Berliner Perlen

Bei „s-wert“ kann man Berlin zum Kuscheln kaufen

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Kuhn

Foto: Massimo Rodari

Das ICC als Pullover, Ost-Berliner Straßenlampen auf dem Etuikleid oder das Hansaviertel zum Kuscheln - bei s.wert in Berlin-Mitte gibt es Hauptstadt-Souvenirs der besonderen Art.

Die Karodecke ist vom Esstisch nicht wegzudenken. Den einen erinnert sie an den jüngsten Italien-Urlaub, den anderen an Omas Gemütlichkeit. Sehr gewitzt spielen die beiden Designer von s.wert damit, wenn sie ihre Tischdeckenserie "kleinkariert" nennen und, anfangs kaum erkennbar, die Konturen von Musterhäusern verwenden, die vor allem im Umland Berlins gebaut werden.

Mit einem klassischen Souvenirgeschäft hat der Laden an der Brunnenstraße also nur wenig zu tun. Wer sich eine Berliner Sehenswürdigkeit auf Kissen, Schal, Mütze, Rock oder Kleid kaufen will, muss sich erst einmal in Rätselraten üben.

Das ICC auf dem Pullover ist nur für Kenner zu erkennen, und die Ost-Berliner Straßenlaternen mit den großen Insektenaugen erscheinen auf einem Kleid zunächst als filigraner Blumenstrauß. Sandra Siewert, 40, und Dirk Berger, 46, die das Label seit 2003 gemeinsam betreiben, bieten ein Berlin für Fortgeschrittene.

Verlage fanden das Buch „zu ostig“

Angefangen hat alles mit dem Fernsehturm. Nach dem Architekturstudium hatten Sandra Siewert und Dirk Berger begonnen, davon Grafiken aus 35 Jahren zu sammeln, die auch ein Bild über Entwicklung und Wertewandel in der Stadt geben. Die 200 Grafiken wollten sie in einem Buch veröffentlichen, doch einen Verlag fanden sie nicht.

"Zu ostig, hieß es, das interessiere doch keinen", sagt Sandra Siewert mit einem Schmunzeln, denn sie war wohl ihrer Zeit voraus. Das Buch, das sie später unter dem Titel "Von der Partei zur Party" im Selbstverlag herausgaben, verkauft sich nämlich immer noch gut.

Danach widmete sich das Architektenduo gefährdeten oder verschwundenen Gebäuden und stellte von Papier auf Textilien um. Die Stoffe werden bedruckt, teils auch gewebt, gestrickt oder bestickt. Die Kissenkollektion "Zornige Kinder" zeigt vor allem Berliner Nachkriegsbauten in Ost und West, die bereits abgerissen sind oder von Abriss bedroht sind.

Wenn Geschichte im Laden lebendig wird

Die Kissen, auf denen Berger und Siewert die Silhouette der Bauwerke andeuten (49 Euro pro Stück), sind somit auch Erinnerungsstücke. Als solche werden sie auch meist verkauft. "Die Kunden von s.wert sind über 30 Jahre alt, es sind Berliner, Zugezogene oder Menschen, die aus Berlin wieder wegziehen und ein Stück Berlin mitnehmen wollen", sagt Dirk Berger.

Nur selten kämen Touristen. Eher Sammler und Stammkunden, die zum Beispiel jedes Jahr den Kalender mit Architekturmotiven in Schwarz-Weiß kaufen oder ein Faible für die Nachkriegsmoderne haben. Manche haben sogar selbst einmal in dem von Oscar Niemeyer miterbauten Hansaviertel gelebt oder tun es immer noch. "Dann wird in unserem Laden auf einmal ein Stück Berlin-Geschichte sehr lebendig", sagt Sandra Siewert.

„Berlin hat nichts Rundgelutschtes“

Ein Geschichtszeugnis der besonderen Art ist auch die Kissenreihe mit den drei Berliner Flughäfen, die inzwischen eigentlich schon der Vergangenheit angehören müssten. Bis sich das vierte Kissen in die Reihe fügt, wird es wohl noch ein bisschen dauern. Die Flughafenserie lief im Weihnachtsgeschäft jedenfalls sehr gut und ist vorerst ausverkauft.

Sandra Siewert stammt aus dem Badischen, Dirk Berger aus Hessen. In den ersten Jahren waren sie viel auf Entdeckungstour durch Berlin unterwegs und fasziniert von den vielen Facetten und Brechungen im Stadtbild. Der Wandel in der Stadt ist das, was ihnen besonders gefällt.

"Berlin hat nichts Rundgelutschtes", sagt Sandra Siewert salopp. Und doch gewinnt so manches Detail im Straßenbild, das gemeinhin als hässlich gilt, im Design von s.wert eine besondere Schönheit. Die Ost-Straßenlampen finden sich zum Beispiel als "Großstadtpflanzen" auf Kissen oder Vorhängen wieder, oder die Weltzeituhr auf einem Etuikleid.

Die Kuscheldecke pasend zum „Tatort“

Berlin zum Anziehen ist der Bereich, den Siewert und Berger in Zukunft noch stärker ausbauen wollen. Doch zwischendurch kommt ihnen auch immer mal wieder eine Idee, die nicht mit dem Stadtbild zu tun hat. Zum Beispiel an einem Sonntagabend, zur besten "Tatort"-Zeit, als es etwas kühl auf dem Sofa wurde und Sandra Siewert die Hansaviertel-Kissen zum Zudecken partout nicht reichten.

Kurz darauf entstand die Decke "Sonntag, 20.15" (195 Euro), mit einem Muster, das einen Fingerabdruck erahnen lässt. Und die ganz hervorragend mit den Kissen "Platte", "Neue Nationalgalerie" oder "Bauhaus" harmoniert. Das ergibt dann eine Art Kulturmix auf dem Sofa. Das passt ganz gut zu Berlin.

s.wert design Brunnenstraße 191, Berlin-Mitte, Tel. (030) 40056655, www.s-wert-design.de, geöffnet Mo.-Fr.- 11-19 Uhr, Sbd. 11-18 Uhr