120 Jahre Morgenpost

Die Geschichte vom "Hauptmann von Köpenick"

| Lesedauer: 7 Minuten
Ulli Kulke
Legendär ist die Geschichte des "Hauptmanns von Köpenick"

Legendär ist die Geschichte des "Hauptmanns von Köpenick"

Foto: PA/AKG-IMAGES

Die Zeitungen feierten ihn: Den "falschen Offizier" Wilhelm Voigt, der eine ganze Stadtverwaltung zum Narren hielt.

Berlin. Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der Gauner Wilhelm Voigt.

Die Berliner Morgenpost war voll des Lobes für den Mann, schon einen Tag nach seinem Coup am 16. Oktober 1906: Es habe sich um einen "man darf sagen - genialen - Schwindler" gehandelt, dem es da in Köpenick gelungen sei, "in Offiziersuniform die Gendarmerie, den Bürgermeister, den Rendanten und eine Abteilung von 10 Soldaten in seinen Dienst zu stellen, nur damit er aus der Stadtkasse in aller Ruhe 4000 Mark erbeuten konnte, um ungehindert damit zu verschwinden. "Berlin habe "stundenlang gelacht und gelacht". Im Leitartikel am selben Tag dann noch einmal: "Dem Gauner darf man die Anerkennung nicht versagen, dass er in seiner Art ein Genie ist. "Viel Ehre für einen Mann, den man heute wohl als Intensivtäter einstufen würde bei seiner Vorgeschichte: mehrere Brüche, krumme Touren am Fließband, insgesamt 27 Jahre hinter Gittern. Bis dahin, wohlgemerkt.

Das Scheitern bei seiner letzten Tat vor jenem "genialen" Streich, dem er allein 15 Jahre Zuchthaus verdankte, war ihm offenbar eine Lehre gewesen. Da hatte er eine Gerichtskasse in der Provinz Posen knacken wollen. Mit der Brechstange. Vergeblich. Woraufhin er, der Schuster Wilhelm Voigt, in seiner langen Haft das Gegenmodell entwickelte, einen Coup mit Verstand und Schneid, und diesen anschließend eiskalt durchzog. In einer Weise, die diejenigen, die ihn kannten, später staunen ließ, weil ihm so etwas eigentlich niemand zutraute. Waren dafür doch nicht nur professionelle theatralische Fertigkeiten und kaltblütiges Selbstbewusstsein nötig. Vielmehr lag dem Plan auch eine - offensichtlichkorrekte - Gesellschaftsanalyse Preußens zugrunde: Die Militäruniform gilt alles, die öffentliche Verwaltung nichts.

Die Stadtverwaltung fiel auf einen Betrüger herein

Die Geschichte ist bekannt. Voigt besorgte sich eine Uniform, die gewisse Ähnlichkeit mit der eines Hauptmanns hatte, befahl einem Trupp Infanteristen, der ihm gerade über den Weg lief, ihm, dem gänzlich Unbekannten in Uniform, zu folgen, fuhr mit den Männern nach Köpenick, und gab ihnen dort erst einmal ein Bier aus. Er selbst trank Kognak. Anschließend ging er ins Postamt, ließ dort bis auf Weiteres sämtliche Telefonate zwischen Köpenick und Berlin verbieten,besetzte mit seinem Trupp das Rathaus und ließ dort unter dem Vorwurf der Veruntreuung Bürgermeister Langerhans verhaften ("Machen Sie mir bei der Erfüllung meiner peinlichen Pflicht bitte keine Schwierigkeiten"). Die Kasse selbst müsse er natürlich requirieren. Zuletzt ließ er das Stadtoberhaupt in Droschken nach Berlin zur Neuen Wache überstellen, unter Bewachung durch seinen Haufen und nicht ohne Langerhans das Ehrenwort abzunehmen, dass er keinen Fluchtversuch unternehme. Er selbst ging mit den eingezogenen 4000 Mark ins nächste Wirtshaus und trank dort ein Bier. Nach Augenzeugen soll er dabei "ziemlich verschwitzt" gewesen sein. Anschließend verlor sich seine Spur. Und die des Geldes.

