Julia Büttelmann schafft Welten. Welten aus Pappe und Papier mit eigener Geschichte. Wie die der „Mäusekostüme“. Mit ernsthafter Miene, als würde sie einen wissenschaftlichen Vortrag halten, referiert sie über die Kulturgeschichte der Menschheit anhand überlieferter oder gut erhaltender Mäusekostüme. „Was kaum jemand weiß, ist, dass auch Walt Disney anfangs Mäuse in extra angefertigte Kostüme steckte und diese dann filmte. Da er aber feststellen musste, dass das nicht so aussah, wie er sich das gedacht hatte, erfand er die gezeichnete Mickey Mouse“, sagt sie und einen Moment lang glaubt man ihr die Wahnsinnsgeschichte wirklich. Doch ist dies nur wieder Teil der Fantasiewelt von Buchbindemeisterin Büttelmann, die aus Pappe witzige, ernsthafte und oft ziemlich unglaubliche Objekte schafft.

Unikate aus dem Hinterzimmer

Ihr Atelier an der Kreuzberger Riemannstraße teilt sie sich mit Udo Kalozenski, ihrem Lebensgefährten, der auf einem ganz anderen Gebiet Einzigartiges kreiert. Der staatlich geprüfte Augenoptiker und Augenoptikermeister fertigt im kleinen Hinterzimmer Brillen aus Naturmaterialien, also aus Bernstein, Mammutelfenbein oder Horn. Die kleinen schokoladentafelartigen Platten bezieht der Berliner überwiegend aus Indien, Vietnam, China oder Kambodscha.

„Das Horn des indischen, asiatischen Wasserbüffels und das von Haus-Rindern, dient als Ausgangsmaterial für die Fertigung der Naturhornbrillen“, sagt Udo Kalozenski und betont: „Diese Nutztiere fallen nicht unter das Washingtoner Artenschutzabkommen.“

Auf mehr als 40 Jahre Berufserfahrung kann Udo Kalozenski zurückblicken, lange hat er in Hamburg gearbeitet, hatte schon eigene Läden. Bei großen Optik-Häusern arbeitete er. Unter anderem beim ältesten Optiker Europas am Neuen Wall in Hamburg. Man kann es auch so sagen: „Ich habe im Bereich Optik sehr viel gemacht“, sagt Udo Kalozenski.

Aber jetzt, mit den individuellen Einzelanfertigungen, kann er endlich alles einbringen, was er in seinem Berufsfeld für wichtig erachtet, nämlich die Erfahrungswerte, viel Ruhe und Zeit. Für eine einfache Brille ohne spezielle Wünsche oder Schnörkel braucht er üblicherweise drei Tage reine Arbeitszeit. Feilen, schleifen, sägen. Sechs Brillen fertigt er im Schnitt pro Monat, sie sind überwiegend für Männer.

Der Preis für die Unikate startet bei 450 Euro. Nach oben ist der Spielraum offen. „In meiner Arbeit steckt immer auch viel Wissenschaft. Aber eben auch Kunsthandwerk und das kommt oft viel zu kurz.“ Nicht bei ihm allerdings. Und nicht bei Julia Büttelmann.

Sie setzt eigene Ideen und Projekte um. „Einfach, weil ich das machen muss“, sagt sie mit Nachdruck. Büttelmann fertigt Auftragsarbeiten wie Kartonagen oder Verpackungen an und gibt Kurse an der Volkshochschule im Buchbinden. „Da mich viele Dinge interessieren, fällt es mir schwer, meine Arbeit kurz zu beschreiben“, sagt Julia Büttelmann. „Aber eines ist für mich klar: Kleben ist mein Leben.“

Die gebürtige Bremerin machte ihre Lehre zur Buchbinderin in Berlin, arbeitete Mitte bis Ende der 80er-Jahre in der Druckwerkstatt des BBK Berlin. „An den Mariannenplatz kamen viele Künstler mit ihren Arbeiten. Ich musste mit deren Werken viele unkonventionelle Dinge machen. Da habe ich viel gesehen“, sagt Julia Büttelmann.

Und offensichtlich hat sie auch viele Ideen mitgenommen. Ein Blick durch das Atelier lässt erahnen, wie viele wunderbare Welten in ihrem Kopf sind. „Ich habe immer bestimmte Projekte, die mich beschäftigen“, sagt Julia Büttelmann. So hatte sie schon ihre wissenschaftliche Phase, in der unter anderem der „Erkenntniskoffer“ entstand, ihre Schuh-Phase oder jene, in der sie Haushaltgeräte aus Pappe schuf.

Am Anfang ihrer Selbstständigkeit machte Julia Büttelmann auch Pappmöbel: „Aber die wurden mir dann irgendwann einfach zu groß“, sagt die Künstlerin. Somit war die Phase der „Mäusekostüme“ vielleicht so etwas wie die minimalistische Gegenbewegung zu den großen Pappmöbeln. Wer aber je das winzige und bis ins Detail ausgearbeitete Chanel-Kostüm oder das päpstliche Gewand hinter Glas bewundern konnte, der vergisst diesen Anblick nicht so schnell.

Uhren aus Pappe

Derzeit steckt Julia Büttelmann mitten in ihrer Uhrenphase, wie sie sagt. Ihre Uhren sind wieder eigene Welten – unter einer Glaskuppel, sogar mit echtem Uhrwerk. Am Sekundenzeiger schwebt ein Objekt, das in die jeweilige Uhrenwelt passt. Ein Hubschrauber über dem Hochhaus oder eine Fliege über der Sahnetorte. Filigrane Feinmechanik ab 150 Euro.

Bereits 1995 wurde Julia Büttelmann für ihre besondere Arbeit belohnt: mit dem ersten Platz im Landespreis für Gestaltendes Handwerk. Und ihre nächste Phase? Es wird sich schon eine Welt finden, die die 52-Jährige für sich entdeckt. Und immer gilt: „Ich mache alles. Aber aus Pappe und Papier muss sein.“

Papp-Show & Brillenmanufaktur, Riemannstraße 9, Kreuzberg, Termine nach Vereinbarung, Tel. (030) 692 63 13, www. pappshow.de, Brillen unter www.kalozenski.de