Die Gründung eines Technologie-Start-up funktioniert auch ohne Investor und Fremdkapital. Das zeigte zuletzt der Verkauf des Spezialisten für Online-Marketing, Sociomantic, der für 170 bis 200 Millionen US-Dollar den Besitzer gewechselt haben soll. Auch andere Start-ups verfolgen diese Strategie – Small Improvements zum Beispiel, eine Unternehmenssoftware für Mitarbeiter-Feedback.
Die Plattform erleichtert Team-Mitglieder die Selbsteinschätzung über ihre Leistung im Unternehmen. Sie erfahren von ihren Kollegen anonym und transparent, was ihre Stärken und Schwächen sind. Chefs haben die Möglichkeit gemeinsam mit ihren Angestellten Ziele zu definieren, wenn es beispielsweise um Zielvereinbarungen geht. Small Improvement gibt Vorgesetzten auch die Möglichkeit zu erfahren, wie die Angestellten über sie denken.
Der Gründer Per Fragemann hat dieses Software in den vergangenen drei Jahren an 270 Firmen verkauft – viele davon in den USA und Australien. Das Unternehmen aus Berlin-Wedding mit 13 Mitarbeitern ist profitabel, wie Fragemann sagt. Er hatte die Idee zu der Feedback-Plattform bei seinem früheren Job in Australien, der so gut bezahlt war, dass er sparen konnte – Startkapital für das neue Projekt.
Auf Nachhaltigkeit kommt es an
Eine Software für Unternehmen müsse sich finanziell selbst tragen können, sagt Fragemann. Bei Start-ups, die Consumer-Produkte entwickeln, sei das anders, räumt er ein. Dort fließe viel Geld ins Marketing. Bei ihm nicht. „Wir setzen auf virales Wachstum“, sagt der Gründer.
Gute Arbeit spreche sich in der Branche rum. Wenn man erst mal einen Kunden in einer Stadt gewonnen habe, sei der nächste nicht weit. Und wenn die Qualität stimme, seien die Kosten für den Kundensupport niedrig. Small Improvements wächst deshalb langsam, aber beständig. Die Nachhaltigkeit des Produkts ist dem Gründer wichtig.
Gründer will sich nicht reinreden lassen
Es habe in der Vergangenheit Gespräche mit Investoren gegeben, bestätigt Fragemann. Aber er wollte sich von denen nicht in die Unternehmensführung reinreden und die Wachstumspläne der Firma diktieren lassen. „Die wollten ständig Zahlen sehen, viele Prozente an Unternehmensanteilen und irgendwann hatte ich dazu keinen Bock mehr“, sagt Fragemann.
Mehr Umsatz und weniger Spaß – das geht für Fragemann überhaupt nicht. „Wozu soll ich Fremdkapital aunehmen, wenn wir unser eigenes Geld nicht ausgeben können“, findet der Unternehmer. Er sagt, er würde sofort drei Programmierer einstellen, wenn er nur welche fände. Aber der Markt ist leergefegt.
Fragemann hat ein gutes Beispiel für seine nachhaltige Unternehmensstrategie „Die Firma, wo ich früher beschäftigt war, hat auch ohne Wagniskapital den Börsengang geschafft“, sagt er.
Idealo-Gründer: Verzicht hat Vorteile
Der Berliner Small-Improvements-Gründer ist kein Einzelfall. Auch Sociomantic wuchs ohne fremdes Kapital. Idealo-Gründer Martin Sinner hatte den Gründern vor Jahren geraten, das Unternehmen aus eigener Kraft aufzubauen. „Es war beim Kaffee in der Sonne auf der Straße vor dem Idealo-Büro“, erinnert sich der Gründer des erfolgreichen Preisvergleichsportals. Der Exit von Sociomantic zeige, dass ein „zu starker Fokus auf Finanzierungsrunden“ gelegt werde, sagt Sinner. „Es gibt eine Reihe von tollen Firmen, die keine großen Finanzierungsrunden brauchen, und trotzdem eine tolle Entwicklung hinlegen. Diese Firmen haben sogar den Vorteil, dass sie dadurch weniger beachtet werden und sich so freier entfalten können“, erklärt der Idealo-Gründer.
Die Gründer von Jimdo, einem Baukasten für Webseiten, handelten ähnlich wie ihre Kollegen bei Sociomantic und Small Improvement. Zehn Millionen Webseiten wurden mit dem Baukasten entwickelt. Die drei Gründer Matthias Henze, Fridtjof Detzner und Christian Springub fingen 2004 ohne einen Euro auf einem Bauernhof an, die Software für den Vorläufer von Jimdo zu schreiben. 2007 wurde dann Jimdo gegründet.
Der Aufbau erfolgte nach Angaben der Gründer bis auf eine Frühphasen-Beteiligung des European Founder Fund (Samwer-Brüder) und eines anderen Business Angel sowie des Internet-Providers United Internet ohne große Finanzierungsrunde. Die Anteile von United kauften die Gründer später zurück.
Achtstellige Finanzierungsrunde abgebrochen
Sie hätten Fremdkapital abgelehnt, „da wir nie wirklich das Gefühl hatten, Geld könnte uns viel schneller machen“, schreiben die Gründer im Unternehmensblog. Später hätten sie dann doch mit Wagniskapitalgebern gesprochen. „Durch die Finanzierungsrunde wäre es in greifbare Nähe gerückt, in naher Zukunft die Nummer eins in unserem Markt zu werden“, heißt es im Gründer-Blog.
Doch sie wollten ihr Unternehmen nachhaltig aufbauen. Die Verhandlungen über eine Finanzierungsrunde im zweistelligen Millionenbereich wurden schließlich abgebrochen. Wenn man eine VC-Finanzierung mache, geht man damit quasi eine Verpflichtung für einen Exit ein – also den Verkauf des Unternehmens oder einen Börsengang. „Shareholder haben ein kurzfristiges Interesse. Wir glauben jedoch, dass langfristige Entscheidungen häufig die besseren Entscheidungen fürs Unternehmen und damit auch für den Wert sind – und nicht andersherum“, schreiben die Gründer. Sie wollten sich die Freiheit für langfristige, nachhaltige Entscheidungen nicht nehmen lassen.
Ein Maserati macht nicht glücklich
Und sie seien nicht „sonderlich materiell eingestellt“. Ein großes Haus oder ein Maserati mache sie nicht glücklich. „Für uns ist Jimdo eine einmalige Chance: wir haben ein tolles Produkt, ein großartiges Team und viele Möglichkeiten liegen noch vor uns.“





