Ein großer Auftritt. Der Rocksänger trug einen Anzug, der Aufsehen erregte und sogar im babylonischen Mix von Berlin auffiel. Woher das Ensemble stammte? Aus der Gormannstraße 17b in Mitte. Hier trifft Vergangenheit auf Zukunft.

Sänger und Schauspieler Marius Müller-Westernhagen hatte zufällig in die geheimnisvoll-nostalgischen Räume von "Dandy of the grotesque" verschlagen. Erst habe man ihn gar nicht erkannt, erinnert sich Itamar Zechoval, Inhaber und kreativer Kopf des des Ateliers.

Aber "very stylish" fand der Ladeninhaber den Künstler. "Ein Fan von Maßgeschneidertem mit Rock 'n' Roll-Aspekt", sagt der Israeli, mit dem man sich am besten auf Englisch verständigt. "Wir sprachen von Anfang an eine gemeinsame Sprache; die Dandy-Idee inspirierte Marius sofort."

Als Bela B. die „goldene Periode“ wagte

Und nicht nur ihn. Oft schaut Bela B. ("Die Ärzte") vorbei, um mit Itamar Zechoval neue Looks zu verabreden. "Für eine Reihe von Auftritten wagten wir eine 'goldene Periode'", sagt der Designer: "Kostüme mit Goldelementen."

Sein Atelier ist von düsterem Charme. Es gibt Kapuzenschals für 35 Euro, Seiden- und Baumwollhemden für 250 Euro, Jacketts für 650 bis 900 Euro. Ein Nadelstreifen-Anzug kostet 1.300 Euro. Einmalig und für vitale Großstädter wie geschaffen ist das radfahr-taugliche, bewegungsfreundliche "Berlin-Jackett": purpur-blau kariert, für 700 Euro. Für Maßgeschneidertes sind 20 Prozent Aufschlag üblich: Der klassische Dreiteiler kostet zwischen 1.600 und 2.000 Euro.

Exklusive Designerstücke zieren das "Wohnzimmer", wie Zechoval den Raum nennt. Darin stehen eine gemütliche Couch, ein Schaukelstuhl, ein antiker Schreibtisch. Irgendwo in der Nähe raschelt es, eine Assistentin fertigt Schnittmuster der Zechoval-Entwürfe.

Inspiriert durch Geschichten von Edgar Allen Poe

Sie werden zur Vorlage der Schneider. Nebenan im Ankleidezimmer wird Maß genommen. Die Einrichtung des August 2009 eröffneten "Dandy of the grotesque" hat Zechoval, der in Mailand sein Handwerk lernte, seiner Frau Nora von Nordenskjöld anvertraut, einer Innenarchitektin.

Herausgekommen ist ein Kabinett wie aus einer Edgar Allan Poe Geschichte. Die mystischen Stories des Horror-Großmeisters inspirieren ihn ebenso wie Federico Fellinis "Toby Dammit". Zechoval begeistert der Typ des klassischen Dandys von vorgestern: nach außen hin makellos, akkurat und scheinbar seriös. Das Bild will er übertragen auf den Mann von heute.

Herausgekommen ist eine individuelle Mischung aus Vergangenem, Verschwundenem und dem gegenwärtigen Lebensgefühl. Eine Kreation mit raffinierten Zutaten, einer Prise Dissonanz und einem Schuss Ironie. Itamar Zechoval mag das Dunkle, Theatralische, Unvollkommene, Widersprüchliche.

Ein Dandy wie Oscar Wilde und F. Scott Fitzgerald

Dafür steht auch der Label-Name "Dandy of the grotesque", der dem Titel eines Buchs über den englischen Illustrator, Dichter und Grafiker Aubrey Beardsley entlehnt ist.

Er war ein Dandy wie Oscar Wilde oder F. Scott Fitzgerald, später in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als starre Konventionen und Uniform-Klischees an Bedeutung verloren. Sie endgültig zu brechen und durch tragbare, funktionale Eleganz zu ersetzen, danach strebt Zechoval.

"Alle meine Stücke sind Unikate", sagt der 39-Jährige. Deshalb bestellt er Stoffe, die er verwenden will, zum Beispiel Baumwolle, Wolle, Leinen, Wolle-Seide-Mix und mitunter, wenn auch nur selten, auch Mohair nur in kleinen Mengen. Die Ware lässt er sich überwiegend aus Italien senden, gelegentlich aus Japan.

Zechovals Look passt auch zu Marylin Manson

Wichtig ist ihm natürlich, wie jedem Designer, der seine Klientel kennt, die persönliche Beratung. Seine Kunden, ob aus Berlin, Hamburg, den Niederlanden, den USA, aus Kalifornien oder Israel, wissen das zu schätzen. Berliner Hotels wie das NH-Hotel und das neue Boutique-Hotel Stue Berlin in Tiergarten lassen ihre Belegschaft bei Zechoval einkleiden.

Selbst Hollywood zeigt Interesse: Für die US-Komödie "The incredible Burt Wonderstore", die ab März in den US-Kinos zu sehen ist, hat er Garderobe entworfen, die Hauptdarsteller Steve Buscemi und Steve Carell tragen. Auch für Schauer-Rocker Marilyn Manson hat er gearbeitet. Sein Look passt zum Faible des Musikers für die dekadenten 20er-Jahre Berlins.

Fantastische Menschen in Berlin getroffen

Hier, ist Zechoval überzeugt, hat er seine wahre Heimat gefunden. Nicht in Shanghai, wo nach einem geschäftlichen Intermezzo seine Idee vom "Dandy" aufkeimte. Auch nicht damals in Mailand, wo er seine deutsche Frau kennen lernte. Es ist Berlin, weil diese Stadt ständig im Wandel sei, niemals ruhe, immer Raum für neue Ideen biete.

"In Berlin kannst du arbeiten und dich in dem Maße weiterentwickeln, wie sich die Stadt entwickelt", sagt der Designer. Hier habe er "wirklich fantastische" Menschen getroffen, mit denen es ein Vergnügen sei, zusammenzuarbeiten. "In meinem Geschäft tue ich, was mir wirklich gefällt." Eine glückliche Geschichte. Eine unendliche?

Dandy of the grotesque Gormannstraße 17b, Berlin-Mitte, Tel. (030) 24048280, dandyofthegrotesque.com, Di.-Fr. 14.30-19 Uhr, Sbd. 12.30-18 Uhr