Investoren

Millionen für Berliner Hochtechnologie

Berlin ist die Nummer eins unter den Investitionsstandorten des Hightech-Gründerfonds HTGF. Bayern fällt auf Platz drei zurück.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Die Hauptstadt ist der wichtigste Investitionsstandort des Hightech-Gründerfonds (HTGF). 29,5 Prozent der Investitionszusagen (7,4 Millionen Euro) flossen im vergangenen Jahr in die Hauptstadt. Der langjährige Spitzenreiter Bayern liegt in der Statistik nur noch auf Platz drei (15,9 Prozent) hinter Nordrhein-Westfalen, wohin 20,5 Prozent der Investitionssumme flossen. Das sagte HTGF-Geschäftsführer Alex von Frankenberg der Berliner Morgenpost. Der HTGF investiert in junge Hightech-Unternehmen.

Berlin ist zudem einer der erfolgreichsten Standorte des HTGF. 49 Start-ups wurden seit der Gründung im Jahr 2005 gefördert. Nur vier gingen in die Insolvenz, vier wurden verkauft, 41 Investitionen laufen noch. Im Durchschnitt ist die Ausfallquote höher. In der Hauptstadt verzeichnete der HTGF zudem eine hohe Wachstumsrate: Im Jahr 2006 hatten Gründungen in Berlin nur einen Anteil von zwölf Prozent an der gesamten Investitionssumme. „Diese Zahl haben wir fast verdreifacht“, sagte Frankenberg mit Stolz.

Der größte Teil der Berliner Investments sind mit 60 Prozent Software-Unternehmen. Jeweils weitere 20 Prozent entfallen auf Medizin- und Biotechnologie sowie auf Hardware-Start-ups – letztere insbesondere aus dem Energiesektor. „Der öffentliche Eindruck täuscht“, sagte Frankenberg mit Blick auf die sehr präsenten Consumer-Start-ups aus Berlin. Es gebe auch zahlreiche Hochtechnologie-Start-ups.

Die Berliner Sopatec GmbH ist ein typisches HTGF-Start-up: ein junges Unternehmen aus dem Hochtechnologiebereich, Gründer mit Ingenieurswissen und ein Projekt mit hoher Relevanz für die Industrie. Das Unternehmen entwickelte eine Sonde als Werkzeug für die Prozesstechnik – eine Art industrielles Endoskop, mit dem man in Reaktoren hineinsehen und chemische Reaktionen optimieren kann.

Ausgestattet mit Lichtquelle und Mikroskopkamera, liefert die Sonde Bilder aus dem Reaktor – beispielsweise bei der Waschmittelherstellung, wo es wichtig ist, die Körnung des Pulvers zu beobachten. Eine Software analysiert die aufgenommenen Bilder und überträgt die erfassten Daten in Tabellen. „Unsere Software arbeitet wie das menschliche Gehirn und filtert Informationen heraus, die für den Prozess wichtig sind“, sagt Gründer Sebastian Maaß.

Sopatec will Personal aufstocken

Bei seiner Dissertation im Jahr 2011 war ihm aufgefallen, dass es für manche Probleme keine Messtechnik gab. Anfang 2012 gründete er seine Firma, in der inzwischen neun Fachleute arbeiten. Der Anfang war für Maaß schwer. Er hatte keine Projektstelle und musste mit Auftragsforschung Geld einwerben. Sein Doktorvater habe ihn seinerzeit ausgezeichnet unterstützt und in seinem Projekt bestärkt, sagt er.

„Die Unterstützung durch den HTGF gibt uns die planerische Sicherheit, so dass wir Informatiker und Marketing-Fachleute einstellen können“, sagt Maaß. „Wir müssen die Hardware verbessern und nach der Zertifizierung in den Industriemarkt reinkommen.“

Die Größe der Berliner Start-up-Szene habe sich eine kritische Masse erreicht, sagt der HTGF-Geschäftsführer. Niedrige Löhne und geringe Lebenshaltungskosten sowie ein großes Einzugsgebiet bis ins benachbarte Ausland hätten die Entwicklung der Start-up-Metropole vorangebracht. In Berlin herrsche das Flair des ständig in Bewegung seins. Auch das sei ein guter Nährboden für Gründer. Hinzu kämen zahlreiche angesehene Hochschulen und eine sehr aktive Forschungslandschaft.

