Nachhaltigkeit

Berliner Start-up produziert Trinkhalme aus Glas

Das Berliner Start-up-Unternehmen „Halm“ stellt Trinkhalme aus Glas her. So soll der Müll aus Plastik zu reduziert werden.

Sebastian Müller und Hannah Cheney sind die Gründer des Start-ups „Halm“, das Trinkhalme aus Glas als Alternative zu Plastik produziert

Sebastian Müller und Hannah Cheney sind die Gründer des Start-ups „Halm“, das Trinkhalme aus Glas als Alternative zu Plastik produziert

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Alles begann eigentlich ganz romantisch: Hannah Cheney und Sebastian Müller waren 2015 zu einer Hochzeit eines befreundeten Paars nach Thailand eingeladen. Auf einer kleinen Insel konnten sie das Paradies genießen: blauer Himmel, mit Kokosnüssen behangene Palmen – und lange, mit Müll verdreckte Sandstrände. „Wir haben dann unsere Freunde zusammengetrommelt und haben den Strand gesäubert“, erzählt Cheney. Das Resultat: 25 Säcke à 150 Liter, prall gefüllt mit Müll. Und die Erkenntnis: So darf es nicht weitergehen.

„Da haben wir beschlossen, dass sich etwas ändern muss, dass wir etwas verändern wollen“, sagt Müller. Denn: „Es hat uns richtig schockiert, wie viele Strohhalme wir eingesammelt haben.“ Jedes zweite Müllstück sei ein Plastiktrinkhalm gewesen, erinnert sich Müller.

Tatsächlich: Plastikmüll überschwemmt die Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Heute schwimmen in jedem Quadratkilometer der Meere Hunderttausende Teile Plastikmüll“, schlägt die Umweltorganisation WWF Deutschland Alarm. „Von den jährlich 78 Millionen Tonnen der weltweit gebrauchten Plastikverpackungen gelangen 32 Prozent unkontrolliert in die Umwelt, wie zum Beispiel in die Meere.“

225 Millionen Plastiktüten pro Jahr in Berlin

Im Durchschnitt produziert laut dem Statistik-Portal Statista jeder Deutsche im Jahr rund 37 Kilogramm Müll aus Plastikverpackungen. Und laut Umweltbundesamt benutzt jeder Deutsche jedes Jahr rund 65 Plastiktüten – für Berlin bedeutet das unglaubliche 225 Millionen Plastiktüten. Hinzu kommen in der Hauptstadt jährlich noch insgesamt circa 170 Millionen Einweg-Becher sowie 71 Strohhalme pro Kopf und Jahr. Kurz gesagt: Plastikmüll en masse. Denn alle diese Produkte werden in der Regel nur einmal verwendet.

Ein halbes Jahr tüftelte das Paar an seinen Strohhalmen

Kurz entschlossen kündigten Müller und Cheney ihre Jobs und gründeten 2016 ihr Start-up „Halm“. Ein halbes Jahr tüftelte das Paar an seinen Strohhalmen. „Wir haben auch überlegt, sie aus Bambus, Papier oder Metall herzustellen“, erinnert sich Müller. Aber jedes dieser Materialien fiel letztendlich im Test durch: Bambus darf aus Hygienegründen in der Gastronomie nur einmal verwendet werden, Papier weicht zu schnell durch, und Metalltrinkhalme werden erfahrungsgemäß von Gästen nicht so gut angenommen, weil man ihnen nicht ansieht, ob sie innen auch wirklich sauber sind.

Die „Halm“-Gründer wollten aber ein Strohhalm aus einem Material, das sowohl wiederverwendbar, hygienisch einwandfrei, geschmacksneutral und recycelbar ist. „Da kam nur Glas infrage. Denn selbst wenn man unsere Strohhalme wegwirft, werden sie entweder recycelt oder wieder zu Sand“, sagt Müller.

Im Juni 2017 gab’s den Startschuss für die Glashalme. „Wie schnell dann alles ging, hat uns echt überrascht“, sagt Cheney. Weltweit nutzen schon heute, ein gutes Jahr nach Verkaufsstart, bereits rund 300 Gastrobetriebe die „Halm“-Trinkröhrchen – davon allein 66 in Berlin. Dazu zählen unter anderem das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant „Cookies Cream“ oder das „Mercure Hotel Berlin City“. „Und gerade solche namhaften Kunden würden unser Produkt nicht verwenden, wenn es nicht einwandfrei wäre“, ist sich Müller sicher.

Firmensitz in Friedrichshain

Seit März haben sie nun ihren Firmensitz mit sechs Angestellten in Friedrichshain. Verpackt werden die Trinkhalme eigentlich von dem Verein Lebenshilfe. Aber weil die Nachfrage gerade so groß ist, müssen jetzt auch alle im Berliner Büro mitanpacken. „Unser Wachstum hat uns selbst überrascht“, gesteht Müller. 17,90 Euro kostet ein Vierer-Set der Glashalme.

Die „Halm“-Röhrchen sind übrigens 100 Prozent made in Germany. Das Glas stammt aus Bayern und wird in Norddeutschland weiterverarbeitet. Um sie möglichst bruchsicher zu machen, werden die Trinkhalme nochmals bei circa 600 Grad im Ofen gebacken. „Das macht sie in der Benutzung so sicher wie ein Trinkglas“, versprechen die Gründer.

Im ersten Moment fühlen sich die Glashalme jedoch ungewohnt an, ganz anders als Plastikstrohhalme. Denn leicht wie Stroh sind sie eben nicht – im Gegenteil. Da die Röhrchen aus robustem Glas gefertigt sind, sind sie auch relativ schwer. Das wiederum hat den Vorteil, dass sie bei spritzigen Getränken nicht nach oben steigen und aus dem Glas fallen, wie es bei Plastikhalmen vorkommen kann. Außerdem sind sie tatsächlich komplett geschmacksneutral. Nimmt man sie allerdings tatsächlich in ein Café oder eine Bar mit, um dort aus ihnen seine Cocktails zu schlürfen – so wie es Müller und Cheney vorschlagen – könnte das zu verwunderten Blicken bei den anderen Gästen führen.

Allerdings haben die beiden Gründer als Kunden auch vor allem große Gastronomiebetriebe im Auge. Denn hier fällt der meiste Plastikmüll an. „Wir beliefern ein großes Hamburger Hotel“, erzählt Müller. „Das hat insgesamt sieben Bars. Und im Jahr sparen die sich jetzt circa 600.000 Strohhalme.“ Die Halm-Röhrchen zu spülen sei ganz einfach, sagen Müller und Cheney. Rein in die Spülmaschine und fertig. Und falls doch mal ein Smoothie-Rest stecken bleiben sollte, gibt’s in jeder Halm-Packung eine kleine Rundbürste mit dazu, zur Nachreinigung.

Alles über die Glastrinkhalme gibt es im Internet unter www.halm.co/de

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