120 Jahre Morgenpost

Nach "Der blaue Engel" ging Marlene Dietrich nach Hollywood

Schauspielerin Marlene Dietrich schaffte ihren großen Durchbruch in Hollywood. Andere "Blaue Engel"-Schauspieler flohen ins Exil.

Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs berühmtem Film, der auf einer Romanvorlage von Heinrich Mann basierte

Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs berühmtem Film, der auf einer Romanvorlage von Heinrich Mann basierte

Foto: BM

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Marlene Dietrich.

Am 1. April 1930 wird der "Der blaue Engel" im Gloria-Palast in Berlin uraufgeführt. An diesem Tag kreuzen sich die Wege der beiden Hauptdarsteller ein letztes Mal. Marlene Dietrich unterschreibt einen Siebenjahresvertrag bei Paramount und macht sich auf nach Amerika, um mit Gary Cooper ihren ersten Hollywoodfilm zu drehen. Ihr Filmpartner Emil Jannings war ein halbes Jahr zuvor aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt. Er ist der erste Oscarpreisträger überhaupt und der bis jetzt einzige deutsche Schauspieler, der diesen Preis erhalten hat. Er gilt als internationaler Star und sein Name steht zusammen mit dem Regisseur, Josef von Sternberg, groß auf dem Filmplakat. Auch erhält er für seine Rolle 200.000 Reichsmark im Gegensatz zu Marlene Dietrich, die nur 20.000 bekommt. "Der blaue Engel" aber kehrt dieses Verhältnis um. Drei Wochen nach der Uraufführung ergänzt man alle Filmankündigungen, die in der Berliner Morgenpost erscheinen, mit dem Namen der Dietrich. Ein Tribut an die wachsende Popularität der Tingeltangel-Lola. Und auch die Kritiker überschlagen sich mit Lob.

"Restlos echt ist Marlene. Erschreckend echt. Jeder Ton sitzt. Das monotone Geplärre ihrer Chansons, ihr berlinerischer Tonfall, ihr kaltschnäuzisches Phlegma", schreibt der Filmkritiker der Morgenpost Dr. K. Glück am 3. April 1930. "Besser, runder ist die Figur nicht zu denken. Dabei sieht sie herrlich aus. Plötzlicher Aufstieg einer Episodin in die allererste Reihe", schreibt Dr. Glück weiter. Er macht zwar Abstriche, weil die Heinrich Mann'sche Romanvorlage nicht richtig umgesetzt wurde, kommt aber zu einem positiven Gesamturteil: "Festvorstellung, große Premiere, Smoking und Abendkleid. Beifallsklatschen und Hervorrufe. Ein Sieg des großartigen packenden Stoffes, der selbst in der stark abgeänderten Form Tragkraft genug für zwei Filmstunden hat. Sieg der deutschen Tonfilmtechnik, die den jahrelangen Vorsprung Amerikas nun eingeholt hat."

Großer Durchburch in Hollywood

Und Sieg für Marlene, die im Unterschied zu Filmpartner Jannings mit dem Tonfilm ihren Durchbruch startet. Sie wird gelobt für ihre Natürlichkeit, Jannings spielt noch immer wie im Stummfilm mit übertriebenem Augenrollen und dramatischen Gesten. Hitler und Goebbels, beide Jannings-Fans, stört das allerdings nicht. Am 14. September 1930 erringt die NSDAP bei den Reichstagswahlen ihren ersten großen Sieg, sie wird hinter den Sozialdemokraten zweitstärkste Partei. Drei Jahre später wird Hitler Reichskanzler und Jannings spielt die Hauptrolle im NS-Propagandafilm" Ohm-Krüger", während Marlene Dietrich an der Seite von Cary Grant in Sternbergs "Blonde Venus" brilliert.

