Nadine Petkow ist Chefin eines ganz ungewöhnlichen Ladens. Mit ihrer Mutter Eva Reisberg bietet sie Tannenzweige, verschlungenes Wurzelwerk, Weihnachts- und Schneemänner, Engel und Blumen aller Art an. Erst beim zweiten Blick merkt man, dass die vermeintlichen Pflanzen aus Kautschuk oder Kunststoffen gefertigt sind.
Die Lage ihres Ladens nahe dem Lichtenrader Damm und der geschäftigen Bahnhofstraße habe ihren Reiz, so Nadine Petkow. Individuell, privat, gehe es zu in dieser kleinen eigenen Welt. Es sei ländlich, idyllisch, wie eine Insel in der Großstadt, mit historischer Dorfkirche und schmucken denkmalgeschützten Häuschen aus dem 19. Jahrhundert. Gruppiert sind sie um den parkähnlichen Dorfanger, mit dem größten Dorfteich Berlins mittendrin. Auf der kopfsteingepflasterten Straße grüßen Passanten auch unbekannte Spaziergänger. „Echtes Urlaubsfeeling. Das finden Besucher toll“, sagt Eva Reisberg. Die familiäre Stimmung setzt sich natürlich auch zwischen Mutter und Tochter im Geschäft fort. Da vertritt die 53-jährige Eva Reisberg jederzeit ihre 32 Jahre alte Tochter. So kann sie als Mutter einer knapp zweijährigen Tochter, flexibel Familie und Beruf koordinieren.
Zu den Kunden des berlinweit seltenen Ladens gehören Vielbeschäftigte, Vielreisende, Allergiker und Ästheten auf der Suche nach unkompliziertem Schmuck für Balkone oder dunkle Wohnungsecken. Bis zu zehn Jahre erfreuen Kunstpflanzen ihre Besitzer bei sachgemäßer Pflege. Dazu müssen die Kunstpflanzen regelmäßig abgestaubt und abbraust werden, hinzu kommt die Behandlung mit Pflegespray.
Blumen für das Filmstudio
Mitunter gehen Produkte der Seidenfloristik auf weite Reisen. So wurden ein Grabgesteck und ein riesiger Trauerkranz für eine Beerdigung in Afrika geordert, eine Truhe mit immergrüner Deko fand in den USA ihren Besitzer. Mitbringsel für ihre Freunde in Österreich kauft bei unserem Besuch Kundin Elfie ein. „Nur hier sehen Kunstpflanzen so echt aus. Woanders fehlt ihnen einfach der Pfiff!“, sagt sie.
Auch Cafés, Arztpraxen und Friseure haben das Sparpotenzial der Blumen-Imitationen entdeckt. Ebenso ordern Museen, Botschaften, Limousinen-Services, TV-Sender und Theater. Die Deutsche Oper bekam Rosenkränze für die weiblichen Darsteller einer Inszenierung, in die Filmstudios Babelberg gingen opulente Rosensträuße für einen Werbespot. Aktuell sind Dekorationen für die Festtage gefragt. Obwohl die Weihnachts-Arrangements ruhigverspielt sein dürfen, sei Kitsch tabu, sagt Nadine Petkow.
Populär sind daneben Spezialanfertigungen. „Hier können Kunden ihre Lieblingsvasen zur Gestaltung vorbeibringen“, sagt Eva Reisberg. Ein Kunde ließ sich etwas Passendes für seine mehr als 150 Jahre alte Barockvase entwerfen. Er bekam eine Kombination aus gelben Rosen und Gräsern, passend auch zum heimischem Ambiente. Gerade fertiggestellt haben Mutter und Tochter einen opulenten zeitlosen Wandschmuck aus künstlichem Wurzelwerk, Zweigen und Beeren mit integrierter Lichterkette.
Solche Aufträge dauern bis zu einer Woche. Eilige können aber bei der Anfertigung zuschauen und staunen: Die Imitate können geknickt, gebogen oder mit der Klebepistole thermisch befestigt und so in Form gebracht werden. Zudem gibt es originelle Geschenkartikel von 1,50 bis 100 Euro.
Junge Leute mögen etwa Keramik und Duft-Kerzen. Beliebt bei Männern sind Liköre und Tees. Das Regal voller Willow-Tree-Figuren wird von 18-Jährigen ebenso angesteuert wie von 85-Jährigen. Eine kleine Ketten- und Schmuckkollektion sowie Patchwork-Arbeiten stammen von befreundeten Designerinnen. Etwas Besonderes sind die handgemalten Grußkarten. Die kleinen Werke von Hobby-Künstlerin Nadine Petkow können zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Hochzeiten in Auftrag gegeben werden.
Lokalgefühl erhalten
Mit Bedauern beobachten Mutter und Tochter die zunehmende Veränderung in ihrem Kiez. Immer mehr große Ketten fassen dort Fuß. „Noch vor zehn Jahren gab es auf der Bahnhofstraße eine Reihe kleiner Läden“, sagt Nadine Petkow. Sie beklagt, dass zunehmend inhabergeführte Geschäfte und damit Tradition, Individualität und Vielfalt kaputt gingen. Als überzeugte Lichtenraderinnen wollen sie das Lokalkolorit bewahren. Langfristig soll allerdings die Bezirksgrenze überschritten werden: „Der Online-Vertrieb ist unser nächstes Ziel“, sagt Eva Reisberg.
Evas Seidenfloristik, Alt-Lichtenrade 129, Lichtenrade, Tel. 345 30 55, Mo.-Fr. 9.30-18 Uhr, sonnabends 16 Uhr



