Die Büroräume des jungen Start-ups gleichen mehr einer Studenten-WG als dem Arbeitsplatz eines Unternehmens. In der kleinen Küche der Firma Spotistic in Neukölln tropfen Farfalle in einem Nudelsieb ab, es riecht nach einer Kräuter-Frischkäse-Soße aus der Pulvertüte. Im Arbeitsraum, direkt gegenüber vom Badezimmer, reiht sich ein Bildschirm an den nächsten, vor den großen Displays stehen Energydrinks.
Acht Mitarbeiter beschäftigt die Firma. „Vielleicht lassen wir die anderen Gründer erst einmal Mittag essen und schauen uns dann unsere Software an“, sagt Danny Holtschke, einer der Mitgründer der Internetdienstleistung und führt kurz durch die kleine Zweiraumwohnung, deren anderes Zimmer ein zweites Start-up angemietet hat.
Im Vergleich zu größeren Spielern auf dem Berliner Start-up-Markt wirkt hier alles noch unfertig und provisorisch. Der Namenszug der Firma steht an der Wand – Buchstabe für Buchstabe auf DIN-A4-Zetteln ausgedruckt und an die Tapete gepinnt. „Wir mieten diese Co-Working-Räume von dem Anbieter Agora, weil sie günstig sind und wir mit den Drei-Monats-Mietverträgen flexibel bleiben“, sagt der 28-Jährige.
Hohe Mietkosten vermeiden
Wenn die Geschäftsidee funktioniert, muss sich das junge Unternehmen aus Berlin künftig sicherlich nicht mehr um zu hohe Mietkosten für die Büroräume sorgen: Grob gesagt macht Spotistic in Marketing. Es generiert dabei Statistiken, wie zufrieden Kunden mit einem Produkt sind.
Dies erfolgt bei den Berlinern nicht im herkömmlichen und analogen Sinn, also zum Beispiel über Fragebögen oder mündliche Kundenbefragungen, sondern mit dem gesamten digitalen Instrumentarium der sozialen Netzwerke. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Ort, an dem sich zum Beispiel die Filiale einer großen amerikanischen Kaffeehauskette befindet. „Unsere Arbeit könnte man unter dem Begriff ,location based marketing‘ zusammenfassen“, erläutert der Mitgründer Danny Holtschke.
Vor allem seitdem das Internet auf dem Smartphone zum Alltag gehört und Menschen von überall aus twittern und in sozialen Netzwerken kommentieren, wächst die Zahl der vermeintlich wertvollen Äußerungen rasant an. Auf der Grundlage von Lob und Tadel versuchen Unternehmen, dem Kaufverhalten ihrer Kunden auf die Spur zu kommen – und ihr Angebot natürlich möglichst gewinnbringend an die Kundenwünsche anzugleichen.
Informationsfluss in geordnete Bahnen lenken
Für Marktforscher und Marketing-Fachleute gleicht das Internet einem reißenden Strom von Daten. Kunden, Käufer und allerlei Konsumenten bewerten, tadeln und loben stündlich schier unzählbar viele Produkte in sozialen Netzwerken wie Facebook und dem Kurznachrichtendienst Twitter. Diesen steten Fluss von Informationen, die für Unternehmen sehr wertvoll sein können, will ein junges Berliner Start-up, das seinen Namen noch verdient, in geordnete Bahnen lenken.
Das im September 2012 gegründete Unternehmen sichtet und ordnet mit seiner Software alle Meinungen, die zum Beispiel zu einer Coffeeshop-Filiale in Berlin-Mitte ins Netz gestellt werden, und wertet diese unter verschiedenen Aspekten aus. In das Stimmungsbild fließen neben Facebook und dem Dienst Google Plus auch das standortbezogene Netzwerk Foursquare und die weitverbreitete Foto-App Instagram ein.
Nach dem Mittagessen sitzt Gründer Victor Landau, der die Firma gemeinsam mit Maxence Decrosse ins Leben rief, wieder vor seinem breiten Bildschirm im Arbeitsraum. Die Benutzeroberfläche von Spotistic, das sogenannte Dashboard, stellt dar, wie Meinungen im Sekundentakt einströmen.
