MoreTrax

Die neue Musik-Suchmaschine für DJs kommt aus Berlin

| Lesedauer: 7 Minuten
Jürgen Stüber

Foto: Jürgen Stüber

DJs sollen mit MoreTrax die besten Tracks im Internet finden. Das Berliner Start-up launcht seine neue Plattform in Tokio und will den Berliner Party-Spirit nach Japan bringen.

Sie bringen Berliner Beats in das Land der aufgehenden Sonne. Laurent Novatin, Ryotaro Bordini Chikushi und Hasham Ahmad werden in den nächsten Tagen ihre Plattform MoreTrax in der japanischen Hauptstadt Tokio starten. MoreTrax ist ein Internetdienst, der DJs beim Entdecken der besten Tracks hilft – Stücke, die sie dann bei Partys in Clubs auflegen oder mixen.

„Wir bauen eine Musik-Entdeckungsmaschine“, sagt Laurent Novatin. MoreTrax unterscheidet darin von herkömmlichen Musikportalen. „Plattformen wie Spotify oder Pandora sind für Leute gemacht, die eher passiv Musik genießen wollen und relativ beliebig das eine oder andere Angebot anklicken“, sagt Novatin. Empfehlungen werden dort von maschinengesteuerten Algorithmen generiert, die sich an den Vorlieben eines Nutzers orientieren, am Repertoire einzelner Künstler, seinen Alben oder einem Label.

Mit solchen Daten kann MoreTrax wenig anfangen. Solche Empfehlungen sind zu beliebig, zeigen zu wenig Neues und stehen in keinem Kontext zueinander: „Unsere Empfehlungen gründen auf Daten, die von Musik-Spezialisten stammen“, sagt Novatin. „Wir haben qualifizierte Datenquellen und entscheiden von Fall zu Fall, ob wir diese verwenden.“ Eine wertvolle Quelle sind zum Beispiel DJs oder Musikredakteure, die sich mit Musik auskennen und Tracks suchen, die gut zueinander passen.

Mensch statt Maschine: MoreTrax bietet „emotionale Relation“

Wer den Titel eines Tracks in das Suchfenster von MoreTrax eingibt, erhält zehn oder 15 Empfehlungen die „in einer emotionalen Relation“ zu dem betreffenden Stück stehen und deshalb zu ihm passen. „Wir konzentrieren uns dabei ganz auf den Sound, nicht auf einzelnde Künstler, ein Label oder ein Genre“, sagt Chikushi. „Nicht eine Maschine, sondern ein Mensch hat diese Stücke in eine Beziehungen zueinander gestellt“, ergänzt Novatin. „Unser Algorithmus findet auch Schnittmengen zwischen Empfehlungen verschiedener Experten“, sagt Chikushi. Diese Stücke können dann zu Playlists zusammengefügt werden.

Hat ein DJ die einzelnen Tracks gefunden, kann er die Stücke auf der Plattform kaufen: bei iTunes, bei BeatPort oder bei Juno. Ferner plant das Start-up eine Kooperation mit der Plattform Bandcamp, auf der Independent-Künstler ihre Stücke selbst publizieren und ohne Bindung an ein Label verkaufen können.

Eine Kooperation mit SoundCloud steht zurzeit nicht zur Debatte. „SoundCloud hostet Sounds. Bei uns steht das Entdecken von Tracks im Mittelpunkt“, sagt Novatin. Da geben es zu wenige Übereinstimmungen. Aber vielleicht komme die Plattform ja später noch dazu.

„Momentan testen wir das Konzept von MoreTrax mit DJs, die aktiv nach Musikstücken suchen.“ Wenn alle Vorbereitungen erfolgreich laufen, wird in dieser Woche der Schalter umgelegt und der bislang im Internet verfügbare Prototyp durch die neue Betaversion ersetzt.

MoreTrax-Gründer stammen aus der Clubszene Tokios

Chikushi wuchs in Nürnberg auf und zog 2001 nach Japan. Dort blieb er bis 2009 und kam dann nach Berlin zurück. Er wollte, dass seine Kinder in Deutschland groß werden. Japan sei für Kinder nicht ideal, sagt er. Tokio schon gar nicht.

