In Köln ist es das Büdchen, in Hamburg der Kiosk. In Hessen bekommen Nachtschwärmer noch ein Bier in der Trinkhalle. In Berlin ist es der Spätverkauf „Späti“, der auch nachts Hunger, Durst und andere Nöte befriedigt. Doch was tun, wenn man nicht weiß, wo der nächste Späti zu finden ist? Früher musste man Ortskundige fragen, kilometerweit durch die Straßen laufen oder auf den nächsten Tag warten, bis der Supermarkt wieder geöffnet hat.
Doch heute gibt es das Smartphone und die Gründer von „Ape Unit“, einer Webdesign-Agentur aus Kreuzberg, die sich vorgenommen haben, die nächtliche Suche nach einem Späti zu erleichtern. Dazu haben sie die „Durst-App“ entwickelt. Das garantieren sie zumindest in ihrem Werbefilm, einem düsteren Trailer voller überstiegener Dramatik und Verzweiflung.
Menschen berichten darin von Nächten ohne Drinks, der ergebnislosen Suche nach Zigaretten, ihre Augen sind gerötet, ihre Hände zittrig. Doch dann: „Don’t let thirst ruin your night“, lassen die Entwickler der Hilfe versprechenden App einen wissen. „Lass Durst nicht deine Nacht ruinieren.“
Interaktive Späti-Karte auf dem Smartphone
Das Konzept ist simpel. Der Durstige öffnet die Anwendung auf dem Smartphone, lässt seinen Standort bestimmen und kann auf einer Karte sofort sehen, wo sich der nächste Spätkauf befindet.
Entdeckt man einen neuen nächtlichen Kiosk, kann man ihn zum Vorteil aller Nutzer der App gleich auf der Karte eintragen. Ist ein anderer von der Bildfläche verschwunden, meldet man dies den Machern der Anwendung, und er wird aus dem Programm gelöscht. „Natürlich mussten wir erst einmal festlegen, was einen Späti definiert“, sagt Alexandre Peschel, der zusammen mit seinem Co-Gründer Emil Wagner Geschäftsführer von Ape Unit ist.
„Es ging uns schließlich nicht um Tankstellen, Supermärkte oder Spielhallen“, sagt er. „Ein wirklicher Späti hat mindestens bis 24 Uhr geöffnet und bietet Zigaretten hinter einem Tresen an.“
Cocktails aus Zutaten, die man in jedem Späti findet
Die Idee für einen Kiosk-Ortungsdienst liegt nahe. Gerade in Berlin, wo auch nach Supermarkt-Schluss die Straßen voll sind mit Nachtschwärmern. „Fast jeder zweite, der von der Durst-App hört, sagt: Die Idee hatte ich auch schon“, sagt Peschel.
Bemerkenswert ist vor allem der Aufwand, mit dem die Entwickler Werbung für ihr Produkt betreiben. Zum Start der Android-Version wurden die dramatischen Trailer aufgenommen, die Geburt der Anwendung für das iPhone wurde vor einem Jahr mit einer Party im Kiosk gefeiert. Das war im September 2012, seither haben 5000 User ihre App abonniert.
„Zu der Späti-Party nur Wein und Bier anzubieten, war uns zu langweilig“, sagt Tim Herzog, Chefdesigner von Ape Unit. Longdrinks und Cocktails wurden gereicht. Aus Zutaten, die jeder Späti führt. Wie der „Ghetto-Libre“ zum Beispiel, angelehnt an den Cuba-Libre, ein Mix aus Weinbrand, Cola und Zitronensaftkonzentrat, oder die Kreation „Bloody-Streets“ aus Tomatensaft, Wodka und Instant-Nudel Gewürz. „YumYum-Huhn ist dafür am besten geeignet“, verrät Max Dörfler, der als Programmierer für die junge Firma arbeitet.
Ape Unit nimmt auch klassische Auftragsarbeiten an
Ein befreundeter Künstler entwarf Zeichnungen der Getränke, Plakate wurden gedruckt und Sticker hergestellt. Trotz stetig wachsender User-Zahlen „verdienen wir aber damit kein Geld“, sagt Alexandre Peschel. Darum gehe es den Gründern auch nicht. Sie wollen ihre Durst-App viel mehr als Werbung nutzen, als Aushängeschild ihrer Firma Ape Unit. Laut Tim Herzog wollten die Gründer damit etwas Eigenes schaffen, etwas, „das zeigt, was wir können“.
Ape Unit ist kein klassisches Start-up, das ein einziges selbst entwickeltes Produkt vertreibt. Das achtköpfige Team aus Designern und Programmierern erstellt Websites, entwickelt Online-Plattformen und programmiert, wenn es der jeweilige Job erfordert, eben auch Apps. Gute alte Auftragsarbeit, könnte man sagen.
Seit Alexandre Peschel das Start-up 2010 mit zwei Freunden gründete, hat sich die Angestelltenzahl mehr als verdoppelt. „Bei größeren Aufträgen kommt es sogar vor, dass wir Freelancer einstellen, die uns helfen“, sagt Tim Herzog. C&A ist Kunde der Firma, das Team arbeitete am Online-Auftritt von Sat.1 mit und erstellte eine Life-Streaming-Seite für die Designkonferenz „Typo“.
An der Skalitzer Straße im Start-up-Himmel
Eines ihrer Lieblingsprojekte ist aber, neben ihrem trinkfreudigen Aushängeschild, eine weitere App. Die Firma entwickelte eine Anwendung, um ein Konzert, das 2008 im Holocaust-Denkmal stattfand, per Smartphone wieder erlebbar zu machen. 24 Musiker spielten damals vor 3000 Zuhörern verteilt im Stelenfeld das Werk „Vor dem Verstummen“ von Harald Weiss. Mit der App können nun auch Besucher, die nicht bei dem Konzert dabei waren, die Musik noch einmal hören. Beim Gang durch das Denkmal verändert sich sogar die Intensität des Klanges, je nach Position des Nutzers.
Dass Ape Unit klassische Auftragsarbeiten erledigt, ist nicht das einzige start-up-untypische an der jungen Firma. „Wir sind alle Berliner“, sagt Peschel stolz. „Sieben Kreuzberger und ein Tiergartener.“ Immerhin, ihr Büro entspricht zumindest dem Berliner Gründer-Klischee. In dem alten Rotklinker-Gebäude an der Skalitzer Straße fühlt man sich wie im Start-up-Himmel.
Dutzende Firmen residieren in dem Komplex. Die vierte Etage teilen sich die Macher der Durst-App mit drei weiteren Unternehmen. In all dem Gewimmel, den hin- und hergerufenen englischen und deutschen Fragen, den Stapeln von Plakaten und Broschüren hat Ape Unit noch den besten Platz ergattert. In einem eigenen Zimmer an der linken Seite des Großraumbüros stehen die Rechner der Design-Agentur. Ein „Edel-Separee“, wie Herzog es nennt.
Nur hundert Meter bis zum Lieblings-Kiosk
Der Designer flucht leise vor sich hin. Der Aufzug funktioniert nicht, es gibt irgendein Problem mit den Türen, und unten im Hof wartet der Getränkelieferant darauf, den Nachschub in die vierte Etage schicken zu können. „Zumindest Bier und Mate müssen wir hochbringen“, sagt Herzog. „Das ist doch das Wichtigste.“
Auch wenn es dank des benachbarten Start-ups „Coffee Circle“ stets Kaffee gibt und die Stimmung meist gut sei, wären repräsentativere Räume irgendwann doch wünschenswert, sagt Peschel.
Ein Problem könnte es allerdings beim Umzug geben. Von ihrem jetzigen Büro aus sind es für die Unternehmer gerade einmal hundert Meter bis zu ihrem Lieblings-Kiosk. Sucht man diesen Späti auf der Karte der Durst-App und tippt ihn an, steht dort: „8 thirsty people like this!“ – Acht durstigen Personen gefällt das. Das Team der Ape Unit wird sicher einen neuen Späti finden. Zur Not schauen sie einfach auf ihre liebste App.





