Ein erfolgreiches, im Internet aktives Start-up aus Berlin ist Researchgate. Erstaunlich an dem Unternehmen ist, dass es nicht darauf abzielt, einen unbegrenzten und größtmöglichen Nutzerkreis zu erreichen, sondern diesen gerade begrenzt: Zugelassen sind nur Wissenschaftler, die in einer Forschungseinrichtung arbeiten. Researchgate bietet ihnen die Plattform, um zu kooperieren und zu diskutieren. Nach eigenen Angaben hat Researchgate derzeit knapp vier Millionen Nutzer weltweit – Tendenz stark steigend.

Berliner Morgenpost: Herr Madisch, ist es eine Beleidigung, wenn man Researchgate als Facebook für Forscher bezeichnet?

Ijad Madisch: Researchgate hat Elemente von Facebook, aber Researchgate ist Researchgate, es ist ein eigenständiges Produkt. Mit Facebook hat es den Netzwerkgedanken gemeinsam. Wissenschaft war lange Zeit so organisiert, dass man fast nur mit den wenigen Leuten kommunizierte, mit denen man im Labor arbeitete. Aber man sprach wenig mit anderen Leuten über seine Forschung, geschweige denn mit Fremden irgendwo auf der Welt. Dieser globale Austausch, der ja auch Facebook groß gemacht hat, ist ein Teil von Researchgate. Was das Netzwerk auszeichnet, ist aber, dass hier Forscher auf ihren Profilen ihre Arbeit präsentieren. Alles was sie hier veröffentlichen, trägt ihren Namen. Sie können sich ohne Zeitverzögerung über Forschungsergebnisse austauschen. Wir bringen ihr Wissen in einen sozialen Kontext, um es dadurch besser nutzbar zu machen und die Bewertung von Ergebnissen von Forscher zu Forscher zu ermöglichen.

Das ist also mehr als eine Datenbank.

Es ist keine klassische Datenbank, sondern ein Netzwerk. Wir begleiten den Forscher auf jedem Schritt des Wegs. Researchgate ist eine Plattform zur Forschungszusammenarbeit, um Interdisziplinarität in der Forschung zu fördern, zur Qualitätskontrolle und um wissenschaftliche Reputation zu messen. Das alles erhöht die Wirtschaftlichkeit der Wissenschaftswelt. Denn heute werden sehr viel Zeit und Geld verschwendet, vor allem mit unnötig wiederholten Experimenten. Auf Researchgate können Wissenschaftler auch die Ergebnisse missglückter Versuche veröffentlichen. Das passiert anderswo bisher kaum, weil ich als Forscher natürlich ein Ziel – ein positives Ergebnis – vor Augen habe. Aber das schafft viele Probleme. Wir wiederholen Experimente, obwohl klar ist, dass sie nicht funktionieren. Aus vielen gescheiterten Versuchen könnte man viele wertvolle Schlüsse ziehen.

Ist es auch ein Karriere-Instrument?

Ja, das ist es automatisch. Ich habe als Wissenschaftler eine Möglichkeit, mich zu präsentieren und Ergebnisse hochzuladen. Diese Daten werden von Forschern auf der Plattform bewertet und zitiert, und es wird mit ihnen gearbeitet. Ich kann hier Kooperationspartner suchen. Durch meinen Beitrag erarbeite ich mir einen Ruf, den ich dazu nutzen kann, um mich für Jobs zu bewerben. Das passt gut zu unserer Stellenbörse, bei der wir den Firmen und Institutionen versichern können, dass sie Top-Bewerber bekommen. Und Forschern bieten wir eine Möglichkeit, genau den richtigen Job zu finden. So unterstützen wir ihre Karriere.

Noch unveröffentlichte Daten online zu stellen ist gefährlich, weil wissenschaftliche Konkurrenten sie nutzen könnten, um selbst schneller voranzukommen. Es ist aber der Gau für einen Forscher, wenn er Jahre investiert hat, und dann kommt ihm ein anderer zuvor.

