Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der Hunger im Krieg.
Die Steckrübe oder Kohlrübe, in Berlin auch Wruke genannt, ist das Gemüse des Jahres 2017/2018. So hat es der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt bestimmt. Sie sei ein Gemüse mit Tradition, aber auch mit Zukunft, ein modernes, klimaschonendes Nahrungsmittel, das ohne viel Chemie angebaut werden könne, regional verfügbar und gut zu lagern sei. Früher Arme-Leute-Essen, nun wiederentdeckt und gleich im Trend. In Schweden hat ein Sternekoch sein vegetarisches Restaurant "Rutagaba", also Kohlrübe, genannt. Und auch Berlins Spitzenrestaurants adeln das Gemüse und setzen es wieder auf die Speisekarten. Schließlich gibt es keine Zeitzeugen mehr, die von jenem bitterkalten Winter berichten können, in dem die Kohlrübe eine unschöne, aber entscheidende Rolle gespielt hatte. Es war der Kriegswinter 1916/1917, der später als Rübenwinter in die Geschichte eingehen wird.
Starke Regenfälle und Unwetter ließen im Herbst 1916 Kartoffeln und Weizen noch auf den Feldern verfaulen. Und Nahrungsmittelimporte, auf die das Deutsche Reich dringend angewiesen war, wurden durch die Seeblockade der Engländer und den Krieg gegen Russland verhindert. Einzig die unkomplizierte Kohlrübe füllte noch die Vorratshallen. Ihrem Image als Schweinefutter zum Trotz pries sie die Kriegspropaganda als "Preußische Ananas" an. Kriegskochbücher lieferten die passenden Rezepte. Marmelade, Kuchen, Brot, Aufläufe, Suppen und sogar Bier und Kaffee ("raspeln, trocknen, mahlen") sollte man aus der Wunderrübe herstellen können. Dazu empfahl das Kriegsernährungsamt 2500 Kaubewegungen für 30 Bissen in 30 Minuten, um die auf täglich 1000 Kalorien reduzierte Kost besser verwerten und die Rübe besser verdauen zu können. Ernährungswirtschaftlich sei der Krieg schon 1916 verloren gewesen, schreibt der Historiker Hans-Ulrich Wehler. 700.000 Menschen werden bis Kriegsende an den Folgen von Hunger und Unterernährung gestorben sein. Die Kindersterblichkeit stieg um 50 Prozent.
Vergebene Hoffnung auf Frieden
Der Winter 1916/1917 wollte nicht aufhören, die bis dahin längste Frostperiode dauerte weit in den Februar hinein. Kohlen waren Mangelware, das Gas wurde gedrosselt, Heizung und Beleuchtung in Geschäften und Lokalen eingeschränkt. Hoch- und Untergrundbahnen reduzierten die Anzahl der Züge, Überfüllung war die Folge. Die Morgenpost zitiert den Polizeipräsidenten mit neuen Verordnungen: Die Wartenden hätten eine breite Gasse für die Aussteigenden zu bilden. Raucher werden aufgefordert, mit brennenden Zigaretten besonders vorsichtig zu hantieren, um das Versengen von Kleidung zu vermeiden. Frauen wird das Tragen von ungeschützten Haarnadeln verboten. Interessant auch, dass es 1917 schon Fahrkartenblocks und selbsttätige Fahrkartenschalter gab. Den Fahrgästen wurde empfohlen, diese zu nutzen, um die Schalter zu entlasten. Und weil Papier rationiert wurde, gab es für das Jahr 1917 keinen traditionellen Wandkalender der Morgenpost, wohl aber die Hoffnung, dass das "kalenderlose" Jahr den Frieden bringen könnte, "wenn wir auch den hoffentlich recht baldigen Friedenstag nicht rot auf dem Kalenderblatt werden anstreichen können - kein Gedächtnis wird so schlecht sein, dass es sich diesen ersehnten Tag nicht auch ohne Kalender merken wird."
