Thermondo

Dieses Berliner Start-up revolutioniert den Heizungsmarkt

Das Start-up Thermondo installiert Heizungen mit Hilfe digitaler Techniken. Das bringt den Berlinern großen Erfolg.

Philipp Pausder ist der Gründer von Thermondo

Philipp Pausder ist der Gründer von Thermondo

Foto: Amin Akhtar

Bei den vielen Diskussionen um die Energiewende verstand Philipp Pausder eine Sache nicht: Hauptthema war meist Strom. „Dabei ist Wärme ein genauso wichtiger Sektor“, sagt der Unternehmer, der 2012 mit Florian Tetzlaff und Kristofer Fichtner das Start-up Thermondo gründete. Der Markt um die Hauswärme, so Pausders Meinung, habe bis dahin nicht gut funktioniert. „Er war zu komplex. Wenn man Menschen zum Wechsel aktivieren will, muss man es ihnen einfach machen.“

Ein einfacher Wechsel zu einer neuen und effizienteren Heizungsanlage: Was man zurecht als hilfreich für die Umwelt bezeichnen kann, ist gleichzeitig eine höfliche Kampfansage an die etablierten deutschen Handwerksbetriebe. Denn Thermondo ist mittels eines digitalen Geschäftsmodells innerhalb kürzester Zeit zum größten Heizungsbau-Betrieb des Landes aufgestiegen und macht den etablierten Handwerkern mächtig Konkurrenz.

Thermondo setzt vor allem bei der Anbahnung und Planung des Heizungseinbaus voll auf Digitalisierung. Hausbesitzer können über eine Internetseite ihre Daten eingeben und machen unter Anleitung Fotos von den Räumlichkeiten und den Anschlüssen im Heizungskeller. „Fotos ersetzen die Begehung vor Ort, wodurch wir Ihnen Zeit und Aufwand ersparen und eine hundertprozentige Planungssicherheit erreichen“, wirbt Thermondo. Welche Produkte die Kunden – meist männliche Hausbesitzer ab 50 Jahren – brauchen, ermittelt ein eigens zu diesem Zweck entwickelter Algorithmus.

Anfangs 864 Prozent Wachstum pro Jahr

Einer der rund 250 Mitarbeiter berät schließlich noch telefonisch oder vor Ort. Im nächsten Schritt installieren dann die direkt bei Thermondo angestellten Handwerker die neue Heizung. Die dafür benötigten Teile liefert der Hersteller auf die Baustelle, ein Lager hat das Unternehmen mit Sitz in Berlin-Mitte nicht. Dazu kann durch die hohen Stückzahlen, die bei den Herstellern wie Viessmann, Buderus und Vaillant bestellt werden, sparen – und so insgesamt die kleinen Wettbewerber unterbieten. „Ich kann mir für einen Preis von rund 7000 Euro nicht vorstellen, dass ich eine gute Heizung bekomme“, schreibt zum Beispiel ungläubig ein Interessent in einem Internet-Forum über Thermondo. Doch laut Bewertungsportalen ist die Zufriedenheit der Kunden hoch bis sehr hoch – wobei natürlich nicht immer Verlass auf solche Einschätzungen ist.

Die Digitalisierung ist in vielen Branchen schon lange angekommen, im Handwerk ging es aber bislang eher traditionell zu. Zwar begann vor mehr als zehn Jahren die Plattform My Hammer mit einem der ersten Angebote – das Unternehmen ist jedoch kein direkter Dienstleister, er weist Kunden nur auf Kontakte zu Handwerkern hin.

Dienstleistungen aus einer Hand

Auch Thermondo hat angefangen als Vermittlungsplattform, wurde Anfang 2014 aber zu einem eigenen Handwerksbetrieb umgebaut. In den vergangenen Jahren erkannten auch einige andere Unternehmen, dass mehr drin ist im Handwerkermarkt: Sämtliche Dienstleistungen aus einer Hand, basierend auf den neuen digitalen Möglichkeiten. Renovinga und Renovago beispielsweise sind zwei Start-ups, die Renovierungsarbeiten am Haus anbieten. Ersterer will sein Netzwerk bundesweit ausbreiten, letzterer hat seinen Fokus auf Großkunden im Berliner Raum gelegt.

Die Expansion geht allerdings nirgends so schnell wie bei Thermondo: Bei einem Ranking der Plattform Gründerszene und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young reüssierte das Start-up mit einer in der Anfangszeit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 864 Prozent. Auch für dieses Jahr, sagt Pausder, rechne er mit einem weiter hohen Wachstum von 200 Prozent.

Geldgeber glauben an das Projekt: In seiner letzten Finanzierungsrunde im Frühjahr hat das Start-up 23,5 Millionen Euro eingesammelt. Unter den Investoren ist auch der Energiekonzern Eon. „Aus unserer Sicht ist das Geschäftsmodell überzeugend, da es aus der Perspektive des Kunden gedacht ist“, heißt es von dem Konzern. Zum Gewinn macht Thermondo keine Angaben, in Branchenkreisen wird über Verluste gemunkelt. Doch das ist beim Aufbau eines neuen Geschäfts nicht ungewöhnlich.

Handwerk nervös

Das traditionelle Handwerk reagiert nervös auf die neue Konkurrenz. Der Dachverband des Sanitär- und Heizungshandwerks, der ZVSHK, meldete sich in den vergangenen Monaten mehrfach empört zu Wort. Eon zum Beispiel habe mit der „offen publizierten Bevorzugung eines Unternehmens wie Thermondo“ die Handwerksbetriebe vor den Kopf gestoßen. Sämtliche Kooperationsverträge mit dem Konzern würden nun auf den Prüfstand gestellt. Auch auf den Vorstoß von Vaillant, eine ähnliche digitale Plattform aufzubauen, stieß auf Kritik. Die Heizungsbauer haben offenbar Angst, dass der Direktvertrieb ihre noch starke Stellung untergräbt.

Pausder hingegen sieht sein Unternehmen nicht als Gefahr für den Berufsstand der Handwerker. Gute Fachkräfte werden auch im digitalen Geschäftsmodell gebraucht. Thermondo, sagt Pausder, bekomme monatlich 250 handwerkliche Bewerbungen. Ab 1. September wird das Start-up sogar zum Ausbildungsbetrieb.

Wie geht es nun weiter? An die Börse zu gehen, sei zwar denkbar, zurzeit allerdings noch weit entfernt, sagt Pausder. Aber: „Wenn ich mich frage, ob ich den persönlichen Ehrgeiz habe, das zu machen – dann ist die Antwort ‚Ja‘.“ Nach der jüngsten Finanzierungsrunde soll sich die Firma nun erst einmal weiterentwickeln. Eines der geplanten Projekte ist die Leasing-Heizung, die Thermondo ihren Kunden nun anbietet – und womöglich ein weiterer Service, der Deutschlands Handwerker ins Schwitzen bringt.