Ein süßes Stück schwedischer Tradition zieht uns nach Friedrichshain. In jene Gegend rund um das Ostkreuz und die Boxhagener Straße, die junge Leute mit Ideen gerade für sich entdecken. „Der Kiez entwickelt sich sehr positiv“, ist Daniel Lippert überzeugt. Gemeinsam mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Kajsa Molin hat er 2011 an der Wühlischstraße einen beruflichen Neuanfang gewagt. Typisch skandinavische, überwiegend schwedische Süßigkeiten gibt es im Laden „Herr Nilsson Godis“, einem kleinen Stück Heimat für Neuberliner aus Skandinavien. Seit 2012 kann man das angebotene Sortiment auch online bestellen.

„Godis“ prangt in großen Lettern im Ladenraum – das schwedische Wort für Süßigkeiten. Die gibt es dort in allen möglichen Varianten auf 15 Quadratmetern. Die Einrichtung ist ein Mix aus jugendlich-modernen und gemütlichen Elementen mit einer Prise Krämerladen-Charme. Kleine bunte Wandregale, gepolsterte Sitzbänke, große bauchige Bonbongläser. Für Überraschung sorgen Retrostücke wie die Kreation des dänischen Künstlers Kay Bojesen aus den 50er-Jahren, ein Spielzeugaffe aus Holz. Der passt zum Laden wie der typisch schwedische Name „Herr Nilsson“, den viele mit Astrid Lindgrens Kinderbuchheldin Pippi Langstrumpf verbinden. „Das Äffchen auf unserem Logo ist unsere Eigenkreation“, sagt Daniel Lippert und deutet auf damit bedruckte Tüten zum Verpacken der etwa 200 verschiedenen Leckereien.

150 Sorten von Kultnaschwerk in loser Form

Die sind allesamt Originalware und werden ständig nachgeliefert. 150 Sorten in loser Form, sogenannte Lösgodis, lagern akkurat sortiert in Plastikbehältern auf langen Holzregalen. Da gibt es Kultnaschwerk wie die schwedischen Hallonbatar (Himbeerboote) und Pastellfiskar (Pastellfische) oder Schneebälle aus Karamell. Wer es herb mag, greift nach den sauren Seesternen (Sura Sjöstjärnor) oder sauren Totenköpfen (Sura Skallar). Traditionelle dänische Schokofanten fehlen ebenso wenig wie die extrem salzigen Lakkris Djöflar (Lakritz-Teufelchen) aus Island oder finnische Tyrkisk Peber mit Salmiak-Pfeffer-Füllung – in Wodka aufgelöst ein Party-Geheimtipp.

„Lakritze ist bittersüß, fettfrei und gesundheitsfördernd“, so Lippert, für den der vollständige Verzicht auf Süßes unnötig ist. Eltern quengelnder Kinder rät er zu kleinen Mengen. Sie nach dem Selbstbedienungsprinzip zu mischen, ist ein Riesenspaß, der Einheitspreis von 1,60 Euro pro 100 Gramm einfach zu merken. Über Inhaltsstoffe informieren beschriftete Schilder. Die Abkürzung „V“ etwa steht für vegan, „Gl“ für glutenfrei. Die Farbstoffe sind ausschließlich natürlich. „Schweden ist Spitze beim Verbot synthetischer Lebensmittelfarben“, erklärt der 34-jährige Geschäftsinhaber.

Schwieriger Start in die Selbstständigkeit

Der Start in die Selbstständigkeit war keineswegs einfach, die Suche nach Geschäftsräumen eine erste Hürde. Kajsa Molin, gebürtige Schwedin aus Göteborg, und der im ländlichen Süddeutschland aufgewachsene Sohn eines Norddeutschen und einer Schweizerin waren in der Hotelbranche tätig, als sie sich vor 14 Jahren in einem Schweizer Ferienort kennenlernten. „Der war für mich ein Zwischenstopp in meinem Hotel- und Businessmanagement-Studium“, erinnert sich Kajsa Molin. „Danach ging ich erst mal nach Australien.“ Anschließend verbrachte das Paar vier Jahre in Göteborg, arbeitete im Hotelwesen. Doch für ihr Projekt, Deutschland und Schweden beruflich zu kombinieren, sei Berlin der „perfekte Ort zum Ausprobieren“, sagen beide. „Hier kannten wir ein paar Leute“, sagt die 34-Jährige. „Ich vermisse nur meine Familie.“

Schnell bekannt durch Mundpropaganda und Online-Reiseführer habe sich „Herr Nilsson“ inzwischen etabliert. Einen zweiten Laden gibt es mittlerweile in Prenzlauer Berg. Besonders gut laufe das Geschäft an den Sonnabenden. Der sei eben überall Familientag. Das schwedische Gesundheitsamt habe in den 50er-Jahren daraus einen Brauch initiiert: die Lördagsgodis (Samstagssüßigkeiten). Zur Bekämpfung des ausufernden Kariesproblems sollte der Zuckerkonsum, vor allem bei Kindern, hauptsächlich auf den Sonnabend reduziert werden. „Die schwedischen Kinder kriegen da ihr Süßigkeiten-Taschengeld.“ Damit stürmen sie die Godis-Selbstbedienungsbars in den Supermärkten.

Mittlerweile aber ist Schweden den Statistiken zufolge zum Spitzenreiter beim Naschen avanciert. „Beim Anblick von Süßem werden selbst seriöse Männer zu Kindern“, sagt Lippert und erinnert sich an seine Zeit in einem schwedischen Fünf-Sterne-Hotel. Da hatte er auf Anordnung seines Chefs eine Schale voller Himbeergelee-Bonbons aufgestellt, die ganz schnell von männlichen Gästen weggeputzt waren.

Herr Nilsson Godis, Wühlischstraße 58 in Friedrichshain (Tel.: 545 945 85) und Stargarder Straße 58 in Prenzlauer Berg (Tel.: 604 086 86), Mo./Di., 11–19 Uhr; Mi.–Fr., 11–20 Uhr; Sbd., 12–18 Uhr; So., 13–18 Uhr, www.herrnilsson.com