„Guten Morgen, Frau Freitag.“ Es ist halb acht, als ich das Schulgebäude betrete. Fast alle Mädchen meiner Klasse stehen schon im Treppenhaus. Wir umarmen uns umständlich und grinsen uns an. Ich freue mich wirklich, sie zu sehen und habe sogar noch alle ihre Namen parat.
„Na, ihr Lieben, hattet ihr schöne Ferien?“
„War voll langweilig“, sagt Rosa. „Ich hab' nur in meinem Zimmer gesessen und gelesen.“
„Ist doch toll!“ Welche Lehrerin würde sich nicht über Schülerinnen freuen, die sechs Wochen lang lesen. „Was hast du denn gelesen?“
„Weiß ich nicht mehr.“
Es klingelt. Das Schuljahr beginnt.
Früher habe ich schon am Freitag vor Schulbeginn den Stundenplan an die Tafel geschrieben, die Tafel dann einfach nur aufgeklappt und die Schüler den Plan übernehmen lassen. Der ganze schöne Überraschungseffekt war damit in Sekundenschnelle verpufft.
Ich erinnere mich mit Schaudern daran, wie ich meiner zehnten Klasse mal einen falschen Stundenplan angeschrieben habe. Empört überfiel mich die gesamte Truppe im Lehrerzimmer. Sie hätte doch eigentlich laut Plan jetzt Deutsch, sollen aber zu Mathe gehen, wie ihnen der Mathelehrer im Vorbeigehen mitgeteilt hätte und überhaupt...
Nach langem Hin und Her stellte sich dann raus, dass ich vergessen hatte, die Mathestunde aufzuschreiben. Dadurch hatten sie nicht nur eine Mathestunde mehr, sondern montags eben auch eine Stunde länger Schule. Oh, oh, das war ein Geschrei...
Heute bin ich schlauer. Heute fange ich auch nicht mit dem an, was die Schüler am meisten interessiert – nämlich mit dem neuen Stundenplan, sondern lasse mir erst einmal ihre unterschriebenen Zeugnisse zeigen.
„Ähhhh, welche Zeugnisse?“
„Na, die vom letzten Jahr! Die müsst ihr doch immer am ersten Schultag mit der Unterschrift eurer Eltern vorzeigen.“
Und jedes Jahr ist ihnen diese Information total neu. Die eine Hälfte meiner Klasse hat ihr Zeugnis dabei, die andere Hälfte guckt mich verwirrt an. Ich notiere alles, versuche mich nicht unnötig aufzuregen und gehe zum nächsten Programmpunkt über.
Nach der Klassenlehrerstunde führe ich eine andere Klasse in die Geheimnisse der Zentralperspektive ein. Klappt auch super.
„Frau Freitag, braucht man das für Innenarchitektin?“
„Auch jeden Fall! Wenn man dafür etwas braucht, dann ist das die Zentralperspektive!“
Dilara reißt begeistert die zu stark geschminkten Augen auf: „Dann bringen Sie mir das bei! Bitte, Frau Freitag!“
„Habe ich ja vor, Dilara. Die Aufgabe steht an der Tafel. Du brauchst ein Lineal und einen Bleistift.“
„Oh, ich hab' heute gar nichts mit.“
„Wieso?“
„Na, ich wusste ja nicht.“
Im Englischunterricht unterhalten wir uns über die USA.
„Was heißt denn nun ‚capital'?“
Rosa meldet sich: „Hauptstadt.“
„Genau. And what is the capital of Germany? Hamid?“
„Hauptstadt.“
„Hamid, wenn ich dich frage, was die Hauptstadt von Deutschland ist, dann kann doch die Antwort nicht Hauptstadt sein.“
Hamid denkt kurz nach, sieht es ein und nickt. Ich starte einen neuen Versuch:
„And the capital of England?“
Volkan meldet sich.
„Ja, Volkan?“
„Obama.“
Wir sprechen über Präsidenten, den Unterschied zwischen Staaten und Städten, der ihnen neu zu sein scheint und sogar ein wenig über Martin Luther King. Volkan nimmt seinen Füller auseinander und färbt damit nicht nur sich und seinen Englischhefter, sondern auch den gesamten Tisch ein. Mit der Säuberung ist er dann den Rest der Stunde beschäftigt. Die Schüler haben sich in den letzten sechs Wochen jedenfalls nicht verändert. Ein wenig gewachsen sind sie, aber Hamid hatte immer noch keine Federtasche und Günther – der hat natürlich gefehlt.


