Plötzlich ist all das Adrenalin, das der Körper wenige Minuten zuvor ausschüttete, verflogen. Eben holte ich noch feindliche Helikopter per Bordkanone vom Himmel. Jetzt macht sich Betroffenheit breit, als sich Captain Walker, Protagonist des Action-Spiels „Spec Ops: The Line“, dazu gezwungen sieht, einen Angreifer auszuschalten.

„Ich dachte, wir sind hier, um Menschen zu retten“, sagt er, während sein Blick in die Abendsonne Dubais schweift. Sandstürme toben am Horizont, einige Meter hinter seinem Drei-Mann-Erkundungstrupp liegt ein toter Kamerad, und man wird das Gefühl nicht los, dass Captain Walker nicht so ganz zufrieden mit seiner Rolle in diesem fremden Land, dem Verlauf dieser Mission und den Wirren des Kriegs ist.

„Spec Ops: The Line“ – das wird mit fortschreitender Spielzeit immer deutlicher – ist kein herkömmliches Actionspiel, in dem Gut gegen Böse antritt und sinnlose Ballerei regiert, sondern eine mahnende Geschichte im Vordergrund steht.

Das teuerste deutsche Videospiel aller Zeiten

Nicht nur mit diesem Konzept macht das Spiel auf sich aufmerksam: Es ist zudem das teuerste deutsche Videospiel aller Zeiten. Zwischen 30 und 40 Millionen hat die Spielefirma Yager in den Titel gesteckt – produziert wurde es in Berlin-Kreuzberg.

Die Hauptstadt ist eines der wichtigsten Zentren in Deutschland, wenn es um Computerspiele geht. Erst recht in den kommenden Tagen. An diesem Dienstag starten die „Gamestage“, bei der nicht nur die deutsche Spieleindustrie zusammenkommt, sondern auch Entwickler und Verbandsvertreter aus Irland, Israel, Malta, Polen und der Türkei nach Berlin reisen.

Die „Gamestage“ möchten die Wahrnehmung von Spielen verändern. So richtet sich die Veranstaltung nicht nur an Hobby-Zocker und Fachpublikum, sondern auch an Politiker.

Eröffnet wird die fünftägige Veranstaltung von Björn Böhning, Chef der Berliner Senatskanzlei. Zur Verleihung des Computerspielepreises, dem Höhepunkt der Veranstaltung, werden am Mittwoch rund 30 Bundestagsabgeordnete erwartet. Man versucht, die Politiker in einen Dialog mit der Spielebranche zu bringen und sie mit den Herausforderungen der Industrie zu konfrontieren.

„Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die deutsche Digitalbranche einen Fachkräftemangel hat und unser Ausbildungssystem stärker auf sie ausgerichtet werden muss, wenn Deutschland langfristig eine wichtige Rolle in der Industrie spielen soll“, sagt Michael Liebe, Koordinator der „Gamestage“.

Ein Kriegsspiel gegen den Krieg

Um solche und viele andere Themen rund um die Probleme, Herausforderungen und Trends der Spieleindustrie geht es bei den Vorträgen der „Quo Vadis“-Reihe, der Fachtagung der „Gamestage“. Unter den Rednern sind einige Gaming-Koryphäen – unter anderem Ed Fries, Mitentwickler der Xbox-Konsole.

Dass der Standort Deutschland in der Lage ist, international im Markt mitzuhalten, macht der Deutsche Computerspielepreis deutlich. In sieben Kategorien treten jeweils drei deutsche Spiele gegeneinander an. Der Höhepunkt: Die Verleihung in der Kategorie „Bestes deutsches Spiel“. Nominiert sind dort das liebevoll gezeichnete Comic-Adventure „Chaos auf Deponia“ sowie das Fantasy-Rollenspiel „Risen 2“. Und eben „Spec Ops: The Line“ vom Berliner Studio Yager, das zwischen Shooter-Einlagen eine Anti-Kriegs-Botschaft im Stile von „Apocalypse Now“ verbreiten möchte.

