Berliner Perlen

Flechtstühle reparieren in Berlin: Hier gibt es Hilfe

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Franz Michael Rohm
Anke Herbst-Lax hat sich die Handwerkskunst des Flechtens selbst beigebracht.

Anke Herbst-Lax hat sich die Handwerkskunst des Flechtens selbst beigebracht.

Foto: Franz Michael Rohm

Die Berlinerin Anke Herbst-Lax hat sich die Kunst des Flechtens autodidaktisch beigebracht. Hier bietet sie Reparaturen an.

Berlin. Fünf Stühle mit teilweise heftig ramponierten Sitzflächen stehen in der Wohnungswerkstatt in Friedrichshain gegenüber vom RAW-Gelände und warten auf eine Reparatur. In Arbeit hat Anke Herbst-Lax gerade einen original alten Thonet-Stuhl aus dem späten 19. Jahrhundert. „Den hatten die Kunden günstig getrödelt und wussten gar nicht, was für einen Schatz sie gekauft hatten. Das habe ich dann gesehen, als ich das kaputte Geflecht entfernt habe“, erzählt die 53-Jährige.

Die meiste Arbeit macht in ­vielen Fällen bei der Reparatur eine unsachgemäße Fixierung des Flechtwerks. „Viele glauben, mit einer Portion Leim sei das Flechtwerk besser im Stuhlrahmen fixiert. Dabei ist das gar nicht nötig. Es kostet mich nur richtig Kraft und Nerven, das festgeklebte Flechtwerk zu entfernen“, so Herbst-Lax. Mit roten Stiften hat sie die ersten zwei Arbeitsschritte des Geflechts in den 80 kreisrund angeordneten Rahmenlöchern fixiert. In einem Wassertopf auf dem Fußboden wird das Flechtmaterial befeuchtet, um es flexibel zu halten. Es sind ­zwischen 1,8 und 2,75 Millimeter breite Fasern einer Palmenliane.

„Diese Lianen wachsen in südostasiatischen ­Urwäldern und sind zwischen fünf und sieben Meter lang. Sie werden geerntet und dann mit rasiermesserscharfen Klingen in diese dünnen Fasern geschnitten“, berichtet die Flechterin und ergänzt: „Es ist eine sehr nachhaltige Faser. In etwa sieben Jahren wachsen die Lianen nach.“

Ein filigranes Sitzgeflecht aus Lianenfasern

In ihrer kleinen Werkstatt stapeln sich mehrere Kisten mit dem asiatischen Flechtmaterial. Herbst-Lax hat lange gesucht, bis sie einen zuverlässigen Lieferanten mit gleichbleibend hoher Qualität fand. „Wenn man so jemand hat, kann man sich glücklich schätzen“, sagt sie.

Zur Kunst des Rohflechtens kam sie über Umwege. Geboren in Göttingen, machte sie Anfang der 1990er-Jahre eine Ausbildung als Tischlerin in der niedersächsischen Universitätsstadt. „Mein Gesellenstück war ein Sekretär. Ich hatte etwas Holz übrig, und wollte noch einen Hocker für den Sekretär machen. Aber das Holz reichte nicht für eine Sitzfläche. Ein Kollege brachte mich auf die Idee einer geflochtenen Sitzfläche und zeigte mir gleich noch, wie das klassische Wiener Muster funktioniert. Ich habe etwas geübt, und festgestellt: Das liegt mir.“ Bei dieser Technik werden insgesamt sechs Lagen des Rohrgeflechts senkrecht, waagerecht und diagonal zu einem Sternmuster im einer ans Weben erinnernden Technik verbunden.

Allerdings lag der ausgelernten Tischlerin ihr Beruf langfristig nicht. So zog es sie Mitte der 1990er-Jahre nach Berlin. Anke Herbst-Lax ­studierte Sozialpädagogik an der Fachhochschule für Sozialarbeit Alice Salomon und spezialisierte sich nach dem Studium auf die Arbeit mit abhängigen Menschen. „Geflochten habe ich dann gar nicht mehr, ich war stattdessen mit Einzelpersonen und Gruppen in der Suchtarbeit tätig.“ Eine spannende und herausfordernde Arbeit.

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"Es gibt in Berlin nur noch ganz wenige Flechter"

Nach mehr als 20 Jahren brachte ein Besuch im Schloss Sanssouci einen neuen Impuls zum Flechten. „Ich habe dort einen Rokokostuhl mit geflochtener Rückenfläche gesehen. Das war der Anstoß, mich wieder mit dem Thema zu beschäftigen. Zuerst privat, dann kamen erste Anfragen aus dem Freundeskreis.“ Es folgte die Überlegung, ob das eine Ergänzung zur sozial­pädagogischen Arbeit sein könnte. Über die Plattform Nebenan.de startete sie ein kleines Gewerbe. „Der Erfolg war beeindruckend. Es gibt in Berlin nur noch ganz wenige Flechter. Ich habe dann meine Stunden in der Suchttherapie reduziert und das Flechten kontinuierlich ausgebaut.“

Etwa zehn Stunden pro Woche verwendet sie darauf. „Es ist eine wunderbar kontemplative Beschäftigung, ich höre dabei Radio, Musik, Podcasts und entspanne, während ich die Spannung und Elastizität ins Geflecht bringe.“ Den Preis für eine neu geflochtene Sitzfläche berechnet sie nach der Anzahl der Löcher im Holz, durch die geflochten wird. Ein Stuhl kostet in der Regel zwischen 130 und 150 Euro.

Die kleine Stuhlflechterei Revaler Str. 16, Friedrichshain, Tel. 0171/711 07 21, www.stuhlflechten-berlin.jimdofree.com

Designer-Möbel und Unikate – eine Auswahl

  • Kentholz Unikate aus gebrauchtem Holz, Schnellerstr. 1–5, Niederschöneweide, Besuch der Werkstatt nur nach Anmeldung, Tel. 0176/30 64 16 02
  • stilraumberlin Neue und gebrauchte Möbel, Lampen und Wohnaccessoires, Eldenaer Str. 21, Friedrichshain, Tel. 46 79 48 57, Mo.–Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 11–18 Uhr, stilraumberlin.de
  • Modus Möbel Designer-Möbel, Wielandstr. 27, Charlottenburg, Tel. 889 15 60, Mo.–Fr. 10–18.30 Uhr, Sbd. 10–18 Uhr, www.modus-moebel.de
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