Die Zeitung "Cöpenicker Dampfboot" brachte - fast in der Geschwindigkeit heutiger Onlinemedien - noch am frühen Abend ein Extrablatt heraus ("Seit vier Uhr nachmittags befindet sich unsere Bürgerschaft in größter Aufregung"), und erzählt, noch ohne Ahnung der Hintergründe, was vorgefallen war. Das Resümee: "Dies der Sachverhalt. Unseres Erachtens kann es sich hier wohl nur um die Tat eines Wahnsinnigen oder Betrügers handeln." Und bringt ganz unten noch eine "Nachschrift: Um 7 Uhr lief vom Landratsamt die telegrafische Nachricht ein, dass man dort keine Ahnung von der Sache habe und Gründe für den rätselhaften Vorgang nicht angeben könne."

Als sich die Telefonisten im Postamt wieder zu telefonieren trauten, war schnell klar: Die Stadtverwaltung war auf einen Betrüger hereingefallen. Auf einen,mit dem es die öffentliche Meinung seither allerdings gut meinte, auch nachdem er zehn Tage nach seinem Coup verhaftet wurde. Der Tipp an die Polizei von einem früheren Knastbruder, dem er seinen Plan offenbart hatte,wurde ihm zum Verhängnis. Beim Wohlwollen, ja der Bewunderung durch die Zeitungen ihm gegenüber spielte natürlich der Genius der Tat die Hauptrolle. Wenn überhaupt etwas verurteilt wurde, dann war es nicht Voigts Tat, sondern die Uniformhörigkeit der Menschen, insbesondere der Beamten. Ansätze einer aufgeklärten Öffentlichkeit im Kaiserreich wurden sichtbar. Und es stand noch mehr dahinter.

Kaiser begeistert von Disziplin seiner Soldaten

Manch Kommentator schlug sich auf die Seite des Täters, weil man ihm nach seiner letzten Entlassung die Resozialisierung verbaut habe. Erst in Mecklenburg, später auch in Brandenburg und anderswo hatte der Vorbestrafte Aufenthaltsverbot erhalten, man habe ihm so alle Chancen genommen. Voigt versuchte im Prozess als Tatmotiv geltend zu machen, er habe sich nur einen neuen Pass besorgen wollen, um in Ruhe als Schuster arbeiten zu können. Dies nahm ihm das Gericht nicht ab, ließ aber aufgrund der Umstände dennoch mildernde Umstände gelten. Überhaupt fiel die "Cöpenickiade" in eine Zeit, da der Gedanke der Resozialisierung von Straftätern langsam um sich griff.

Dass dieser auch bei Kaiser Wilhelms Amnestie, durch die Voigt gut ein Jahr nach seiner Verurteilung zu vier Jahren freikam, eine Rolle spielte, ist eher unwahrscheinlich. Der Monarch war wohl eher begeistert von der Chuzpedes Schusters, und von der - eigentlich ja blinden - Disziplin seiner Soldaten ("das macht uns kein Volk der Welt nach", soll er gesagt haben). Wieder in Freiheit, wurde der falsche Hauptmann nicht mehr straffällig. Warum auch? Er ließ sich feiern (unser Foto), verdiente erkleckliches Geld in Varietés und anderen öffentlichen Auftritten, bisweilen sogar mit einigen "seiner" Soldaten von Köpenick, auch mit seinen signierten Konterfeis. Auch andere verdienten an ihm, mehrere Theaterstücke, 13Filme, sieben Hörspiele, unzählige Monografien widmeten sich seinem Coup. Gerade steht Carl Zuckmayers Stück in einer Fassung von Jan Bosse und Davis Heiligers im Deutschen Theater Berlin auf dem Spielplan.

Am 3. Januar 1922 starb Wilhelm Voigt in Luxemburg. Ob die Anekdote, die über seinen Trauerzug erzählt wird, wohl wahr ist? Dafür ist sie vielleicht zu schön. Angeblich sei der Zug einem Trupp Soldaten begegnet, die sich sagen ließen, man trage gerade "La Capitaine de Coepenick" zu Grabe - und nur "Capitaine" (Hauptmann) verstanden. Daraufhin habe der Truppführer seinen Leuten befohlen, den Sarg mit militärischer Ehrenbezeugung passieren zu lassen.