Er wohnt mittlerweile draußen in Kladow. Aber dieses Charlottenburg, durch das wir laufen werden, hat er noch gesehen, als die Hausfassaden die Narben des Krieges trugen, voller Einschusslöcher waren. „Charlottenburg“, sagt Klaus Hoffmann, „ist immer meine Erde gewesen. Mein Tummelfeld.“

Doch mit Berlin an sich hat er sich lange schwer getan. Die Nachkriegszeit, die Trennung durch die Mauer, Ost- und West-Berlin. „Ich hatte Mühe das zu lieben, zu verstehen.“ Sicher, er hat die Stadt oft besungen. Es gibt Leute, die sagen, sie hätten durch seine Lieder erst ein Gefühl für Berlin bekommen. Und trotzdem haderte der Interpret lange mit seiner Heimat. Er ist hier geboren, aufgewachsen, stand als Schauspieler auf den Bühnen der großen Theater, hat als Sänger Auftritte in den Klubs gehabt, Erfolge gefeiert. Doch erst heute, sagt der 64-Jährige, „kann ich dieses klare ,ja, ich liebe dich’ sagen.“ Älter und versöhnlicher ist er geworden, mit sich und mit der Stadt.

Und wie um es zu dokumentieren, dieses Bekenntnis, zeigt er später auf ein Geschäft, vorne an der Wilmersdorfer/Ecke Kantstraße. Dort hat er vor kurzem ein paar Schuhe gekauft. Einfach, weil das Geschäft hier war, in seinem alten Kiez. Einen Erhalt der Liebesgefühle nennt er es. „Ich bin sehr altmodisch.“

Bambi und Goldene Kamera

Heute hat er am Kurfürstendamm/Ecke Schlüterstraße sein Büro. Zwei, drei kleine Räume, fast unterm Dach. Auf einem Regal stehen der Bambi und die Goldene Kamera. Beide Auszeichnungen bekam er 1976 für „Die neuen Leiden des jungen W.“ Die Buch-Vorlage stammte von dem DDR-Autor Ulrich Plenzdorf. Es war Hoffmanns berühmteste Rolle. Das besondere ist, dass sie ein Lebensgefühl transportiert, dass Hoffmann selbst aus seiner Jugend gut kannte. Das Rebellische, das Suchende, das Einsame, das Unfertige. Die Frau, die Hoffmann in jenen Jahren begleitete, hieß eigentlich Trudi, er nannte sie aber Charlie. Plenzdorfs Drehbuch hatte er zu dem Zeitpunkt noch nicht gelesen. Nur, was für ein Zufall: die weibliche Rolle in dem Film hieß dann auch Charlie.

Es ist ein schöner Tag für unseren Spaziergang, für unsere Spurensuche in der Vergangenheit. Hoffmann trägt eine beige Hose, einen blauen Pullover, ein graues Sakko und vor allem blank geputzte braune Schuhe. Wir laufen die Schlüterstraße entlang, biegen in die Mommsenstraße ab. Dort hat der Fotograf einen schönen Innenhof entdeckt. Während wir noch reden, kommt eine Frau auf Klaus Hoffmann zu. Sie hat ihn erkannt, erzählt, dass sie 1986 in Magdeburg eine erste Platte von ihm gekauft hat. Und jetzt sieht sie ihn hier, 30 Jahre später. Irgendwie ist das typisch für die Hoffmann-Fans, dass sie ihm mit einer Geschichte begegnen: die DDR, ein West-Berliner Sänger, eine Platte.

Calvados für 60 Pfennig

Geschichten. Vergangenheit. In dieser Gegend waren die Klubs, in denen er seine ersten Auftritte hatte. Noch keine 18 war er, da spielte er schon in all den Musikläden, die Ende der 60er-Jahre im Westteil der Stadt angesagt waren: das „Go-In“ in der Bleibtreustraße, „Dannys Pan“ in der Fasanenstraße und der „Steve Klub“ in der Krummen Straße. Tagsüber trug er einen Anzug, da war er Lehrling bei Klöckner Eisenhandel. Aber wenn es dunkel wurde, zog er seinen Gehrock an, „weil es theatralischer wirkte“, packte seine Gitarre und trat auf. 15 Mark konnte er an einem Abend verdienen. Der Calvados, damals sehr beliebt in der französisch angehauchten Musikszene, kostete nur 60 Pfennig. Nach durchzechter Nacht lief man über den Kurfürstendamm nach Hause.

