Digitale Musik

Was Berliner Musikstreamingdienste besser als Spotify können

Ein Klick und schon startet der Lieblingssong. Musikstreamingdienste verzeichnen zweistellige Wachstumsraten. Berliner Unternehmen kämpfen mit eigenen Konzepten gegen den Marktführer Spotify.

Foto: wimp

Musikstreamingdienste verzeichnen zweistellige Wachstumsraten. Denn immer mehr Smartphone-Nutzer rufen Titel, Playlists oder Radiostationen aus der Internetcloud ab und laden ihre Lieblingsalben nicht mehr umständlich in die Speicher ihrer Geräte herunter. Berliner Unternehmen kämpfen mit unterschiedlichen Konzepten gegen am Markt führende Unternehmen wie Spotify.

Ausgestattet mit Wagniskapital von insgesamt mehr als 500 Millionen US-Dollar (370 Millionen Euro) hat sich das schwedische Unternehmen Spotify seit dem Markteintritt 2008 weit nach oben gekämpft. Laut Wall Street Journal ist Spotify damit vier Milliarden Dollar (drei Milliarden Euro) wert.

24 Millionen Nutzer sind bei Spotify registriert. Jeder vierte bezahlt eine kostenpflichtige Premium-Flatrate. Die Serienerfinder Daniel Ek und Martin Lorentzon hatten den Streamingdienst 2006 gegründet und haben ihn auf mittlerweile 32 nationale Märkte gebracht. Spotify betreibt auch in Berlin ein Büro, unter anderem für Kontakte zu Musik-Labels und Künstlern sowie für das Erschließen neuer Märkte.

Streaming wächst um 62 Prozent

Der globale Markt für digitale Musik wächst seit 2008. Das geht aus einer Statistik von Music Business Research hervor, die sich auf Zahlen des des US-Dachverbendes der Musikindustrie RIAA beruft. Der Marktanteil für digitale Angebote stieg danach von 22 auf 57 Prozent im vergangenen Jahr. Das Umsatzvolumen wird mit 5,8 Milliarden Dollar beschrieben.

Im gleichen Zeitraum sank der Marktanteil für CD und DVD um fast ein Drittel. Dabei werde das Geschäft nicht mehr vorrangig mit Downloads gemacht. Die Umsätze von Streamingdiensten seien von 2011 zu 2012 um 62 Prozent gestiegen und hätten einen Marktanteil von 13 Prozent erreicht, so die Analyse.

20 bis 30 Millionen Titel im Angebot

Neuere Zahlen bietet das Marktforschungsunternehmen Nielsen: Danach wurden im ersten Halbjahr 2013 insgesamt 50 Milliarden Songs und Videos gestreamt. Ihr Anteil lag in diesem Zeitraum um 24 Prozent über der Zahl für das ganze Jahr 2012, während der CD-Verkauf im gleichen Zeitraum um 14 Prozent sank.

Auf den ersten Blick sind die Angebote der Streamingdienste fast identisch: 20 bis 30 Millionen Titel, werbefinanzierte Gratisaccounts. Werbefreie Flatrates kosten fünf Euro für stationäre Computer und zehn Euro für das mobile Internet. Nutzer können sich häufig für zwei bis vier Wochen gebührenfrei einloggen und Musik anhören – zum Teil allerdings nur auf stationären Geräten. So weit die Gemeinsamkeiten.

Die Berliner Anbieter Ampya, Simfy und Wimp – sowie Deezer als Wahlberliner – versuchen mit unterschiedlichen Ansätzen, Nischen zu besetzen und sich so vom Mainstream abzuheben.

Ampya – Moments mit Lady Gaga

Ampya, ein Portal der ProSiebenSat.1-Gruppe, bietet seit Mitte 2013 neben der Musik viele redaktionelle Inhalte mit Nachrichten aus der Musikbranche – tagesaktuell und regional strukturiert. Ampya (220.000 aktive Nutzer) steigerte seine Reichweite durch Kooperationen – etwa mit Bild.de (gehört wie die Morgenpost zu Axel Springer) und mit Vodafone – sowie durch die Event-Reihe „The Ampya Moment with…“ (erstmalig mit Lady Gaga im Oktober).

Deezer analysiert Hörgewohnheiten

Deezer, 2006 in Frankreich gegründet und seit Mitte 2012 in Berlin präsent, legt großen Wert auf das Kuratieren des Contents. Dazu verwendet Deezer eine Hybridlösung aus einer Redaktion und einem Algorithmus, der die Hörgewohnheiten analysiert. Jeder fünfte Mitarbeiter sei in der Redaktion beschäftigt, heißt es. Die Kunden scheinen es zu danken: Fast jeder zweite der zwölf Millionen aktiven Nutzer bezahlt für das Angebot. Zu den Gerüchten, Microsoft wolle Deezer übernehmen, äußerte sich Firmensprecher Tommy Kempert nicht, bestätigte aber den Start des Dienstes 2014 in den USA. Auch Deezer erweitert seine Reichweite mit Mobilfunk-Bundles und Kooperationen (BMW- und Volvo-Audiosysteme).