Obwohl Emil Jannings der Sohn eines amerikanischen Kaufmanns und einer deutsch-jüdischen Emigrantin aus Russland ist, arbeitet er eng mit Göbbels zusammen, wird Staatsschauspieler und Reichskultursenator und streitet jede Verbindung zum Judentum ab. Nach dem Krieg wird er mit einem Berufsverbot belegt und stirbt verbittert in seinem Haus am Wolfgangsee. Marlene Dietrich wird noch Jahre nach dem Krieg in ihrer Heimat als Vaterlandsverräterin beschimpft und bei Auftritten mit faulen Eiern beworfen. In Israel hingegen wird sie wie ein Staatsgast empfangen und ist dort die Erste, die in deutscher Sprache singen darf. Dietrich und Jannings Lebenswege stehen stellvertretend für eine Zeit, die wenig Spielraum ließ. Für andere gab es gar keinen mehr.

Kurt Gerron, im "Blauen Engel" der Zauberkünstler Kiepert, stammte aus einer jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie. Er floh 1933 nach Paris und Amsterdam und spielte dort in einem jüdischen Theater, dessen Ensemble nach der Besetzung der Niederlande komplett verhaftet und ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Gerron gründete dort das Kabarett "Karussell". 1944 überließ man ihm die sogenannte Spielleitung für den Film "Theresienstadt", der unter dem Motto "Hitler schenkt den Juden eine Stadt" dem Ausland vorgaukeln sollte, wie angenehm man doch im KZ leben konnte. Ein paar Monate später starb er in der Gaskammer. Bis zuletzt hatte er an einen Umschwung geglaubt und als es noch ging, Angebote von Marlene Dietrich und Peter Lorre, ihn nach Hollywood zu holen, ausgeschlagen.

Schicksale des "Blauen Engel"-Casts

Sein Schicksal teilte er mit Robert Liebmann, einem der Drehbuchautoren. Er wurde in Paris verhaftet und starb im KZ Auschwitz. Der Ungar Karl Huszár-Puffy, der den Wirt vom "Blauen Engel" spielte, wurde Opfer des anderen großen Massenmörders des 20. Jahrhunderts. Er floh vor den Nazis in die Sowjetunion und wurde in Wladiwostok, von wo er sich in die USA einschiffen wollte, verhaftet. Er starb 1941 in einem russischen Lager.

Viele weitere Mitwirkende des "Blauen Engels" mussten wie der Autor der Romanvorlage Heinrich Mann oder die am Drehbuch mitwirkenden Carl Zuckmayer und Karl Gustav Vollmoeller, ins Exil. Rosa Valetti, im Film Gerrons Frau, glänzte als Mutter Peachum in Brechts "Dreigroschenoper". Daneben war sie eine der ersten Frauen, die ein Kabarett leitete, gefeierte Chansonnette und Mittelpunkt des Berliner Kulturlebens rund um Tucholsky und Max Reinhardt. Als Berliner Jüdin emigrierte sie 1933 nach Wien und starb dort noch vor dem Anschluss Österreichs. Ihr Mann und ihre Tochter gingen ins Exil nach Amerika. Robert Klein-Lörk, der Schüler Goldblum im "Blauen Engel", war überzeugter Kommunist und musste deshalb 1933 ebenfalls nach Österreich fliehen. Nach dem Anschluss ging er nach New York, wo sich seine Spur bis zu seinem Tod im Winter 1963/64 verliert.

Die Besetzungsliste des "Blauen Engels" erzählt viele solcher Geschichten. Wie wahrscheinlich jeder Filmcast jener Zeit. Es macht es auch nicht versöhnlicher, dass es Schicksale wie jenes von Friedrich Holländer gab. Er war jüdischer Abstammung und komponierte die Filmmusik mit dem berühmten Lied "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" und gibt im Film den Klavierspieler. Dank vorhergehender Aufenthalte und guter Kontakte gelang ihm die Flucht in die USA. 1955 kehrte er nach Deutschland zurück, knüpfte an seine Erfolge an und wird mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse und dem Verdientskreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Der Oscar von Emil Jannings steht in einer Vitrine des Filmmuseums in Berlin. Marlene Dietrich kehrte nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurück. Der Gloria-Palast, im Krieg zerstört und danach wieder aufgebaut, wurde 2017 abgerissen.

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