Geografie ist Einstellungssache. Lena Bröder, 24 Jahre alt, Studentin, kommt aus Herzberg. Dass sie den Titel Miss Südharz gewonnen hat, verwundert nicht. Herzberg liegt am Harz und Lena Bröder ist hübsch. Aber sie wurde auch zur Miss Kassel gekürt, sie war bei der Wahl der Miss Niedersachsen dabei, sie wurde Miss Goslar und Miss-Vize-Norddeutschland. In diesen Tagen steht sie wieder auf der Bühne.

Im Famila Einkaufsland Wechloy wird die Miss Oldenburg gewählt. Lena Bröder hat die Startnummer drei. Sie trägt ein weißes Kleid und strahlt. Ob sie in dieser Stadt lebt oder nicht, das interessiert hier niemanden. Darum geht es auch gar nicht. „Es geht um Persönlichkeit und um Ausstrahlung“, erklärt Ines Klemmer der Jury, die an diesem Tag die Miss Oldenburg küren darf. „Sie werden es gleich selber sehen: In den ersten sieben Sekunden des Auftritts entscheidet sich, ob jemand das Zeug zur Miss hat.“

Ines Klemmer hat es. Die 42-Jährige gewann selber schon diverse Titel. Der erste allerdings fiel etwas aus der Reihe: Jugendfechtmeisterin der DDR 1989. Ines, damals noch Ines Kuba, wurde in Halle geboren, mit 14 Jahren kam sie nach Berlin, sie war auf die Kinder- und Jugendsportschule delegiert worden. Ein paar Monate nach ihrem größten sportlichen Erfolg fiel die Mauer.

Misswahl zur 750-Jahr-Feier von Berlin

Im Osten hatte es ein paar sporadische Misswahlen gegeben, die meisten dieser Veranstaltungen fanden aber mehr im Verborgenen statt. Katrin Güttler wurde 1986 zur Miss der DDR in der Feuerwache Marzahn gekürt. 1987 durfte die Miss Berlin an den Feierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier der Stadt teilnehmen.

„Man kannte die Misswahlen eigentlich nur aus Filmen, die verboten waren“, erzählt Ines Klemmer. Als 1991 dann das „Café Nord“, Schönhauser Allee Ecke Wichertstraße, die Wahl zur Miss Prenzlauer Berg veranstaltete, trat Ines Kuba an. „Ich fand es ganz toll, mich zu präsentieren“, sagt sie. „Endlich musste ich mich nicht mehr in der Fechtkleidung verstecken.“ Die Wahl gewann sie. Auch die ein paar Monate später zur Miss Berlin.

„200 Mark in bar bekam ich da, das war eine Menge Geld für mich.“ Dass sie in demselben Jahr auch noch zur Miss Germany gekürt werden würde, versetzt sie heute noch in Erstaunen. „Ich dachte, mit meinen dunklen kurzen Haaren hätte ich gar keine Chance“, erzählt sie. Bei der Vorbereitung hatten die Fotografinnen immer nur die Blondinen fotografiert. „Als ich auf die Bühne trat und einen riesen Applaus bekam, dachte ich zuerst: ,Moment mal, machen die sich über mich lustig?’“

Castingshows brachten Misswahlen neue Aufmerksamkeit

1992 wurde sie in Wien dann noch „Queen of the World“. Sie hatte Fernsehauftritte, Autogrammstunden, Model-Termine. Sie hat sogar ein winziges bisschen in der Politik mitgemischt. Helmut Kohl machte ein Foto mit ihr, um sich bei den Wählern im Osten beliebter zu machen. Das Bild erschien auf der Titelseite der „Neuen Bundesländer Illustrierte“.

Bei den Miss-Wahlen lernte Ines Kuba Ralf Klemmer kennen, den heutigen Geschäftsführer der Miss Germany Corporation. Sie hat sich verliebt, geheiratet, zwei Kinder bekommen. Heute organisiert sie die Veranstaltungen mit, betreut die Missen und moderiert die Wahlen.

Am 19. September werden die Miss-Wahlen 125 Jahre – alt sind sie darüber nicht geworden. Im Gegenteil. Zwar bewerben sich gleichbleibend jedes Jahr um die 6000 Frauen um den Titel. Aber der Boom der Castingshows hat dem Schönheitswettbewerb neue Aufmerksamkeit gebracht. Dabei gab es das Missen-Camp, in dem Ines Klemmer und ihr Mann die Finalistinnen sich mit Fotoshootings und Workshops auf ihren großen Tag vorbereiten, schon Jahre vor Heidi Klums Model-Zirkus.