Die Hoffnung war vergebens. Das neue Jahr brachte keinen Frieden. Im Gegenteil. Am 1. Februar 1917 erklärte Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, um die Seeblockade zu durchbrechen und endlich für Nachschub zu sorgen, besiegelte aber damit den Kriegseintritt der USA. Die Februarrevolution in Russland beseitigte das Zarenregime, die Hoffnung der Deutschen, Russland würde aus dem Krieg ausscheiden, verpuffte aber. Die Morgenpost vermeldete unter dem Druck der Militärzensur weiterhin Kriegserfolge, fand aber auch deutliche Worte und nannte den Krieg ganz offen eine entsetzliche Massenschlachterei: "Wenn uns nicht ein Gott gibt, zu sagen, was wir leiden, so wissen wir nicht, wo unser Volk den Mut und die Kraft hernehmen soll, die Kriegsleiden auch noch das vierte Jahr zu ertragen." Was zwischen den Zeilen steht: Es ging längst nichtmehr nur um den Krieg, sondern auch um Demokratisierung und die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechtes in Preußen.

Kohlrüben morgens, mittags, abends
Im Februar 1917 versiegte der Kartoffelnachschub komplett, der anhaltende Frost verhinderte Schiffslieferungen. Mehl als Ersatz kam zu spät zum Einsatz, und Gemüse gab es gar keines mehr. Mit einer Ausnahme. 80 Millionen Tonnen Kohlrüben hatten den Winter überdauert. Was sie nicht beliebter machte. Früh Kohlrübensuppe, mittags Kotelett aus Kohlrüben, abends Kohlrübenkuchen! Noch Jahrzehnte nach dem Krieg stand die verhasste Rübe für Krieg, Not und Elend.
Wer es sich leisten konnte, versorgte sich auf dem Schwarzmarkt oder flüchtete in Urlaubsorte aufs Land,wo die Ernährungslage noch etwas entspannter war. Selten war die Reiselust des Großbürgertums größer. Für den Rest blieben stundenlanges Anstehen mit Essensmarken oder mobile Notküchen, die an "Minderbemittelte" Essen verteilten. Man wunderte sich, dass in Zeiten der Rationierung nicht alle "minderbemittelt" waren. Denn dass es auch anders ging, geht aus den Tagebüchern des Diplomaten und Kunstmäzens Harry Graf Kessler hervor. Er speiste im Berliner Hotel "Kaiserhof" zum Jahreswechsel: "Gänseleberpastete, Schildkrötensuppe, Karpfen blau, junge Pute vom Spieß mit Salat, Eisbecher. Recht gut und reichlich, wenn auch 25 M mehr als das Doppelte des Friedenspreises ist."
"Dem deutschen Volke"
Mit dem Hunger entstand auch ein soziales Bewusstsein. Hungerkrawalle waren an der Tagesordnung. Im April wurden die Brot- und Kartoffelrationen noch einmal gesenkt. Daraufhin streikten in Berlin 316 Betriebe mit 300.000 Arbeitern und zogen in großen Demonstrationszügen Richtung Innenstadt. Die ungerechte Organisation bei der Verteilung der Lebensmittel erregte den Zorn der Arbeiter.
Auf dem Reichstag indes prangte seit dem 24. Dezember 1916 eine noch golden glänzende Inschrift aus Bronze: "Dem deutschen Volke". 20 Jahre war das Feld leer geblieben. Der Kaiser hatte ursprünglich Bedenken, hieß es, jetzt aber, fand man, würde sich die Inschrift gut machen. Ein Weihnachtsgeschenk also, ein Zugeständnis an die neue Zeit in Richtung Demokratie. Der Akt des Anbringens wurde bewusst ohne großes Aufsehen in der Öffentlichkeit vollzogen. Die Angst war groß, sich angesichts von Hunger und Krieg nur Hohn und Spott einzufangen, denn das, was im Reichstag passierte, gefiel dem Volk schon lange nicht mehr.