150 Kunden weltweit, meist mittelgroße Unternehmen
Im Moment hat der 23 Jahre alte Franzose Landau die Statistik eines Coffeeshops geöffnet: „The grilled sandwiches are fantastic“, schreibt ein Benutzer über Facebook. „Please add table seats for children“, schreibt eine Jessica an die Fan-Seite des Cafés auf Facebook. Auf solch konstruktives Feedback, das Unternehmen die eigenen Mängel aufzeigt, gründet die Idee von Spotistic.
Das Programm zeigt unter anderem ein großes buntes Torten-Diagramm, das die demografischen Daten der Kunden aufschlüsselt: männlich/weiblich, Alter, Wohnort. Victor Landau klickt auf die Schaltfläche „Competitors“: Die Benutzeroberfläche des Programms illustriert die im Umkreis liegenden Coffeeshops der Konkurrenz und bündelt die Daten von deren Kundschaft. Für jede Filiale verzeichnet das Programm eine Durchschnittspunktzahl, die auf der Masse der Bewertungen gründet: 74 von 100 Punkten bescheinigt Spotistic etwa dieser Kaffeehausfiliale.
Auf der Grundlage solcher Daten scheint im Netz alles messbar. „Zu unseren Kunden gehören alle möglichen Unternehmen, die ihre Dienstleistung für ihre Kunden verbessern wollen“, sagt der Mitgründer Danny Holtschke. Dazu zählen Restaurants und Bars genauso wie Krankenhäuser, Tankstellen und Flughäfen. Bisher hat die Firma 150 Kunden auf der ganzen Welt, meist mittelgroße Unternehmen.
Anschubfinanzierung und zwei Investoren
„Wir haben die aktuelle Software erst im April gestartet und verhandeln mit den Kunden momentan über die Bezahlung“, sagt Holtschke. Abhängig von der Anzahl der Läden und Standorte falle eine monatliche Grundgebühr für die Firmen an, die den Berliner Dienst abonnieren. Der Preis liegt im Regelfall weit unter 50 Euro pro Filiale und Monat. Eine Anschubfinanzierung bekamen die Berliner von dem globalen Unterstützungsprogramm „startupbootcamp“. Mittlerweile sind zwei Investoren mit im Boot.
Eine Pionierleistung ist die Idee von der Monetarisierung und Datenauswertung der öffentlich geäußerten Meinungen zwar nicht. Bereitwillig ins Netz gestelltes Lob und Tadel nutzen auch der amerikanische Konkurrent Venuelabs und der in Köln sitzende Service „reputami.de“, die ähnliche Dienste anbieten. „Wir wollen die Auswertung aber noch so verfeinern, dass aus den Daten ganz konkrete Marketingkampagnen abgeleitet werden können“, sagt der Mitgründer Danny Holtschke.
Social Bots imitieren auf Twitter menschliches Verhalten
Dass es sich bei den aus den sozialen Netzwerken gefischten Daten um einen Schatz für Marketing-Fachleute handelt, davon ist Holtschke überzeugt. „80 Prozent der Kommentare entsprechen tatsächlich einem relevanten Feedback, das auch konstruktiv für die Firmen ist“, sagt der studierte Betriebswirt.
In Zukunft dürften die Datensammler aus Neukölln jedoch auch noch einige Hürden zu überwinden haben. Sogenannte Social Bots beispielsweise imitieren auf Twitter menschliches Verhalten und beeinflussen teilweise raffiniert und unterschwellig die Meinungsbildung.
Wohin die Reise in Zukunft geht, ist auch den Machern von Spotistic noch nicht ganz klar. „Wir müssen erst noch verstehen, welchen Wert wir genau für Firmen generieren können. Und welche Features noch sinnvoll erscheinen“, sagt Holtschke. „Sicher ist aber, dass wir künftig sehr viel mehr relevante Informationen erfassen werden, einfach weil sie immer genau für den einen Standort und die eine Filiale gelten.“





