Ich bin ein Berliner

Frank Hellberg - der Rosinenbomber-Retter

| Lesedauer: 5 Minuten
Michael Bee

Foto: Massimo Rodari

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Frank Hellberg.

Kaum vorstellbar, dass dieses Wrack je wieder fliegen wird: Die Flügel sind gestutzt, die Nase amputiert, die Triebwerke fehlen. Risse ziehen sich durchs Cockpitfenster, im Passagierraum klaffen Löcher. Allerdings: Der Rumpf der Maschine ist intakt. Alle Hoffnung von Frank Hellberg lastet auf dieser leeren Hülle. „Der Rosinenbomber wird wieder abheben”, sagt der Pilot, der die Ikone retten will, nachdem sie im Juni 2010 auf einem Acker bei Selchow notlanden musste.

Bevor es aber soweit ist, wird abgerüstet und ausgeschlachtet. Eine Handvoll junger Männer in neongelben Jacken macht sich in einem Hangar des Flughafens Schönefeld am Leitwerk der Douglas DC-3 zu schaffen. Es sind angehende Flugzeugmechaniker, die strenggenommen Leichenfledderei betreiben: Die Überreste des Silbervogels sollen mit einer baugleichen Maschine aus dem englischen Coventry verschmolzen werden. Wenn denn genug Geld zusammenkommt. Frank Hellberg glaubt fest an diesen Plan.

Der Schreck der Notlandung, bei der sieben der 28 Flugzeuginsassen leicht verletzt wurden, ist längst vergessen. Weil er die Maschine und ihre Geschichte liebt. Für den Vorsitzenden des Rosinenbomber-Fördervereins geht es um diese „einmalige Story“: wie das Passagierflugzeug die Luftfahrt revolutioniert hat und noch heute Vorbild ist in seiner Form und Leistung.

„Eine der sichersten Maschinen seiner Klasse”, sagt der 51-Jährige. Geflogen ist er die DC-3 nie, ihm fehlt die Lizenz. Aber er kennt sich aus mit der Fliegerei. In der DDR schoss er als Agrarflieger über die Felder. „Einen Meter über dem Boden, bis zu 80 Starts pro Tag. Ich liebe diese Art, das Fliegen zu fühlen”, sagt Hellberg.Und natürlich geht es ihm auch um die Luftbrücke: „Diese Maschinen haben Berlin gerettet, sie haben der Hauptstadt Freiheit und Kraft gegeben.” 2,34 Millionen Tonnen Fracht wurden während der sowjetischen Blockade per Flugzeug nach Berlin transportiert, Amerikaner und Briten bestritten 1948 und 1949 knapp 280.000 Flüge.

„Eine logistische Meisterleistung“, sagt Hellberg.Der Pilot, der sich „Commander Frank“ nennt und dessen Uniform an die Kluft der damaligen US-Flieger erinnern soll, hat das kommerzielle Potential dieser „Story“ genutzt. Von 2001 bis 2010 brachte er mit seinem Unternehmen etwa 100.000 Passagiere in den Berliner Himmel, zunächst am Flughafen Tempelhof, später in Schönefeld: eine touristische Attraktion, die Flugspaß und Geschichtsstunde kombinierte.

Dazu soll es bald wieder kommen. Hellberg und Rosinenbomber-Fans haben kurz nach der Notlandung der Maschine einen Förderverein gegründet, der den Wiederaufbau organisiert und die Spendengelder eintrommeln will. 100.000 Euro fehlen noch zum Kauf des englischen Ersatzteillagers, sagt Frank Hellberg. Dann soll der Flieger mit seinem Pendant in einer Kölner Werft zusammengefügt werden.

Eine gewaltige Summe, besonders in Berlin. Das weiß auch Hellberg: „Es gibt hier so viel Geschichte, so viele Projekte, die auf Unterstützung hoffen.” Die jüngste Idee der Rosinenbomberretter: Spender können ein Stück der DC-3 symbolisch kaufen. Ein Viertel Flugzeugnase kostet 3690 Euro, ein Scheibenwischer 1010 Euro, das Antikollisionslicht 4380 Euro. Kleinere Bauteile gibt es ab 50 Euro. Ein prominenter Unterstützer wurde bereits gefunden. Der Sänger Reinhard Mey („Über den Wolken“) hat eine Flugzeugtür für 6000 Euro gekauft.

Wenn dann das Geld da ist, muss nur noch die technische Herausforderung gemeistert werden. „Schließlich geht es ja hier nicht um ein static display”, sagt Hellberg und meint damit eine am Boden klebende Flugzeugattrappe. Er dagegen will ein Passagierflugzeug im Dauerbetrieb, und dazu braucht es Zulassungen durch die Europäische Agentur für Flugsicherheit und durch das deutsche Luftfahrt-Bundesamt.Eigentlich sollte der Rosinenbomber schon zur Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER am 3. Juni fliegen.

Dieser Zeitplan ist längst gesprengt. In naher Zukunft aber soll es soweit sein, vielleicht sogar noch in diesem Jahr, sagt Frank Hellberg: „Jetzt liegt’s in der Hand der Berliner.“

Zur Person:

Frank Hellberg, 51 Jahre alt, in Wittstock/Dosse im Nordwesten Brandenburgs geboren, arbeitete bis zum Mauerfall als Agrarflieger. 1990 kam er nach Berlin und wurde zum ersten fliegenden Staureporter Deutschlands. Von 2001 bis 2010 ließ Hellberg mit seinem Unternehmen „Air Service Berlin“ den Rosinenbomber über Berlin kreisen. Zunächst am Flughafen Tempelhof, später in Schönefeld: eine Attraktion, die Flugspaß und Geschichtsstunde kombinierte. Auf der Website www.rettet-den-rosinenbomber.de sammelt er Spenden zum Wiederaufbau der DC-3.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).