Wie in Francis Ford Coppolas preisgekröntem Kinofilm funktioniert das nach dem Prinzip: Gewalt zeigen, um vor ihr abzuschrecken. Mit dem Unterschied, dass die Gewalt hier durch den Spieler selbst ausgeführt wird und er die Konsequenzen seiner Handlungen spürt. „Die Spieler wissen noch nicht, dass sie ein Spiel spielen wollen, nachdem sie sich schlecht fühlen. Aber wir glauben, dass sie bereit dafür sind“, sagt Walt Williams über die Geschichte, die er für das Spiel entwickelte.

Die Rückkehr der Deutschen

Laut den Organisatoren des Deutschen Computerspielepreises funktioniert das Konzept. „Nach Auffassung der Jury entfaltet das Spiel ein Wirkungspotenzial, das einer verharmlosenden, verherrlichenden oder verrohenden Wirkung der vom Spieler ausgeführten Gewalt- und Kriegshandlungen entgegenstehen soll“, heißt es in der Begründung, warum das Spiel in der Kategorie „Bestes deutsches Spiel“ nominiert ist.

Besonders ist „Spec Ops: The Line“ auch, weil es nicht den aktuellen Trends folgt, sondern sich als klassischer Konsolen- und PC-Titel präsentiert. Ansonsten orientiert sich die Branche derzeit eher an Browserspielen und Mobile-Titeln – solche Spiele waren es auch, die Deutschland und vor allem Berlin den Aufschwung bescherten. Zuvor hatte die hiesige Spieleindustrie einen schweren Stand.

Während sich weltweit die Entwickler von einem Höhenflug zum nächsten aufschwangen und sogar Hollywood in Sachen Umsatz überholten, verlor der Standort Deutschland an Popularität. Erst mit dem Trend hin zu Games, die mobil oder im Browser gespielt werden, stärkte er seine Position auf der Weltkarte der Spieleindustrie – weil die Programmierer hierzulande den von Südkorea ausgehenden Trend zu „Free to play“-Titeln erkannten. Darunter versteht man Spiele, die online kostenlos angeboten werden und sich durch den Verkauf von Gegenständen und Boni im Spiel sowie Werbung finanzieren.

Mit dem Pudding Knochen sammeln

In Berlin sitzen Studios wie Wooga, die sich auf die Entwicklung mobiler Spiele spezialisiert haben. Und die Berliner Firma kunst-stoff wird für ihre Arbeit nun sogar mit einer Nominierung in der Kategorie „Bestes Browsergame“ belohnt.

In kunst-stoffs Spiel „The Great Jitters – Haunted Hunt“ geht es weit weniger ernst zu, als das bei „Spec Ops: The Line“ der Fall ist. Statt Spezialeinheiten steuert man einen Wackelpudding, statt komplexer Spielphysik klickt man gemütlich mit der Maus auf den Bildschirm, um die Rangliste des Facebook-Spiels zu erklimmen. Trotzdem: So ein bisschen gruselig soll diese entfernte „Pac Man“-Variante schon sein. Es kommt auf Geschicklichkeit und Reaktionsfähigkeit an.

Der Wackelpudding mit den Glubschaugen fährt über eine Geisterbahn, sammelt bei seiner wilden Fahrt goldene Knochen ein, die Punkte bringen, und versucht den spukenden Ungeheuern zu entwischen. Dafür modifiziert der Spieler das Schienengerüst, auf dem sich alle Geisterbahn-Bewohner bewegen. Mit einem Mausklick lassen sich Weichen umstellen und sowohl Gegner als auch Wackelpudding in andere Richtungen lenken. Wenn man dann doch mal auf ein fieses Skelett trifft, kann man auf Karnevalströte oder Pappkarton zurückgreifen, um es in die Flucht zu schlagen und weiter Punkte zu sammeln – Spaß für die Mittagspause.

