„Morgen geht es wieder los“, wird irgendjemand am Sonntag sagen und mich der verdrängten Realität ins Auge blicken lassen. Wie ich diesen Satz hasse. Der letzte Tag der Sommerferien ist der schlimmste Tag im ganzen Jahr. Schlecht gelaunt werde ich Stunde um Stunde verstreichen lassen, bis ich abends völlig deprimiert auf der Couch beim „Tatort“ oder Olympia einschlafe.

Der erste Schultag ist nie so schlimm wie der letzte Ferientag. Komisch, man sollte meinen, dass es genau andersrum sei. Aber der letzte Schultag ist auch viel schöner als der erste Ferientag.

Wenn man dann erst mal in der Schule ist, dann sieht die Welt gleich viel schöner aus. Dann begrüßt man freudig seine Lieblingskollegen, erinnert sich wieder an die Kollegen, die man nicht so sehr mag und an die man in den letzten sechs Wochen gar nicht mehr gedacht hat. Kurz werden die Urlaubserlebnisse verglichen. Eigentlich interessiert es gar keinen, wo man war. Fragen tut man trotzdem, denn man will ja selbst auch erzählen, dass man nicht sechs Wochen im kalten Berlin war. Dann stöhnt man: „Muss ja, muss ja.“ Und geht in seine Klasse.

Bevor die Schüler kommen, hat man schon vorsorglich den neuen Stundenplan an die Tafel geschrieben. Dann wartet man neugierig auf die Kinder. Werden die alle erscheinen? Wird Taifun wieder zu spät kommen? Von Günthers verspätetem Erscheinen kann man schon mal ausgehen, denn wenn der sich jetzt sechs Wochen lang angewöhnt hat, immer bis mittags zu schlafen, dann wird er sich von Sonntag auf Montag wohl kaum auf den Schulrhythmus umgestellt haben.

Müde werden sie auf ihren Stühlen hängen. Vielleicht sind einige von den Jungs gewachsen. Pickel werden sie haben. Pickel und schlechte Laune – schließlich beginnen wir am Montag das achte Schuljahr. Jetzt heißt es: „Nun aber schnell in die Pubertät. Wer da noch nicht drin ist, der muss sich jetzt aber ranhalten.“

Ich habe mir abgewöhnt, jeden einzelnen Schüler nach seinen Ferienerlebnissen zu fragen. Diejenigen, die verreist waren, werden es von selbst erzählen, und bei den anderen kann man davon ausgehen, dass sie sich in Berlin mehr oder weniger gelangweilt haben, da sie bei dem Wetter sicher selten im Freibad gewesen sind. „Hat jemand etwas Interessantes in den Ferien erlebt?“ reicht als Frage völlig aus. Niemand möchte von den endlosen, eintönigen Tagen vorm Computer erzählen, und hören wollen wir anderen das ja auch nicht.

Früher habe ich immer jeden einzelne Schüler genötigt, etwas aus der schulfreien Zeit zu berichten. Manche Schüler konnten gar nichts erzählen und wurden bei meinem Drängen dann auch noch sauer, weil sie sich nicht an die langweilige Zeit erinnern wollten.

Nach der ersten Stunde sind die Ferien sowieso wieder in weiter Ferne, und man macht sich gemeinsam bereit, das neue Schuljahr zu beginnen. Eigentlich sind alle traurig, dass die Ferien vorbei sind, aber irgendwie freut man sich doch, wieder mehr Struktur im Leben zu haben. Und in der Schule ist ja auch immer was los. Nach den ersten drei Tagen haben wir bereits alle vergessen, dass wir gerade Ferien hatten. Neidvoll denkt man kurz an die Bayern, die sich noch bis Anfang September langweilen dürfen, und hofft insgeheim auf eine weitere Hitzewelle im August und damit auf noch ein paar Tage hitzefrei. Spätestens am Donnerstag ist man wieder voll drin im Schulalltag:

„Frau Freitag, ich habe mein Englischbuch vergessen.“

„Ach, Mist, das Zeugnis, ja, das bringe ich morgen mit. Ja, natürlich, mit Unterschrift. Ich schwöre!“

„Bleistift? Frau Freitag, haben Sie Bleistift?“

Alles wird sein wie immer. Alltag eben. Und Alltag liebe ich. Alltag kann ich. Schulalltag fetzt definitiv tausendmal mehr als der blöde letzte Ferientag.