Ich bin ein Berliner

Dr. Korinna Jöhrens, die Pathologin

| Lesedauer: 5 Minuten
Michael Bee (Text) und Massimo Rodari (Fotos)

Foto: Massimo Rodari

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Pathologin Dr. Korinna Jöhrens.

Im Keller liegen die Leichen. Hinter Edelstahltüren reihen sie sich unter weißen Laken aneinander. Am linken Zeh, einem Knubbel wie aus gelben Gummi, hängt ein Zettel mit Name und Alter. Der Prosektor – der Mann, der die Toten aufschneidet – flucht ein wenig, als beim Transport die Bahre mit der Leiche an die Aufzugstür stößt, der linke Zeh wackelt hin und her.

Die Kühlung dröhnt, die Luft steht, nach Tod riecht es nicht. Eigentlich, so könnte man meinen, ist hier alles wie im „Tatort“. Nur dass es nicht um Schusswunden oder Messerstiche geht, sondern um natürliche Todesursachen. Und ganz besonders um den Kampf gegen den Krebs.Zwei Stockwerke über dem Keller im Institut für Pathologie der Charité in Mitte drückt Dr. Korinna Jöhrens ihr Gesicht ans Mikroskop. Von toten Menschen ist in ihrem hellen, freundlichem Büro nichts zu sehen.

Auf dem Weg zu der 45-jährigen Pathologin haben sich die Körper mit ihren Gliedmaßen, Geschwüren und Organen verwandelt. Sie sind jetzt hauchfeine Scheiben mit zartblauen Flecken, das Ergebnis aufwendiger Präparationsarbeiten. Unter dem Mikroskop werden die vier Mikrometer dünnen Gewebeschichten zu gewaltigen, psychedelischen Landschaften. Diese Proben muss sie analysieren und interpretieren.

„Ich muss bestimmen, was noch gesund und was schon krank ist, was gutartig oder eben bösartig ist“, sagt sie. Eine medizinische Spurensuche auf der Ebene von Zellen und Molekülen, bei der die Patienten meist nur als Nummer auftauchen und der Arzt nur selten zum Helden wird. „Ich setze mich weniger mit dem Tod auseinander, sondern damit, was in dem Patienten vorgeht“, sagt sie.

„Der Pathologe weiß alles, kann alles, kommt aber immer zu spät“, zitiert Dr. Jöhrens einen alten Mediziner-Witz.

Doch an diesem Witz ist so ziemlich alles falsch: Denn sie und ihre Kollegen sind ganz sicher nicht allwissend, kommen aber jederzeit genau richtig. „Wir arbeiten fast ausschließlich am Material lebender Patienten“, sagt sie. Zum Beispiel beim sogenannten Schnellschnitt, der noch während einer Operation angefertigt wird. Innerhalb von Minuten muss sie entscheiden, wie weit etwa der Tumor bereits vorgedrungen ist, wo das Skalpell angesetzt werden muss. Sie soll mit ihrem Wissen dafür sorgen, dass der Chirurg bei der Operation die richtigen Entscheidungen trifft und die richtige Therapie eingeleitet werden kann.

Im Erdgeschoss herrscht Hochbetrieb. Im Minutentakt treffen die Gewebeproben ein, werden sortiert und mit Barcodes versehen. Unter hellem Licht filetiert der Assistent der Pathologin einen Uterus, ein Kollege bepinselt ein faustgroßes Brust-Karzinom mit grüner Farbe. Zwischendurch wird gescherzt und gelacht. Das ganze geschieht beinahe im Akkord, wie in einer Manufaktur, mit dem Menschen als Rohstoff. „Diese Arbeit beansprucht einen so sehr, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, dass man es mit dem Material lebender Patienten zu tun hat“, sagt Dr. Jöhrens.

Im Alltag ist das anders: Nach 17 Jahren in der Pathologie hat sich ihr Blick auf die Welt verändert. Trifft sie auf der Straße auf Raucher und Übergewichtige, sieht sie die schwarzen Lungenflügel und kaputten Kniegelenke vor sich. Gewissermaßen eine Berufskrankheit. Ihr Institut ist ein geschäftiger Ort, eine Art Krankenhaus ohne Patienten und Angehörige, in dem das Leid, die Angst, die Hoffnung ausgeblendet wird. Vermisst sie nicht den direkten Kontakt mit den Menschen? Das persönliche Gespräch? „Ich habe während des Studiums festgestellt, dass ich Schwierigkeiten habe, mit dem Leid anderer Menschen umzugehen“, sagt Dr. Jöhrens. Eine Krebsdiagnose mitzuteilen, den Patienten angemessen zu begleiten – das könne sie nicht, das würde sie zu sehr mitnehmen.

Aber sie wolle helfen: aus der Ferne, mit einem gewissen Abstand und mit wissenschaftlicher Hartnäckigkeit. Deshalb habe sie sich im Studium für die Pathologie entschieden. Und muss deshalb auch ein Stück weit auf die positiven Seiten des Mediziner-Lebens verzichten: die entwarnende Diagnose, die unerwartete Heilung, die überraschenden Erfolge. Auch das bekommt sie dann nur aus der Ferne mit.

Zur Person:

Dr. Korinna Jöhrens stammt aus Dahlem, ist 45 Jahre alt, verheiratet, hat eine 18-jährige Tochter, und ist Oberärztin am Institut für Pathologie der Charité in Mitte. Ihr Spezialgebiet ist die Hämato-Pathologie, bei dem sie sich besonders dem Lymphknotenkrebs widmet. Sie absolvierte ihre medizinische Ausbildung, ihre Zeit als Ärztin im Praktikum und Assistenzärztin, am Virchow-Klinikum in Wedding, arbeitete zwischendurch in Frankfurt am Main, bevor sie wieder zurück nach Berlin kam. Dr. Korinna Jöhrens lebt in Lichterfelde.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).