Auch Novatin hat eine internationale Biografie. Geboren in Hongkong zog er mit seinen Eltern nach Großbritannien und in die Schweiz. Anschließend lebte er zwei Jahre in den USA, um dann 2005 nach Japan zu gehen, wo er bis 2012 blieb.

„Wir sind beide in Tokio erwachsen geworden“, sagt Chikushi. Ihr Zuhause war die Clubszene der japanischen Hauptstadt. Dort feierten sie. Und dort legten sie auf – Chikushi als „Ill P.E.“. „Wir hatten die gleichen Freunde, haben uns aber nie getroffen.“ Erst später lernten sie sich über einen gemeinsamen Freund, ihren späteren Co-Founder Hasham Ahmad kennen, der heute der Technologiechef des Start-up ist und auch einige Jahre in Tokio lebte. Er entwickelte 2002 in Japan das Internet-Radio Samurai.fm und war als DJ „Mr. Hash“ bekannt.

Die Plattform startet in Tokio. Dort haben die beiden als Djs gearbeitet und Club-Events organisiert – Novatin sogar das Techno-Festival Rainbow Disco Club in Tokio. „Dort haben wir unser Netzwerk“, sagt er. „Wir kommen aus der Werbewirtschaft und kennen den Markt dort gut. Deshalb haben wir beschlossen, zu unseren Wurzeln zurückzukehren.“

Berliner Party-Spirit nach Japan tragen

Die Gründer haben eine exklusive Konferenz in Tokio vorbereitet, die am 1. März unter dem Thema „After 25“ stattfinden soll – ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall. „Wir bringen einige Top-Unternehmen aus Berlin nach Tokio mit“, sagt Novatin. Die Fotoplattform EyeEm, die in Fernost ein großes Publikum hat, ist dabei. Ferner präsentiert sich der Spezialist für DJ-Hardware, Native Instruments. Auch die Berliner Clubcommission und das Kater-Holzig-Projekt sind vertreten.

„After 25“ soll den Berliner Party-Spirit nach Japan tragen. Dort leidet die Clubszene unter einem neuen Gesetz, das Tanzen nach 1 Uhr nachts untersagt. „Wir wollen die Menschen in Japan inspirieren und ihnen zeigen, wie in Berlin in den vergangenen 25 Jahren die Technobewegung und die Clubkultur als Basisbewegungen entstanden sind“, sagt Chikushi.

In Berlin seien die Kunst- und Subkulturszene und der daraus resultierende Tourismus Wirtschaftsfaktoren geworden. Diese Botschaft wollen die Gründer nach Japan bringen.

Ideale Infrastruktur für die Gründung in Berlin vorgefunden

Nach der Konferenz wird es eine Party im Berlin-Stil geben – mit einigen Live Acts von Top DJs. Robert Henke soll dabei sein, ein Komponist für Computermusik, Erfinder der Live-Musik-Software Ableton und Gründungsmitglied des Musikprojekts Monolake. Er zeigt eine Performance – mit Lasern des Kreuzberger Herstellers Soillinger. Der Krautrocker Günter Schickert soll auftreten und der Musiker Bernd Friedman.

Zur Zeit finanziert sich Moretrex aus dem kleinen Investment eines Londoner DJ-Kollektivs, eines italienischen Musikliebhabers und einem Nürnberger Kapitalgeber. In diesen Tagen laufen Gespräche über eine neue Runde.

Berlin war für die Gründer ein idealer Ort, um an ihrer Idee zu arbeiten. „In Berlin fanden wir die Infrastuktur, um etwas zu riskieren und unser Glück zu versuchen. In Tokio hätte ich nie gegründet. Die Kosten und Risiken dort sind viel zu hoch“, sagt Chikushi. „Aber beide Städte sind wichtige Orte in unserem Leben. Und dafür sind wir sehr dankbar.“