die Arbeiter die Absetzung des SED-Regimes, freie Wahlen und die Freilassung der politischen Häftlinge.

Im Westen wusste man zwar über die schlechte Versorgungslage Bescheid, war dann aber dennoch von den Aufständen und deren Heftigkeit überrascht worden. Bürgermeister Reuter befand sich gar nicht Berlin. Von einem Städtekongress in Wien verkündete er: „Die Demonstrationen der Ostberliner Arbeiter sind für die ganze Welt ein Beweis, dass ein auf Bajonettspitzen ruhendes System keine Kraft besitzt.“ Führende Bonner Politiker ließen sich in einer Sondermaschine nach Berlin fliegen. Der RIAS Berlin berichtete halbstündlich. Am Oranienplatz gab es eine machtvolle Sympathiekundgebung. „Nur Sender Moskau und die angeschlossenen Stationen der Satellitenstaaten schwiegen“, bemerkt die Morgenpost.

Der Kalte Krieg ging weiter

Denn Moskau schickte Armee und Panzer, gegen die die Demonstranten machtlos waren. Es gab Tote. Wie viele, weiß man bis heute nicht. Tausende wurden verhaftet und verurteilt. Mehrere Todesurteile wegen Befehlsverweigerung ergingen auf der sowjetischen Seite, zwei wurden von DDR-Gerichten verhängt und vollstreckt. Der 42-jährige Gärtner Ernst Jennrich hatte in Magdeburg mit einem Karabiner angeblich in die Luft geschossen und dabei einen Volkspolizisten getroffen. Dass der Schuss gezielt war, konnte man ihm im ersten Gerichtsverfahren nicht nachweisen. Im zweiten Prozess wurde er nach einer 15-minütigen Verhandlung dennoch wegen Mordes zum Tode verurteilt. Geradezu skurril, aber auch traurig ist die Geschichte von Erna Dorn, einer Frau mit viel Fantasie. Nach dem Krieg gab sie sich als KZ-Opfer aus, prahlte aber gleichzeitig damit, als Aufseherin für den Tod von Häftlingen verantwortlich gewesen zu sein. Sie saß am 17. Juni in Halle in Haft. Als die Demonstranten das Gefängnis stürmten, konnte sie sich befreien. Gegen Mittag des 18. Juni war sie wieder in Haft. Am 22. Juni wurde sie zum Tode verurteilt – wegen Nazigesinnung und Volksaufwiegelung. Beide Fälle gelten heute als Justizirrtum. Die Urteile wurden postum aufgehoben.

Wilhelm Hagedorn wiederum, der damit geprahlt hatte, 300 „Faschisten“ und „Agenten“ enttarnt und eingesperrt zu haben, wurde von den Aufständischen in Rathenow gelyncht. Er bekam ein Staatsbegräbnis, 1997 wurde es nach einer öffentlichen Debatte eingeebnet. Die SED-Führung rückte von ihrem Plan ab, die Arbeitsnorm zu erhöhen. In den Läden der HO kam es zu einem Preisnachlass. Moskau erließ die Reparationszahlungen und lieferte Lebensmittel. Der Kalte Krieg ging weiter. Über die Weigerung der Ost-Feuerwehr, das Columbushaus zu löschen, ist nichts weiter bekannt.

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