Die Idee hatte sich im Winterurlaub an der Ostsee angedeutet. Ohne klare Konturen noch, eher Fernziel als konkretes Projekt: „Man sollte mal eine Hiddensee-Perle machen. Ein Stück, das mehr mit der Insel zu tun hat als die Tassen ,Made in China‘ in den Souvenirläden.“

Erst als die Glaskünstlerin Dagmar Brückner wieder daheim in Berlin war, kam die Erleuchtung: Etwas echter Ostseesand von der Insel müsste es sein, eingefüllt in eine Hohlperle. Aber woher nehmen, nun, wo der Urlaub zu Ende war? Brückner postete eine Anfrage über den Facebook-Auftritt des „Hiddensee Magazins“. „Es war verrückt, aber 45 Minuten später hatte ich Antwort von einer Pankowerin, die schrieb, sie habe einen Beutel Sand und könne den vorbeibringen.“

In ihrem Schöneberger Ladenatelier „dbeads“, der Name ist eine Verbindung ihrer Initialen mit dem englischen Wort für Perlen (beads), fertigt und verkauft Dagmar Brückner gewickelte Glasperlen in modernen Designs und bunten Farben. Die Geschäftsadresse an der belebten Akazienstraße verdankt sie einem ähnlichen Zufall wie den Meeressand. 2008 war es, da saß die Berlinerin mit Hamburger Wurzeln im Coffeeshop auf der anderen Seite der Akazienstraße. „Nur so habe ich mitbekommen, wie hier, wo alle Immobilien sonst unter der Hand weggehen, jemand einen Hinweis ins Fenster des leeren Geschäftes hängte. Ich bin sofort rübergeschossen und habe gesagt: ,Ich nehme den Laden, hängen Sie das gar nicht erst auf’.“

Erste Ausstellung in Brooklyn

Von ihrem 2003 eröffneten ersten Werkstattgeschäft in einer stillen Seitenstraße des Winterfeldtplatzes zog Brückner in den Szenekiez um. Ihre Stammkunden, Fans von Sammelperlen und individuellem Schmuck, nahm sie mit. Denn die Autodidaktin im Glashandwerk pflegt ihren ganz eigenen Stil: So überwiegen die grafischen Muster mit wiederkehrenden Formen und klaren, kräftigen Farben. Es gibt ringförmige Perlen mit mehrfarbig konzentrischen Kreisen und Punkten, Retrodesign, das an die Tapeten der 70er-Jahre erinnert: „Es ist lustig, aber tatsächlich ist das über all die Jahre das geblieben, was ich am schönsten finde“, sagt Brückner.

Ihre Fertigkeit entwickelte sie, nachdem sie Mitte der 90er-Jahre vorübergehend mit ihrem Mann in New York lebte. Brückner arbeitete dort als Ergotherapeutin, als sie ein Glasstudio entdeckte, wo das Handwerk gelehrt wurde. 1997 machte sie einen ersten Kurs. Arbeitskollegen wurden bald auf ihren bunten, zeitlosen Schmuck aufmerksam, den sie selbst trug. Sie perfektionierte ihre Technik, zeigte die Kollektion auch mal einem kleinen Laden in Brooklyn und kam so zu ihrer ersten Ausstellung.

Wieder in Berlin, sattelte Brückner um und produzierte kommerziell, zuerst am Werktisch in der eigenen Wohnung. „Für die Glasperlenherstellung braucht man nicht viel Platz“, sagt sie und zeigt auf ihren Arbeitsplatz im hinteren Bereich des Ladens. Ein kleiner Brenner, Gefäße mit langen Glasstäben in allen Farben, einige Zangen und Pinzetten. Seit sie den Laden hat, bietet die 48-Jährige auch Kurse für Laien und Hobbybastler. Für 150 Euro kann man im dreistündigen Einzelunterricht Perlen herstellen, Verzierungen auftupfen und Muster ausprobieren. Meist mit acht, neun Stücken gehe man nach Hause, sagt Brückner. Ihr Knowhow teilt sie gern: „Wer unterrichtet, muss auch bereit sein, sein Wissen weiter zu geben“, findet sie.

Ohnehin mangelt es ihr nie an Ideen. Natürlich müsse man verschiedene Designs anbieten, weil sie nachgefragt werden. So glitzern in manchen ihrer Perlen eingeschmolzene Echtgoldfolie oder künstliche Diamanten. Andere Glaskleinode tragen den Abdruck von Muscheln. Auch Ringe, Ohrringe oder Schlüsselanhänger gehören zum Sortiment. Bei der Hochzeitsfeier einer Freundin kam Dagmar Brückner auf die Idee, aus den Scherben der an jenem Tag geleerten Sektflaschen individuelle Erinnerungsperlen zu schmelzen. Hohlperlen füllt sie als Schmucksouvenirs auch mit Bröckchen der Berliner Mauer (95 Euro). Das Rohmaterial hatte ihr Mann eigenhändig vom Grenzwall geklopft.

Handwerk wie im alten Ägypten

Die längst in Serie gegangenen schlichten „Trixiebeads“, einen kirschförmigen Kettenanhänger (mit Silberkette: 60 Euro), folgte einer Bestellung der Schauspielerin Christina Ricci als Trixie im Trickfilm „Speedracer“. Auch Brückner trägt einen himmelblauen Anhänger am Hals. Auf Wunsch fertigt sie individuelle Perlen oder - vom Goldschmiedetisch in ihrer Schöneberger Wohnung - auch Colliers. Für einen Cellisten eines Symphonieorchesters fabrizierte sie Manschettenköpfe, „weil er knallrote Knöpfe haben wollte, die man auch sieht“. Jedes ihrer Stücke ist ein Unikat, auch wenn Sammelperlen ab acht Euro zu haben sind.

Wer mehr über Dagmar Brückners Arbeitstechnik erfahren will, kann ihr derzeit auch im Rahmen der Nofretete-Schau „Im Licht von Armana“ zuschauen: Für die Ausstellungsmacher führte sie in einem Video vor, wie schon im alten Ägypten Glas verarbeitet wurde: damals nicht sonderlich anders als heute.

dbeads, Akazienstr. 30, Schöneberg, Tel. 219 123 69, Mo.-Fr. 12-18 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr