Der von Wirtschaftsminister Philipp Rösler lancierte und vom Bundesverband Deutsche Start-ups unterstützte Plan, einen neuen Neuen Markt an deutschen Börsen zu etablieren, ist in der Start-up-Branche umstritten. Offenbar plant der Minister, den umstrittenen Wachstumsmarkt wiederzubeleben.

Der Neue Markt war im Jahr 1997 inmitten des Technologie-Booms geschaffen worden, damit junge Unternehmen rasch an Eigenkapital kommen. Zunächst schien der Plan aufzugehen, bis zum Jahr 2000 schossen die Kurse vieler Internet- und IT-Firmen in astronomische Höhen. Nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ stürzten die Kurse ins Bodenlose. Viele Firmen gingen Pleite, Anleger verloren ihr Vermögen und zahlreiche Betrugsfälle landeten vor Gericht. Die Deutsche Börse stellte das Börsen-Segment im Jahr 2003 ein.

Jetzt meldet sich Ben Esser in einem offenen Brief zu Wort, Gründer des Online-Shops Urbanara. Er und seine Mitgründer Claire Davidson und Martin von Wenckstern kritisieren die Pläne des Ministers und des ihm nahe stehenden Branchenverbandes. Sie bezeichnen den Neuen Markt als gescheitertes Modell.

Crowdinvesting als Alternative

Esser will in wenigen Wochen bis zu 3,75 Millionen Euro frisches Kapital über die Crowdinvesting-Plattform Bergfürst generieren. Er spricht sich vehement gegen eine Neuauflage des Neuen Marktes aus und fordert stattdessen bessere Bedingungen für die öffentliche Beteiligung von Privatpersonen an Unternehmen.

Rösler und Verbandsfunktionär Florian Nöll wollen mit einer Neuauflage des Neuen Marktes die Wachstumsfinanzierung von Start-ups sichern. Hintergrund sind Klagen einzelner Internet-Unternehmen über Schwierigkeiten, in Deutschland Anschlussfinanzierungen zu finden.

Ausländisches Kapital ist verfügbar

Die Frage, ob in Deutschland Kapital fehlt oder nur die Bereitschaft, riskant in junge Unternehmen zu finanzieren, ist umstritten. „Internationales Kapital steht aber prinzipiell auch Unternehmen hierzulande zur Verfügung“, erklärt Ben Esser. Als Beleg für diese These nennt er erfolgreiche Berliner Start-ups wie Soundcloud, Wooga oder Zalando, die internationale Beteiligungen.

Ähnlich argumentieren auch Risikokapitalgeber wie Stefan Glänzer, der kürzlich sagte: „Geld ist beweglich. Erst kommt das Ecosystem und dann kommt auch das Kapital.“ Umstritten ist auch die Frage, ob ein Börsengang (IPO) das Berliner Start-up-Ecosystem adeln muss. „Unternehmen können auch ohne IPO erfolgreich sein“, sagte etwa Gabriel Matuschka, Partner des US-Investors Partech, in einem Morgenpost-Interview.

US-Start-ups erhalten sieben Mal mehr Geld

Was in Deutschland fehlt, ist nach der Einschätzung von Ben Esser Kapital für junge Unternehmen, die sich bereits am Markt bewährt haben und weiter wachsen wollen. Ihr Bedarf liege in der Regel zwischen zwei und zehn Millionen Euro – eine Lücke, die durch Crowdinvesting eher geschlossen werden könne als durch einen neu zu erfindenden Kapitalmarkt.

Erste Finanzierungsrunden für ein Start-up bringen in Deutschland laut dem Start-up-Monitor des Bundesverbandes Deutsche Start-ups im Schnitt 900.000 Dollar, das ist ein Siebtel vergleichbarer US-Investments (7,1 Millionen Dollar) und ein Drittel von A-Runden-Investments in London (2,6 Millionen Dollar). Start-ups in den USA haben allein deshalb bessere Startbedingungen als hierzulande. Sie erreichen schneller Finanzierungen, mit denen sie sich zum Verkauf – im Branchenjargon Exit – hocharbeiten können.

Erfolgreiche Start-up-Börse in Warschau

Der Bundesverband Deutsche Start-ups nennt als Beispiel für die Erfolgschancen eines neuen Neuen Marktes die Warschauer Wertpapierbörse. Sie habe bereits im Jahr 2007 im Rahmen ihres „NewConnect“-Handelsplatzes ein solches Börsensegment für junge, sich dynamisch entwickelnde Unternehmen geschaffen. Mittlerweile zähle die polnische New Connect 450 IPOs, davon alleine 89 im vergangenen Jahr, erklärt der Branchenverband.

Der Börsenexperte Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance and Management sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, für Start-ups gebe es aussichtsreichere Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen, beispielsweise das Crowd-Financing. Dabei stellen Firmengründer ihre Geschäftsidee im Internet oder auf Messen vor und sammeln anschließend bei einer Vielzahl von kleinen Investoren Geld ein.

Außerdem könnte der Staat die Bedingungen für Start-ups verbessern, sagt Schalast. Denkbar sei, dass Firmen Verluste aus früheren Jahren länger steuerlich geltend machen können. Auch eine niedrigere Besteuerung von Gewinnen würde Start-ups helfen. „Das wäre ja eigentlich ein passendes Thema für die FDP.“

mit RTR