Ich bin ein Berliner

Hauptsache, die Kugel rollt - Ewald Rathje, der Kegler

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Foto: Massimo Rodari

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Kegler Ewald Rathje.

Manchmal hilft auch im Kegelsport nur noch die Einnahme verbotener Substanzen. Die Masche ist verpönt und widerspricht allen Tugenden der Sportskameraden. Für Ewald Rathje jedenfalls käme es nie in Frage. In Fachkreisen aber kursieren wilde Gerüchte, teils sei es sogar gängige Praxis: Wer vor dem Meisterschaftsspiel Knoblauch isst, könne sich an der Bahn den entscheidenden Vorteil verschaffen. Man kommt sich schließlich sehr nah beim Griff nach der Kugel. "Wenn der Gegner dann die Knoblauchfahne ins Gesicht kriegt, wird der auch schon mal umgehauen", sagt Ewald Rathje. Der 76-Jährige hat in seiner Kegelkarriere auf derlei schmutzige Tricks verzichtet - und hat es dennoch weit gebracht. Er wurde mit seinem Spandauer Verein deutscher Vize-Meister. Und war über Jahrzehnte in den oberen Spielklassen dabei. Das Holz hat es gut mit ihm gemeint.

Immer dienstags wird Vereinsvorsitzender Rathje zwangsweise zum Exil-Berliner. Dann fährt er mit dem Bus von Spandau ins Brandenburgische, nach Hennigsdorf. Die letzte Spandauer Kegelbahn nämlich machte 2001 dicht, oder besser: Sie ging mit der Zeit. Aus der Kegelbahn wurde eine Bowling-Arena, das verspricht ein jüngeres Publikum. Großer amerikanischer Volkssport mit Rippchen, Lichtshow und Lagerbier wird dort geboten. Die Spandauer mussten umziehen und fanden in der Gaststätte "Fair Play" eine neue Heimat. Ein Laie mag einwenden: ob Bowling oder Kegeln - Hauptsache, die Kugel rollt. Ewald Rathje sagt: "Da sitzt man mehr rum als das man wirft. Das ist mir zu langweilig." In der geduckten Halle mit acht Bohlen fallen die Kegel im Sekundentakt. Von seiner Kommandobrücke aus, im Rücken der Sportler hinter einer Scheibe, betrachtet Erwin Rathje die blinkende Anzeigentafel: 7 8 6 8. Kein schlechter Lauf.

Vor ihm stehen die orangefarbenen Bedienkonsolen mit erstaunlich vielen Knöpfen und erinnern an die Kulisse eines Science-Fiction-Films aus den 70er-Jahren. Dutzende Pokale funkeln ihm aus einer Vitrine entgegen. An den Lampenschirmen hängt Lametta in Form von Palmblättern. Erwin Rathje sagt: "Beim Kegeln geht's um Gemeinschaft, um Geselligkeit, um unsere Bingo-Abende und Skat-Turniere, um unsere Radtouren und Busfahrten." Und natürlich geht es ihm um die sportliche Herausforderung: "Man will gut sein, man will in der Bundesliga spielen", sagt er.

Dennoch leidet der Sport unter seinem Image. Die Bandbreite der Vorstellungen bewegt sich wohl zwischen bierseligen Altherrenrunden und Kindergeburtstagen: Kegeln als ein reichlich angestaubtes Freizeitvergnügen "für jung und alt", wie es in den Vereinsbroschüren heißt. Diese Klischees haben mit Sportkegeln nicht viel zu tun. Bei Ligaspiele müssen in schneller Folge 120 Würfe mit der etwa 2,8 Kilo schweren Kugel absolviert werden. In der Hoffnung auf eine Neun und mit der Angst vor der "Ratte". So nennen die Spandauer Kegelfreunde einen Fehlwurf, der von der Bohle in die Rinne fällt. Es ist eine schweißtreibende Angelegenheit, die Ausdauer und Konzentration verlangt. Drei, vier Mollen vor dem Wettkampf wären dem Erfolg nicht gerade zuträglich, sagt Ewald Rathje.

Doch nur wenige teilen seine Faszination. "Wir sind auf dem absteigenden Ast", sagt er. Der Nachwuchs bereitet ihm Sorgen, niemand wolle sich mehr dauerhaft in einem Verein binden, die Konkurrenz zu anderen Sportarten sei riesig. Mittlerweile nimmt er die Entwicklung gelassen, schließlich hat er sich lange genug gegen den Trend gestemmt. Seit 38 Jahren ist er Vereinsvorsitzender, schon als Jugendlicher verdiente er sich auf der Bahn sein Taschengeld. In einer Zeit vor den automatisierten Anlagen, als die Kegel noch per Hand aufgestellt wurden. "Manchmal ein Knochenjob", sagt er.

Heute zählt sein Verein nur noch 16 aktive Mitglieder. In Berlin gibt es laut Landesverband 2770 Sportkegler, deutschlandweit sind es etwa 123.000. Aber dann wären da noch die Freizeitkegler, die der Deutsche Kegler- und Bowlingbund auf sagenhafte 15 Millionen schätzt. Das Potential wäre also da für eine Renaissance.

Zur Person:


Ewald Rathje, 76 Jahre alt, gebürtiger Spandauer, verheiratet, eine Tochter, ist seit 38 Jahren Vorsitzender der Vereinigten Kegelfreunde Concordia 21 Spandau. Der Maschinenbauer arbeitete über 40 Jahre in den Spandauer Hudson Textilwerken, zuletzt als Schichtleiter und in der Hausverwaltung. 1976 wurde er auf der Bohle mit mit seinem Verein Deutscher Vize-Meister. Vor fünf Jahren hat er sich aus dem aktiven Kegelsport zurückgezogen.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).