Monopolstellung des Veranstalters Miss Germany Corporation

Nur war es nicht so bekannt, weil es nicht im Fernsehen übertragen wurde. Sollte es im Missen-Camp Zickenkriege gegeben haben, die Öffentlichkeit hat es nicht mitbekommen. Von den Finalistinnen muss auch keine nach Hause fahren, es sei denn, es tauchen Nacktaufnahmen von ihr auf.

Wie Lena Bröder nehmen viele Bewerberinnen gleich an mehreren Wettbewerben teil, auch wenn sie nicht gewinnen. Deswegen kennen sich die Kandidatinnen irgendwann untereinander, was auch an der Monopolstellung des Veranstalters liegt. Es gibt Länder, da küren sechs verschiedene Unternehmen die Nationalschönste. In Deutschland gibt es nur dieses eine: die Miss Germany Corporation.

Die rot gepolsterten Stuhlreihen, die im Einkaufszentrum in Oldenburg für den Wettbewerb aufgebaut wurden, sind voll besetzt, das anliegende Café auch. Von einem Barhocker aus beobachtet Horst Klemmer zufrieden, wie Leute, die keinen Sitzplatz mehr finden, trotzdem stehen bleiben. Klemmer ist der Seniorchef der Miss Germany Corporation (MGC), er ist also Mister Miss Germany, auch wenn er mit seinem kurzärmligen Freizeithemd nicht unbedingt danach aussieht.

Erster Schönheitswettbewerb im belgischen Spa

Die Klemmers vertreten eine der bekanntesten Marken des Landes, aber ihr Unternehmen ist übersichtlich. Am Firmensitz in Oldenburg – ausgerechnet an der Tangastraße – arbeiten elf Mitarbeiter, acht weitere sind über Deutschland verteilt. MCG ist ein Familienbetrieb: Das Tagesgeschäft hat Klemmer längst den Kindern überlassen, aber jetzt, zum Jubiläum der Schönheitswettbewerbe, meldet sich der 76-Jährige gern zu Wort.

„Wissen Sie“, sagt er, „es lief damals nicht so gut mit dem belgischen Kurort Spa. Kaum Badegäste. Da kam einer an und sagte: Wir veranstalten einen Schönheitswettbewerb.“ Horst Klemmer macht eine Kunstpause. „Du, den hätten sie fast erschossen.“ Aber der Gemeinderat konnte schließlich davon überzeugt werden, dass die Veranstaltung nicht unschicklich würde. Über Zeitungsannoncen suchte Spa also nach unverheirateten Schönheiten.

350 Frauen bewarben sich, eine rein männliche Jury wählte 21 davon aus. In geschlossenen Kutschen fuhren sie in den Kurort ein und logierten in einem abgelegenen Haus. Niemand sollte sie sehen. Die Geheimnistuerei zahlte sich aus. 5000 Gäste strömten nach Spa, um dabei zu sein, als am 19. September Marthe Soucaret, eine 18-jährige Kreolin aus Guadeloupe, zur ersten Schönheitskönigin der Welt gewählt wurde. Im langen Abendkleid, versteht sich.

Präsentation, Werbung, Kontakte

„Die Idee war einfach“, sagt Klemmer, „wir wollen Gäste, wir wollen Umsatz, also machen wir etwas mit schönen Frauen.“ Bei der ersten Wahl zur Miss Germany, 1927, gab es übrigens auch schon geografische Verwirrungen. Der Wettbewerb sollte die schönste Frau Deutschlands küren, ganz Deutschlands, Die Konkurrentinnen kamen aber alle aus der Gegend rund um den Berliner Sportpalast, in dem damals die Wahl stattfand.

Im Famila-Einkaufsland hat Lena Bröder gewonnen. „Die will, das hat man sofort gemerkt“, sagt Ines Klemmer. „Sie nimmt die Sache ernst, aber bleibt natürlich, damit hat sie gute Chancen.“ Als neue Miss Oldenburg darf Lena Bröder an der Wahl zur Miss Norddeutschland teilnehmen. Gewinnt sie auch die, darf sie im Januar 2015 bei der Wahl zur Miss Germany antreten.

Momentan studiert sie katholische Religion und Hauswirtschaftslehre, 2014 wird sie ihr Examen machen. Wenn sie gewinnt, will sie den Berufseinstieg aber um ein Jahr verschieben. Dann gibt es ein Auto und an die 150 Termine. Produktpräsentationen, Werbeaufnahmen, Medienkontakte. Bröder hat die Karrieren der Missen der vergangenen Jahre genau verfolgt. Sie hat großes Vertrauen. „Der Titel hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft“, sagt sie. „Da ist noch aus jeder was geworden.“