Simfy – Playlisten passend zur Saison

Das Portal simfy hat sich neu ausgerichtet und konzentriert sich auf den deutschsprachigen Markt. Das Repertoire von simfy Music umfasst mehr als 25 Millionen Musikstücke, die der Nutzer via Website, Desktop-Player oder Mobiltelefon abrufen kann – im kostenpflichtigen Abopaket auch als Offline-Version, also ohne dauerhafte Internetverbindung. Simfy bietet kuratierte Playlisten – auch zu saisonalen Themen wie „Musik-Festivals“ oder „Weihnachten“, die von der hauseigenen Redaktion aktualisiert werden. Soziale Netzwerke spielen bei simfy eine untergeordnete Rolle. Das Portal wurde 2007 in Köln gegründet und wechselte 2013 nach Berlin.

Wimp – Streaming in CD-Qualität

Wimp setzt auf HiFi und bietet seinen kompletten Katalog gegen Aufpreis (19,99 Euro pro Monat) in verlustfreier CD-Qualität an. Das erfordert bei der Offline-Nutzung den dreifachen Speicherplatz, bietet aber Hörgenuss ohne Kompromisse. Für ein vollständig verlustfreies Klangerlebnis nutzt Wimp überall das Dateiformat FLAC. Die Ausnahme bildet das Betriebssystem iOS mit dem Format ALAC (Apple Lossless).

Ein weiteres Merkmal dieser Plattform sind Redaktionen für alle nationalen Märkte. „Wir wollen unsere Nutzer durch den Musikkatalog führen“, sagt Sprecherin Annelie Beccu. Wimp setzt dabei auf den Geschmack von Musikexperten und nicht auf die Automatik eines Algorithmus. Seit gut einem halben Jahr haben Künstler ohne Label die Möglichkeit, per Wimp DIY (Do it Yourself) ihre eigene Musik hochzuladen. Sie vermarkten sich selbst und erhalten dann 70 Prozent der Einnahmen. Wimp wurde 2010 in Norwegen gegründet und ist seit Mai 2012 online. Die Nutzerzahl wird mit mehr als 450.000 pro Land angegeben.

Mediamarkt springt spät auf den Zug

Relativ spät auf dem Markt der Musikstreamingdienste kam Juke, ein Portal von 24-7-Entertainment, ein Unternehmen der Media-Saturn-Holding. Juke wurde am 1. September 2011 in Berlin gestartet. Juke ist in sieben europäischen Ländern verfügbar, nennt Dolby-Pulse-Qualität als Alleinstellungsmerkmal und bietet unter anderem Musik-Flatrates als Bundle mit Mobilfunkverträgen (z.B. Mobilcom-Debitel) an.

Rdio bezahlt Künstler direkt

Der Streamingdienst Rdio, wurde im August 2010 von Skype-Erfinder Janus Friis gegründet. Hier stehen soziale Netzwerke im Mittelpunkt: Nutzer teilen ihre Musik und folgen einander und entdecken so die Musik ihrer Freunde. Rdio bezahlt Künstler direkt im Rahmen des Artist-Programms, wenn sie ihre Musik und ihre Musikempfehlungen mit Fans teilen. Sie verdienen 10 US-Dollar für jeden neuen Rdio-Nutzer, den sie über soziale Netzwerke im Internet gewinnen.

Bei einer Analyse der Stiftung Warentest vom Juli 2013 schnitten Simfy, Spotify und Wimp am besten ab. Im Test wurde die Musikauswahl anhand einer Liste von 100 Alben geprüft. Spotify bot 84 und Simfy 83 der gesuchten Alben. Wimp punktete mit der Audiosuche und der Nutzerfreundlichkeit. Hier gab es Abzüge für Spotify. Deezer vermasselte sich die ansonsten gute Wertung mit seinen Sicherheitsstandards. „Wir haben nachgebessert und das Problem inzwischen gelöst“, sagte Tommy Kempert.

Zuletzt hatte David Byrne, der Frontmann der Band Talking Heads, Musikstreamingdienste in der Süddeutschen Zeitung kritisiert. Ein Song müsse Hunderte Millionen Mal gestreamt werden, damit die Band damit den US-Mindestlohn erreiche, sagte der Künstler.

TapeTV zeigt Videos, die zur Stimmung passen

Die Internetplattform TapeTV bespielt ebenfalls von Berlin aus ihre Musikkanäle – allerdings mit dem Fokus auf Video. TapeTV bietet neben aktuellen Programmen Shows (Auf den Dächern), Radiostationen für unterschiedliche Stimmungslagen und Mixtapes an.

Das US-Musikfernsehen Vevo, seit einigen Wochen auch in Berlin vertreten, bietet seinen Fans 75.000 Musikvideos sowie exklusive Premieren, Konzerte und Original-Shows an. Nutzer in Deutschland müssen auf Vevo TV noch warten, das in den USA und Kanada bereits als linearer Musik-Videostream rund um die Uhr verfügbar ist.

Auf Soundcloud können Künstler ihre Musik anbieten, allerdings steht hier keine lineare Streamingfunktion zur Verfügung.