Berliner Perlen

Socken, die für jeden einzelnen Zeh gemacht sind

Carsten Hankel verkauft typisch japanische Strümpfe, die der Fußform genau angepasst sind. Manche lächeln darüber. Andere schwören darauf und lassen nichts anderes mehr an ihre Füße.

Foto: Reto Klar

Füße. Oder genauer: Zehenzwischenräume. Das sind vielleicht nicht für jeden Menschen Details, auf die er jeden Tag achtet. Was für ein Fehler! Denn ein japanisches Sprichwort besagt: "Die Hände sind der Stellvertreter für das Gehirn, die Füße sind die Stellvertreter für das Herz."

Irgendwie müsste man es den Füßen leichter machen, uns pausenlos durch das Leben zu tragen. Aber wie? "Zehensocken tragen" würde die schlichte Antwort von Takahiro Idobata lauten.

Der "Zehensocken-Pionier" gründete 1981 in Japan die Knit-Glove AG, die heute Knitido AG, heißt, und brachte 2008 die Zehensocke nach Berlin. Damals vertrieb sie nur ein kleiner Stand im KaDeWe. Seit März 2012 gibt es nun in der Schönhauser Allee den einzigen Zehensocken-Laden in ganz Europa.

Passanten bleiben überrascht stehen

Der Aufsteller vor dem Laden lässt Passanten stutzen. Mancher, der im Vorbeigehen einen Blick darauf geworfen hat, denkt während der nächsten fünf Schritte noch einmal über das Gelesene nach und geht dann vielleicht noch einmal zurück. "Zehensocke." Das steht da wirklich. Und Dinge wie: "Nie mehr kalte Füße". "Schluss mit Rückenschmerzen" und – ja: "Entzieht Fußpilz & Co. den Lebensraum".

Im Laden steht Carsten Hankel. Er ist der Chef von Knitido hier in Berlin. Er will nicht missionieren. Aber natürlich trägt er Zehensocken. Seine Frau nicht. "Entweder man mag es. Oder man mag es nicht. Und am Anfang müssen sich die Füße natürlich daran gewöhnen", sagt Hankel. Er beweist es noch: In seinen Schuhen trägt er wirklich die Socken, die jeden Zeh einzeln umschließen. Unwillkürlich beginnt es beim Hinschauen in den eigenen Zehen zu kribbeln, in den Schuhen wird unruhig hin und her gezappelt.

Handschuhe für die Füße

Wenn man dies zugibt, lächelt Carsten Hankel und nickt wissend. Das hört er sicher nicht zum ersten Mal. "Es ist doch so: Die Socken die wir tragen, sind für die Schuhe gemacht. Unsere Socken aber sind für die Füße gemacht. Für uns ist das hier einfach die nächste Generation Socke."

Manche schauen sich die Auslagen an und lachen. Andere schwören auf die besonderen Socken seit sie sie das erste Mal getragen haben. Es gibt Socken aus Baumwolle, aus Bambus oder Leinen, Socken für den Sport, Massagesocken, Kleinkindsocken und feine Strümpfe aus Seide. Rund 60 verschiedene Zehensocken gibt es, ab 9,50 Euro pro Paar.

Wie aber kam Carsten Hankel zur Zehensocke? Der 35-Jährige hat Japanologie studiert. Seine Frau auch. 2009 ging es dann nach Japan: "Meine Frau hatte in einer deutsch-japanischen Erinnerungsstätte eine Anstellung gefunden. Daraufhin sind wir mit unserer damals einjährigen Tochter und unserem vierjährigen Sohn dorthin gezogen. Ich habe mich um die Kinder gekümmert, Deutsch gelehrt und als Freelancer Vorträge gehalten", erzählt Hankel.

Japaner benutzen die Socken ganz selbstverständlich

2011 sind die Vier Hals-über-Kopf zurück gekommen: "Wegen Fukushima. Das war zwar 700 Kilometer weit weg. Aber für uns war überhaupt nicht ersichtlich, was das für uns für Folgen haben könnte." Zurück in Berlin haben sie sich genau informiert. "Danach sind wir wieder hinübergeflogen und haben das verbleibende halbe Jahr vernünftig zu Ende gebracht und uns von allen verabschiedet."

Als die Familie dann wieder in der Hauptstadt war, erfuhr Carsten Hankel, dass der Zehensocken-Laden einen Chef suchte. Die Socken kannte er aus Japan. Viele Japaner benutzen die Socken ganz selbstverständlich. "Muss Zehensocken tragen" stand allerdings nicht im Einstellungsprofil. Sondern: Japanischkenntnisse. "Denn auch, wenn unser Chef in Japan sitzt und dort über die Produktion wacht, will er auch an dem Teilhaben, was in Berlin passiert", sagt Carsten Hankel.

An jedem Freitag haben die beiden ein Skype-Meeting und sprechen über die neuesten Entwicklungen. Das geht eben nur auf Japanisch. Im vergangenen Jahr war Hankel vor Ort und hat sich die Produktion angeschaut, in der Nähe der Stadt Osaka.

Kompliziertes Anziehen

Aber noch einmal zurück zur Zehensocke und dem, was sie kann: Für Carsten Hankel beginnt die Besonderheit schon beim Anziehen. Das, ehrlich gesagt, komplizierter aussieht, als bei üblichen Socken. "Ist es auch. Ein bisschen", sagt der Japanologe. "Aber damit geht es doch auch schon los: Man bekommt gleich ein ganz anderes Bewusstsein für die Füße, allein schon, weil man jeden Zeh einzeln anziehen muss. Das spricht sofort die Sinne und die Muskeln an."

Apropos ansprechen: Offenbar mehr Frauen als Männer lassen sich von der merkwürdigen Fußbekleidung anziehen. Viele kaufen auch im Online-Shop, der momentan erweitert wird. "Wir wollen, dass diese Socken einfach für alle ganz normal werden", sagt Hankel. Für die Füße. Und die Zehenzwischenräume.

Knitido, Schönhauser Allee 56, Prenzlauer Berg, Tel.: (030) 66409300, geöffnet Montag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Sonnabend 11 bis 18 Uhr, Onlineshop unter www.knitido.de

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.