Ich glaube, Forscher können heute sehr gut unterscheiden, wie viel und was sie veröffentlichen können, ohne sich selbst oder ihrer Institution zu schaden. Wir sprechen hier vor allem von unveröffentlichten Forschungsergebnissen, die es aus welchen Gründen auch immer nicht in ein Fachjournal geschafft haben. Diese Informationen sind aber oft notwendig, um einen Versuch wiederholen zu können und die Ergebnisse zu vergleichen. Forschung wird erst dann für unsere Gesellschaft wertvoll, wenn sie von anderen reproduziert werden kann und so ihre Gültigkeit bewiesen wird. Das ist im Interesse der Forscher.

Wie kamen Sie auf die Idee, Researchgate zu gründen?

Ich bin Arzt und habe auch Informatik studiert. Ende 2007 fand ich bei einem Experiment keine Lösung für ein Problem. Ich fing an, Leute zu suchen, die mir helfen könnten. Die damaligen Möglichkeiten, etwa eine Google- oder eine Datenbanksuche, brachten kein Ergebnis. Da kam die Idee: Es muss ein Netzwerk für die Forschung geben. Und die Ironie, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringt, ist, dass das World Wide Web ursprünglich für die Forschung entwickelt wurde. Es hat sich zu allem entwickelt, nur nicht dazu. Das wollten wir ändern.

Ist der klassische Weg über gedruckte Fachartikel out?

Es hat in der Vergangenheit durchaus Sinn gemacht, dass Artikel eine Qualitätskontrolle durch den „Peer-Review-Prozess“ mit Gutachtern durchliefen und gedruckt wurden. Aber die Welt hat sich verändert, nur die Wissenschaftswelt nutzt die Power des WWW nicht voll aus. Wir wollen die Art des Denkens und die Arbeit der Forscher ändern und ihnen dabei helfen, die Möglichkeiten, die ihnen die Offenheit des Webs bietet, wahrzunehmen, um erfolgreicher zu sein. Erfolg in der Forschung bedeutet Fortschritt für uns alle, etwa wenn es um die Entwicklung neuer Medikamente oder umweltfreundlicher Technologien für die Energiegewinnung geht.

Ihr Hauptquartier liegt in Berlin. Warum gerade hier?

Ich habe in Boston angefangen und dann im Sommer 2010 Matt Cohler getroffen, den Mitgründer von LinkedIn und frühen Mitarbeiter von Facebook – also eine sehr große Nummer in der Technik-Welt. Wir haben diskutiert: Wo wollen wir hin? Ins Silicon Valley, das Mekka für Start-ups? Oder wollen wir auf eine neue Stadt setzen, die gerade im Kommen ist und wo wir die Entwicklung mit antreiben können? Wir kamen zum Schluss, dass Berlin für uns die erste Wahl ist. Berlin ist international und hat eine lebendige Kunstszene. Internet hat sehr viel mit Kreativität zu tun. Für uns arbeiten viele Designer, die „nebenbei“ Kunst machen. Berlin hat großes Potenzial mit seiner in der Vergangenheit schon erfolgreichen Startup-Szene. Die ist international vielleicht nicht so anerkannt, hat sich hier aber schon ein Ökosystem aufgebaut. Das können wir mit Researchgate sehr gut nutzen, deshalb haben wir uns Ende 2010 entschieden, hierher zu ziehen. Angefangen haben wir mit sechs Leuten, jetzt sind wir 120.

Ist das enorme Wachstum nicht auch riskant?

Ja, viele Start-ups gehen nicht kaputt, weil sie eine doofe Idee hatten, sondern häufig, weil sie am Wachstum scheitern. Dass sie ihre Unternehmenskultur nicht mehr so erhalten können, wie sie eigentlich wollen. Dass die Leute zum nächsten Startup gehen, weil sie denken: „Hier passiert nichts mehr“.

Was ist Ihre Unternehmenskultur?

