Die Köpenicker Straße ist trist, auch das Haus Nr. 154 steht lustlos da, doch wenn sich die Tür in der ersten Etage zum Binooki Verlag öffnet, ist das Draußen auf der Stelle vergessen. Heller Raum, dunkler Holzboden, die zwei riesigen Schreibtische der Verlegerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye, an den Wänden Regale mit den eigenen Büchern und auf dem Sofa ein handgenähtes Kissen, bestickt mit dem Binooki-Schriftzug. „Ein Abschiedsgeschenk der Praktikantin“, sagen sie. Ein Unternehmen, das von seinen Praktikanten beschenkt wird.
Gerade zwei Jahre alt ist der Verlag, der ausschließlich Übersetzungen aus dem Türkischen, Klassiker der Moderne, wie Oğuz Atay und Metin Eloğlu, vor allem aber junge Autoren und Autorinnen veröffentlicht. Die Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye hatten zuvor nichts mit dem Verlagsgeschäft zu tun, Bürhaniye ist Juristin, Wels hat BWL studiert und für Filmproduktionen gearbeitet, den Traum einmal einen Verlag zu gründen hatten sie eigentlich nie.
2012 präsentierte sich der Verlag auf der Leipziger Buchmesse
Doch da war die Liebe zur türkischen Literatur, das Bedürfnis diese mit möglichst vielen zu teilen, ein gemeinsamer Besuch der Istanbuler Buchmesse im Winter 2010 und dort der plötzliche, euphorische Gedanke: Ach komm, wir machen einen Verlag! „Weil wir ein bisschen verrückt sind“, sagt Selma Wels und Inci Bürhaniye ergänzt: „Weil wir wollten, dass es einen Verlag gibt, der sich der türkischen Literatur annimmt und nur der. Wir wollten eine Anlaufstelle schaffen für Interessierte, damit sie auch wissen, wo sie dann gucken können. Und weil wir etwas machen wollten, was uns Spaß macht.“
Im März 2012 tauchte der Binooki Verlag dann erstmalig auf der Leipziger Buchmesse auf, als sei er schon immer da gewesen. Alles saß perfekt. Auffallend schöne Bücher, allesamt gestaltet von der Grafikerin Josephine Rank, ein aufregendes Programm, ein bis ins letzte Detail abgestimmtes Erscheinungsbild, ein Verlag, in dem man wohnen möchte. Ein Jahr später bekamen sie den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung und den Buchmarkt Award für den Newcomer des Jahres.
Der Erfolg erstaunt sie selbst ein wenig, seit der Verlagsgründung hatten sie nicht einmal die Zeit, all das zu reflektieren. „Dass das alles so gut läuft, das liegt an dem Zusammenspiel von der Grafikerin, den Übersetzern, den Autoren und von uns. Da bringt sich jeder mit so viel Freude ein, das ist schon fast familiär“, sagt Inci Bürhaniye.
Aufmerksamkeit durch Verspätung
Die erste Aufmerksamkeit beim Buchhandel erlangten sie letztes Jahr durch Zufall und Verspätung. Das Herbstprogramm wurde nicht rechtzeitig fertig, sie hatten keine Vertreter, verschickten viel zu spät ihren Katalog mit dem Aufkleber darauf: Achtung! Klischeefreie Zone. Damit landeten sie beim Buchhandel, als sämtliche Verlagsprogramme schon gelesen waren und plötzlich die Zeit da war für etwas so Kleines, Eigenes, was ansonsten untergegangen wäre. Als sie herausfanden, dass es ihre Bücher nicht beim Kulturkaufhaus Dussmann gibt, haben sie morgens um fünf ihre Werbung direkt vor dem Laden aufgehängt. Seitdem sind auch dort vertreten.
Lesungen mit den Autoren gibt es selten, die Reisekosten sind hoch, die Visa-Beschaffung ist mühsam, also lesen die beiden Verlegerinnen kurzerhand selbst, was im deutschen Literaturbetrieb einmalig ist und schon deswegen zu einem vollen Haus führt. Aus jedem Problem scheinen die beiden einen Erfolg zu machen. Wer ein Buch direkt beim Verlag bestellt, bekommt Lesezeichen und handgeschriebene Kärtchen dazu.
Doch all das würde nicht reichen, wenn nicht auch die Inhalte überzeugen könnten. „Das wichtigste Kriterium ist, dass es uns gefallen muss. Was uns nicht überzeugt, das nehmen wir nicht“, sagt Inci Bürhaniye. „Natürlich hat man im Hinterkopf: wird es hier angenommen oder nicht? Also wenn es jetzt etwas ist, das sehr Türkei-bezogen ist, wo man Hintergrundwissen haben müsste, sei es politisch, kulturell oder sprachlich, dann ist es schwierig, das würde ich dann nicht machen.“ Eine weitere Grenze ziehen sie bei türkischen Autoren, die in Deutschland leben und auf Deutsch schreiben. „Das ist deutsche Literatur, das ist deutsche Einwandererliteratur. Es ist eben hier entstanden. Das passt nicht zu unserem Profil.“
Unberechenbar und versoffen
Einzig zu ihrem zweiten Geburtstag haben sie eine Ausnahme gemacht, in der sich alles vereint, was Binooki eigentlich nicht macht: ein deutscher Autor, Lyrik, Hardcover mit Hörbuch. „Istanbul Bootleg“ präsentiert Gedichte von Gerrit Wustmann, die in der Türkei entstanden sind und tief eindringen in die Metropole am Bosporus. In dem Band enthalten sind zudem die türkischen Übersetzungen und auch das Hörbuch ist zweisprachig, was die Atmosphäre der Gedichte bestens verstärkt. Dass ein Lyrikband mit beiliegendem Hörbuch erscheint, ist eine weitere Seltenheit. Die beiden Verlegerinnen fanden die Stimme von Gerrit Wustmann so schön, dass sie gesagt haben: „Du musst unbedingt ein Hörbuch machen. Das geht nicht anders.“
Ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist „Secret Agency“ von Alper Canıgüz. In der Türkei ist er längst ein bekannter Autor und sein Roman ist so durchgeknallt, dass man Ende seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen mag. Eine dubiose Werbeagentur, die von einem Kater geführt wird und ein irrwitziger Kampf mit Außerirdischen, an dessen Ende nicht weniger als die Rettung der Welt steht. Das sind 200 Seiten, die alles auf den Kopf stellen. Mit diesem Buch ist es Alper Canıgüz als erster türkischer Autor gelungen auf die Weltempfänger-Bestenliste zu kommen.
Emrah Serbes ist ihr erfolgreichster Autor
Der erfolgreichste Schriftsteller im Verlagsprogramm aber ist Emrah Serbes mit seinen Krimis über Behzat Ç., einen Beamten in der Mordkommission von Ankara. Die Bücher wurden in der Türkei für Fernsehen und Kino verfilmt, das hat der Regierung nicht immer gefallen, die TV-Reihe wurde inzwischen eingestellt. Die Dialoge sind sarkastisch, die Ermittlertruppe ramponiert, die Aufklärung am Ende bitter und hoffnungslos und Emrah Serbes und Behzat Ç. sind fast schon Volkshelden. Dieser Ermittler ist unberechenbar, kettenrauchend, versoffen. Solche Typen lernt man in Krimis meistens kennen, wenn sie längst vom Polizeidienst suspendiert sind und sich als Detektiv im wahrsten Sinn durchschlagen.
Es ist ein Blick hinein in den türkischen Polizeiapparat, in die jüngere, türkische Geschichte, hinein in die Verfolgung und Ermordung von Linken. Hier werden Verdächtige geprügelt, dass einem schon beim Lesen schwarz vor Augen werden kann. In beiden bisher übersetzen Büchern geht es um politisch motivierte Morde, um die staatliche Gewalt gegenüber Andersdenkenden. Wäre Behzat Ç. nüchtern, würde er sich wohl die Dienstwaffe an die Schläfe drücken.
Dass auch die Ereignisse auf dem Taksim-Platz Einfluss auf die Art und Weise haben werden, wie ihre Autoren weiter schreiben, dass sich diese Ereignisse in dem einen oder anderen Buch wieder finden werden, da ist sich Selma Wels sicher. „Was da gerade passiert, ist einmalig in der türkischen Geschichte“, sagt sie. Aktuell übersetzt der Verlag dazu Artikel und Interviews ihrer Autoren und stellt sie online. „Wenn man so speziell für ein Thema steht, dann empfinde ich das teilweise auch als meine Pflicht da für Transparenz zu sorgen“ und mit einem Satz fasst Selma Wels noch einmal alles zusammen, was Binooki auszeichnet: „Verleger zu sein, bedeutet nicht nur schöne Bücher zu machen.“