Von Schafen und Drachen

Spielerisch simpel, aber inhaltlich ernst sind die Spiele, die in der Kategorie „Serious Games“ nominiert sind. Dabei handelt es sich um Titel, die darauf setzen, spielerisch Wissen zu vermitteln – gleich zwei Firmen aus dem Berliner Umfeld sind dafür nominiert: „Menschen auf der Flucht“ ist eine Art Adventure-Spiel, bei dem man interaktiv die Stationen eines Flüchtlings aus Afrika miterlebt.

Das katholische Hilfswerk missio und die Potsdamer Entwickler Serious Games Solutions haben das Spiel entwickelt, um die Probleme, die Bürgerkriege in zerrütteten Ländern anrichten, emotional erlebbar zu machen. Das Spiel ist im Truck, mit dem das Hilfswerk in ganz Deutschland unterwegs ist, erlebbar – auch im Rahmen der „Gamestage“.

Sehr viel milder, aber dennoch voll von Wissen ist das Spiel „Junior Ranger“, entwickelt von der Naturschutz-Organisation Europarc Deutschland, die ihren Sitz in Berlin-Mitte hat. Mit Hilfe eines typischen Adventure-Spiels sollen Schüler spielend etwas über Naturschutzgebiete wie Wattenmeer oder Mittelgebirge lernen. Dafür steuert man seine Comic-Figur per Maus über den Bildschirm, unterhält sich mit „Rangern“ und erfüllt Aufgaben im Namen der Natur. Zwischendurch gibt es Film-Einblendungen und Quiz-Spiele.

Mit der Zeichentrick-Aufmachung werden Kinder angesprochen, die so nebenbei lernen, dass das Drachensteigen in Gebieten, wo seltene Vögel sind, keine gute Idee ist, weil das Fluggerät als Raubvogel wahrgenommen wird. Und dass oft Schafe auf Deichen grasen, weil sie mit ihren Hufen den Boden fest trampeln.

„Viele Naturschutzorganisationen weigern sich, mit Spielen die Jugendlichen für Naturschutzthemen zu begeistern“, sagt Jan Wildesfeld. „Dabei bietet sich dieses Medium dafür an. Was soll falsch daran sein, die Kinder zu unterhalten und gleichzeitig Wissen über die Natur zu vermitteln?“ Mehr als zwei Jahre arbeitete Wildesfeld am Konzept für das Spiel. Das Bundesamt für Naturschutz förderte es. Im nächsten Schritt des Projekts möchte er das Spiel mit Erdkunde-Lehrplänen abstimmen.

Kunst, Spiele, Party

Fortschrittliche Bildungseinrichtungen haben längst erkannt, dass sie mit dem neuen, früher oft kritisch beäugtem Medium ganz andere Möglichkeiten haben, Wissen zu vermitteln. Der Computerspielepreis versucht diese neue Wahrnehmung von Games bewusst zu fördern – mit einer entsprechenden Preis-Kategorie.

Im Fokus der „Gamestage“ steht auch ein für Berlin typisches Merkmal: das Independent-Festival „A MAZE“. Dort treffen sich junge Spieleentwickler und verbinden Kunst, Spiele und Musik miteinander. „A MAZE ist kreativ, künstlerisch. Da geht es nicht nur um Vorträge, sondern um ein mediales Festival und auch Party“, sagt „Gamestage“-Koordinator Michael Liebe.

Im Gegensatz zu anderen Treffen versteht sich „A MAZE“ nicht als Netzwerk-Sprungbrett zu großen Firmen, sondern zelebriert geradezu die kleineren, unabhängigeren Entwickler. „Die Teilnehmer leben diese Do-it-yourself-Einstellung, die perfekt in diese Stadt passt“, sagt Liebe. „So eine Veranstaltung kann man nur hier in Berlin durchziehen.“