Wir arbeiten zusammen an der Erfüllung einer großen Vision. Das ist, was jeden Mitarbeiter hier antreibt. Wir sagen unseren Leuten, wie das, was sie tun, uns unseren Zielen näher bringt. Dafür geben wir ihnen kontinuierlich Feedback. Andererseits lassen wir ihnen viel Freiheit und schaffen ein angenehmes Arbeitsumfeld: Bei uns gibt es kostenlos Mittagessen, Kicker- und Tischtennisräume, einen Schlafraum für die Südamerikaner, die ihre Siesta brauchen. Wir haben eine „Feelgood-Managerin“, die sich um diese Dinge kümmert und neuen Mitarbeitern beim Start hilft. Mit Respekt füreinander und klaren Zielen vor Augen zusammenarbeiten: Das ist unsere Kultur.

Welche potenziellen Kunden wollen Sie als nächstes ansprechen?

Wir wollen alle Wissenschaftler der Welt durch das Netzwerk miteinander verbinden und erreichen, dass Wissenschaft offener wird. So etwas wie „Open Source“ in der Informatik wollen wir für die Wissenschaft als „Open Science“ etablieren. Wir sind schon auf einem guten Weg: Von 2008 bis 2011 haben Mitglieder 1,4 Millionen Publikationen zu ihren Profilen hinzugefügt. Aktuell laden sie jeden Monat 1,4 Millionen Publikationen hoch. Wir haben vor einem knappen Jahr eine Möglichkeit für Mitglieder geschaffen, unpublizierte Forschungsergebnisse zu präsentieren. In den ersten sechs Monaten haben die Wissenschaftler 1300 Datensätze hochgeladen, jetzt fügen sie alle drei Tage 1300 hinzu.

Sind das nur Naturwissenschaftler?

Bei uns finden sie alle Disziplinen. Die Verteilung der Mitglieder auf die verschiedenen Fachbereiche spiegelt die echte Welt wider. Ein starker Fokus liegt dennoch auf den „harten“ Fächern wie Biologie, Medizin, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Chemie und Physik. Aber wir haben auch die Sozial- und Religionswissenschaften. Es zeigt sich allerdings, dass ältere Forscher länger brauchen als jüngere, um unsere Instrumente zu nutzen. Sie waren länger mit den alten Forschungsstrukturen erfolgreich. Sie zu erreichen, dauert etwas länger.

Was haben Sie an neuen Instrumenten geplant?

Wir bauen Instrumente, mit denen Wissenschaftler Publikationen begutachten und bewerten können. Ein weiteres Instrument betrifft Fördergelder. Wir wollen erstmals zeigen, welche Forscher welche Fördergelder erhalten und das den Ergebnissen der Forscher gegenüberstellen. Diese Transparenz ist wichtig für die Wissenschaftswelt. Viele Steuergelder fließen in die Wissenschaft, und wir können gar nicht nachvollziehen, was dabei rauskommt.

Das gelingt sicher nicht überall gleich gut. Archäologie funktioniert anders als Astrophysik.

Ich finde es wichtig, dass man zum Beispiel in der Medizin, wo man Erfolge und Misserfolge besser erkennen kann, auch damit anfängt. Werden Fördergelder vergeben, muss am Ende auch etwas rauskommen. Das kann auch bedeuten, dass wir nach einem Projekt wissen, dass etwas nicht funktioniert. Nur dann muss auch das publik gemacht werden. Wir müssen, denke ich, in diesem Sinn angewandter forschen.

Wird es die Grundlagenforschung schwerer haben? Das Kernforschungszentrum Cern beispielsweise produziert kaum alltagspraktisch Verwertbares.

Ich denke schon, dass wir am Ende auch bei der Cern-Forschung alltagspraktische Ergebnisse sehen werden. Grundlagenforschung ist wichtig, wir sollten aber auch hierbei die Augen nach praktischen Anwendungen offen halten und diese Ansätze verfolgen. Wenn wir die Fördergeldzuweisungen analysieren, werden wir erkennen, welches Wissen wo entsteht, wie viel es gekostet hat und welche Bedeutung diesem Wissen von der Forschung beigemessen wird. Ich glaube, wir werden über die Ergebnisse staunen.

Wird man zukünftig nicht mehr bei klassischen Fachjournalen wie „Nature“ oder „Science“ publizieren, sondern bei Researchgate?

