Erst tröpfelnd, dann immer heftiger entlädt sich der Himmel über dem Süden der Stadt. Einmal sei ein Blitz eingeschlagen, beim Start, direkt neben einem Wagen, erzählt Heiko Lingk, der gut gelaunte Pressemann der Trabrennbahn Mariendorf. „Aber die Jockeys sind harte Kerle.“ Die Bahn, brauner Sand auf 1,4 Kilometern, verfärbt sich dunkel und Schlamm spritzt von den Reifen der Sulkys. Die wenigen Besucher haben sich ins Innere des Tribünenhauses verzogen. Die Szenerie hat etwas Trostloses.

Ein Stück weiter bereitet sich Ines Kubatzki auf ihr Rennen vor. „Beißt“ steht in weißer Kreideschrift an einer der Pferdeboxen. Wie ein harter Kerl sieht Kubatzki nicht aus: Pferdeschwanz, Sommersprossen, verschmitztes Lächeln. Ein bisschen schüchtern, die Aufmerksamkeit scheint ihr unangenehm zu sein. „Ich muss zum Aufwärmen“, sagt sie und trabt auf einen Trainingswagen Richtung Strecke. Als sie wiederkommt lächelt sie. Ihr Gesicht ist braun gesprenkelt.

Ines Kubatzki hat einen außergewöhnlichen Beruf. Die 36-Jährige arbeitet als professionelle Trabrennfahrerin. Unter der Woche kümmert sie sich um die Pferde ihres Arbeitgebers, am Wochenende fährt sie Rennen. Mit zwölf Jahren entdeckte die gelernte Pferdewirtin während eines Praktikums ihre Liebe zu den Vierbeinern. Die Geschwindigkeit im Trab, bis zu 50 Kilometer pro Stunde, dazu der besondere Renncharakter in den Sulkys faszinierten sie. Die Tiere sind ihr Leben geworden. „Was man den Pferden gibt, das bekommt man auch wieder zurück“, sagt sie. „Noch 20 Sekunden bis zum Start!“. Kubatzki reiht sich mit High Roller, einem dunklen Traber-Hengst, hinter dem Startauto ein.

Zu 80 Prozent, sagt sie später, hänge die Platzierung vom Pferd ab. Als die Strecke freigegeben ist, setzt sie sich sofort an die Spitze. Kurz darauf verfällt High Roller in den Galopp – Disqualifikation. Beim zweiten Rennen mit Emmylou läuft es besser. Der Kommentator fiebert mit: „Adraline an der Spitze führt. Emmylou kommt jetzt frei, setzt noch einmal nach. Aber Adraline hat einen komfortablen Vorsprung, den rettet er ins Ziel. Dann Emmylou. Gaaanz enge Geschichte!“

Es brauchte Zeit, bis Ines Kubatzki sich im Trabrennsport Respekt verschaffen konnte. Circa 19 von 20 Fahrern sind männlich. Sie, „die Kleene“, wurde anfangs oft belächelt. Doch ihr Talent, auch mit scheinbar schwachen Pferden gute Platzierungen einzufahren, ließ sie in der Hierarchie steigen. „Wenn man sich einmal durchgesetzt hat, wird jeder im Rennen akzeptiert, egal ob Frau oder Mann“, sagt sie.

Ihr zweiter Platz mit Emmylou an diesem Tag ist eine starke Leistung. Die Stute galt nicht als Favorit. Doch gerade mal 500 Euro Preisgeld kassiert der Besitzer. Kubatzki erhält keine Prämie, ihr Gehalt bekommt sie für die Pflege der Pferde. Die Zeiten sind schwer geworden für den Trabrennsport. Die Bahn in Mariendorf dokumentiert das. Ihre Blütezeit hatte sie in den Jahrzehnten nach der Gründung 1913. Der jüdische Verleger Bruno Cassirer investierte viel Geld in die Anlage. Tausende Berliner wurden vom Wettfieber, dem „Toto-Teufel“, gepackt. 1933 musste Cassirer fliehen und die Nationalsozialisten übernahmen die Bahn. Bis 1945 blieb sie in Betrieb. Das Wettvergnügen sollte die kriegsgebeutelte Bevölkerung ablenken.

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Seit den 90er-Jahren gehen die Einnahmen zurück. „Es ist einfach eine Randsportart“, sagt Pressesprecher Lingk. Nur ein paar hundert Menschen haben sich in die laut Slogan „grüne Oase Berlins“ verirrt. Die Harrfarbe grau dominiert. Die Fahrer, rüstig und kräftig, wirken in ihren verspielten Renn-Outfits wie aus der Zeit gefallen. Lediglich das Deutsche Traber-Derby, das jeden August stattfindet, erinnert noch an glanzvolle Zeiten.

Auch Ines Kubatzki ist skeptisch, wenn sie an die Zukunft denkt. Zu wenige Einnahmen, zu wenig Berichterstattung. Im letzten Monat wurde der Trabrennfahrer Bernd W. wegen Totschlags an seiner Frau verurteilt. Die Berliner Zeitungen berichteten. „Es wäre schön, wenn unser Sport auch mal sportlich Schlagzeilen machen würde“, sagt sie. Von ihrem Rennen wird am nächsten Tag nichts in der Zeitung stehen.

Zur Person

Ines Kubatzki wurde am 20. Juli 1975 im brandenburgischen Rüdersdorf geboren. Nach ihrem Realschulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Pferdewirtin in Karlshorst. In knapp 3.000 Rennen als Trabrennfahrerin gelangen ihr bislang 173 Siege und 1.265 Platzierungen, das heißt Endpositionen auf den Plätzen eins bis vier. Insgesamt fuhr die 36 Jahre alte Pferdewirtin dabei eine Summe von 267.000 Euro Preisgeld ein. Ines Kubatzki ist ledig und lebt zusammen mit ihrem Jack-Russel-Terrier-Mischling Kiwi.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).