Berlin: Europäisches Pendant zum Silicon Valley

Alex von Frankenberg geht sogar so weit, dass er Berlin langfristig als das europäische Pendant zum kalifornischen Silicon Valley sieht. Die Stadt werde von den umliegenden Start-up-Zentren profitieren, sagt er mit Blick auf den prosperierenden osteuropäischen Markt. „Dort ist der Wissensstandard der jungen Gründer sehr hoch. Es gibt ein anderes Wohlstandsniveau und deshalb auch mehr Drive unter Gründern“, lautet sein Urteil. „Die ausländischen Gründer arbeiten hart“, sagte er. Das sei ein globales Phänomen. „Auch in den USA haben viele erfolgreiche Gründer einen Migrationshintergrund.“

Der Hightech-Gründerfonds wurde im Jahr 2005 auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder gegründet. Die Politik hatte erkannt, dass Hightech-Existenzgründer unterstützt werden müssen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Auch heute noch stammt ein Großteil der Investitionssumme aus öffentlichen Kassen: 220 Millionen Euro gibt das Bundeswirtschaftsministerium, 40 Millionen die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). 41,5 Millionen Euro steuert die Industrie bei.

Trotz der starken Beteiligung des Bundes sieht von Frankenberg den HTGF als unabhängigen Finanzier. „Über die Investments des Fonds entscheiden Vertreter unserer Investoren. Das sind von seiten des Bundes erfolgreiche Unternehmer, Professoren oder Venture Capitalisten, die eine eigene Meinung haben“, sagte er.

Jedes Jahr mehr als tausend Investitionsanfragen

Der HTGF erhielt im vergangenen Jahr etwa 1100 Investitionsanfragen. Bei jeder zweiten handelte es sich um eine Empfehlung aus Netzwerken von Investoren. „Wir sprechen aber auch Gründer direkt an und haben Kontakt zu Professoren, die uns Doktoranden mit einer Geschäftsidee empfehlen“, sagt von Frankenberg. „Unser Ziel ist es, früh Potenziale zu heben.“ Maximal stehen zwei Millionen Euro pro Start-up zur Verfügung.

Der HTGF hat sich auf die sogenannte Seed-Finanzierung spezialisiert. Das heißt, dass junge Unternehmen gefördert werden, die noch nicht älter als ein Jahr sind. Diese Firmen haben oft nur eine überzeugende Idee für ein innovatives Produkt und die Überzeugung, dass es dafür einen Markt gibt. Das ist für Investoren riskant. Denn niemand weiß, ob die Gründer auch in der Lage sind, ein Produkt erfolgreich zur Marktreife zu führen.

Im Fall des Berliner Start-ups „6Wunderkinder“, das mit einer Startfinanzierung unter anderem des HTGF wachsen konnte, ist das gelungen. „Es ist sehr beeindruckend, wie viele Nutzer diese App inzwischen gefunden hat“, sagt der HTGF-Geschäftsführer. Das Unternehmen hatte zuletzt die Zahl von 3,5 Millionen genannt. „Anfangs hatten sie nicht einmal ein Produkt, dann haben sie aber schnell Fortschritte gemacht.“

HTGF stockt Investment in „Outfittery“ auf

Ob das mit den aktuellen Projekten genauso klappt, muss sich zeigen. Der HTGF hatte kürzlich seine Investition in das Berliner Start-up „Outfittery“ aufgestockt – eine Plattform für Leute, die sich modisch kleiden wollen, aber keine Lust zum Einkaufen haben. Beraterinnen stellen Outfits für ihre Kunden zusammen und bieten sie Online zum Kauf an.

Die aus Hamburg stammende Flohmarkt-App „Stuffle“ könnte das nächste Erfolgsmodell des HTGF werden. Nutzer können ihren Krimskrams, den sie nicht mehr brauchen, fotografieren und in der App zum Kauf anbieten – wie auf einem echten Flohmarkt, nur dass der Händler nicht in der Kälte auf seine Kunden warten muss. Das Konzept dieser App sei Erfolg versprechend, weil es etablierte Strukturen aufbreche, sagt Alex von Frankenberg.

Der Verkäufer müsse keine Kleinanzeige mehr aufgeben und der Kunde müsse nicht mehr zum Flohmarkt gehen. Dieses Gewohnheiten unterbrechende (im Fachjargon: disruptive) Element gilt gemeinhin als ein Erfolgskriterium für Internet-Start-ups. Spielerische Elemente und eine niedrige Hürde bei der Anwendung der App könnten diesen Effekt begünstigen.

Roboter sind nächster großer Trend

Consumer-Apps wie „Outfittery“ oder „Stuffle“ sind nur ein Nebengeschäft des HTGF. Alex von Frankenberg sieht ein Potenzial für Anwendungen in der Medizintechnik, die Geld sparen und Leben verlängern. „Auch Robotic wird ein ganz großer Trend. Aber das wird noch sehr lange dauern“, sagt er und stellt sich Roboter vor, die kranken Menschen das Essen bringen und die Wohnung aufräumen.

Niemand weiß, wie lange das dauert. Oft sind es die Überraschungen, die die Welt verändern. „2007 gab es noch kein iPhone und Apps waren unbekannt“, sagt von Frankenberg. „Dann hat sich das mobile Web sehr schnell entwickelt und das Verhalten der Nutzer hat sich geändert.“