Das hoffe ich. Es muss sich etwas beim Publikationssystem ändern. Gute wissenschaftliche Arbeiten werden oft aus politischen Gründen nicht veröffentlicht. Es dauert auch einfach zu lange, bis Ergebnisse publiziert werden, manchmal bis zu anderthalb Jahre. In dieser Zeit könnte schon so viel Forschung stattfinden, die auf diese im Publikationsprozess verschollenen Erkenntnisse aufbaut. Ich hoffe, dass Wissenschaftler in Zukunft schneller veröffentlichen – vielleicht sogar Teile ihrer Arbeit schrittweise publik machen. Dazu sollten auch Ergebnisse misslungener Experimente zählen. Der ganze Forschungsprozess sollte offengelegt und dann gefragt werden, welchen Fortschritt diese Ergebnisse für die Wissenschaft und die Gesellschaft bedeuten.

Woher kennen Sie die Bedürfnisse der Nutzer?

Wir haben einen „Community Support“ genannten Bereich innerhalb der Plattform, in dem wir mit Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen kommunizieren. Wir haben fünf Mitarbeiter, die sich allein darum kümmern. Dann analysieren wir, wo wir etwas ändern müssen, um die Instrumente anzupassen.

Gibt es Kooperationen mit Institutionen?

Wir haben mit der Max-Planck-Gesellschaft eine Kooperation, sie nutzt Researchgate als interne Kommunikationsplattform. Ich rede mit unterschiedlichen Institutionen und versuche zu verstehen, welches die Bedürfnisse sind. Mein Credo war aber schon immer, das System von unten nach oben zu verändern. Gerade am Anfang hieß es: „Du musst erst einmal die Professoren überzeugen.“ Aber so ändert man nichts. Revolutionen beginnt man, wenn man die Basis anspricht. Dann werden die Professoren nachziehen. Wir haben gesehen, dass die jungen Forscher, die früh begonnen haben, Researchgate zu nutzen, jetzt in leitenden Positionen sind. Die empfehlen jetzt ihren Mitarbeitern Researchgate zu nutzen.

Ihre Geldgeber wollen irgendwann eine Rendite sehen? Wie gelingt das?

Mit dem Jobmarkt haben wir angefangen. Sie können kostenlos bei uns Stellenanzeigen einstellen und wer eine Stelle sucht, kann die Angebote kostenlos durchsuchen. Wollen Sie Ihr Stellenangebot aber prominenter an verschiedenen Stellen positionieren, ist das kostenpflichtig. Firmen, Institutionen oder Universitäten geben damit wahrscheinlich viel weniger Geld aus als momentan, weil sie bisher keinen Ort hatten, gezielt die Bewerber zu finden, die sie suchen. Zweitens wollen wir Kongressveranstalter unterstützen. Die wollen ihre Inhalte an die richtigen Leute bringen und im Netzwerk die richtigen Konferenzteilnehmer finden. Drittens wollen wir einen Marktplatz für wissenschaftliche Produkte und Services aufbauen. Heute werden immer mehr Dienstleistungen nach außen vergeben, etwa das Sequenzieren von DNA oder statistische Datenauswertungen. Wir wollen einen Vergleich zwischen unterschiedlichen Anbietern bieten und vor allem das Feedback der Community einbinden. Da finden sich dann nicht nur summarische Bewertungen – „zehn fanden das gut, drei schlecht“. Ich kann vielmehr die Bewertungen aus meinem Arbeitsbereich suchen. Ganz wichtig an unserem Geschäftsmodell ist: Wir verkaufen keine Daten an Dritte.

Was haben Sie sich konkret für 2014 vorgenommen?

Das Bewerten von Publikationen, das Hochladen von Forschungsergebnissen und deren Veröffentlichung wollen wir weiterentwickeln. Mit der Jobbörse wollen wir unsere Monetarisierungsstrategie voranbringen. Wir hoffen, in ein bis zwei Jahren Gewinn zu machen. Natürlich wollen wir auch weiter wachsen. Wir haben jetzt knapp vier Millionen Mitglieder und pro Tag melden sich etwa 10.000 Wissenschaftler neu an.