Hoffmann träumte wie so viele Hippies vom Aussteigen, etwa nach Goa. Aber wer in Berlin blieb, gab sich auch mit indischem Essen zufrieden. Einmal fand Hoffmann einen Daumennagel im Fladenbrot und zeigte ihm den Wirt. Der verstand die Aufregung nicht: „Das ist kein Daumennagel, sondern ein Fußnagel.“

Mit der Knef im Garten

Hannes Wader war ein Star in diesen Tagen, und Klaus Hoffmann trug ihm die Gitarre hinterher. Er beobachtete, träumte davon englisch zu leben, wie ein Dandy. Einen Bentley wollte er fahren. „So ein Spinner war ich damals.“ Er sang Lieder von Hildegard Knef. Viele Jahre später saß sie bei ihm in Kladow im Garten. Hoffmann hatte die Gitarre herausgeholt und spielte ihr ihre Lieder vor. Sie mochte es nicht so, war sein Gefühl damals. Er glaubt, dass es mehr an ihrer Biografie lag, an der Zeit, in der sie diese Lieder gesungen hatte.

Damals, bei seinen ersten Auftritten, hatte er es auch mit Rock’n’Roll versucht. Schnell merkte er aber, dass es nicht seins war. Es dauerte, bis er seine Lieder fand. Seine Vorbilder wurden die Französischsprachigen, vor allem Jacques Brel. Was in Frankreich ein Chansonnier war, nannte man in Deutschland Liedermacher.

„Der Sänger“, sagt Klaus Hoffmann, „ist eine Figur, die sich bei mir heraus schälte. Das musste ich erst einmal verstehen lernen. Mal hin und wieder singen ist ja in Ordnung, mal ein Lied – aber damit dann leben? Du wachst damit auf, du drückst dich in Bildern aus, du formst und suchst und dann entsteht etwas, das du nicht geplant hattest. Du erzählst Geschichten, die du vielleicht bei anderen dumm und unverständlich finden würdest. Der Sänger ist ein ganz diffiziles, kränkendes Gebilde. Früher war ich sehr pathetisch, einfach, weil ich mir Luft machen wollte. Es veränderte sich.“

Die befreundete Schauspielerin Susanne Tremper – „eine schöne Nachtigall, die bei Boleslaw Barlog am Schillertheater arbeitete“ – sah noch etwas anderes in Klaus Hoffmann. Sie riet ihm, sich bei der Max-Reinhardt-Schule zu bewerben. Tausend bewarben sich, nur zehn wurden genommen, Hoffmann war einer von ihnen. Tremper hatte also recht gehabt.

Er war zehn Jahre alt, als der Vater starb

Es war vielleicht der Weg, den auch gern sein Vater gegangen wäre. Der hatte sich oft mit Künstlern umgeben, Späße gemacht, gespielt und gesungen, aber nur im privaten Rahmen. Tagsüber arbeitete er im Finanzamt. Dabei wäre er lieber was anderes geworden. Er starb, als der Sohn zehn Jahre alt war. In seinem Beruf hat sich Hoffmann später Ersatzväter gesucht: den Schauspieler Dieter Borsche, mit dem er an der Freien Volksbühne spielte, die Regisseure Tom Toelle und Ingmar Bergman, mit denen er drehte.

Wir schlendern die laute Kantstraße hinunter. Der süßliche Duft von Patschuli umweht unsere Nasen. Hoffmann zeigt auf die andere Straßenseite, der New West Klub. Dort war er mal tanzen, ist aber lange her. Ein Stückchen weiter, das „Dao“, für Hoffmann eines der besten thailändischen Restaurants in der Stadt. „Wenn ich einsam sein will, setze ich mich dorthin. Dann nehme ich mir meine Kladde und schreibe meinem ältesten und besten Freund. Ich schreibe, dass wir mal wieder los müssen, nach Vietnam. Das sind meine kleinen Fluchten.“

Wir biegen in die Krumme Straße ab, wollen sehen, was aus dem „Steve Klub“, wo Hoffmann seine erste Auftritte hatte, geworden ist. „Veritas“ heißt der Laden heute, eine Sportsbar, rustikal und leicht schummrig. Noch sind keine Gäste da, es wird gerade geputzt, wir können trotzdem kurz rein. Wenige Meter links hinter dem Eingang war einst die kleine Bühne, wo er wie auch Reinhard Mey und Hannes Wader auftraten. Hier konnte man sich ausprobieren, zeigen, ob man mit seinen Liedern beim Publikum ankam.

Klaus Hoffmann ist einen Moment still, verharrt. Erkennt er etwas wieder? Er schüttelt den Kopf, lächelt und meint: „Nur den Rauch.“

Wenigstens einen Rollmops

Wieder draußen laufen wir die Wilmersdorfer Straße hoch. Er schaut auf die rautenförmig angelegten Pflastersteine und erinnert sich, wie er als Kind genau in die Form, ohne die Ränder zu berühren, treten wollte. „Solche Sachen vergisst du nicht. Ich habe mir immer eingebildet, dass der Schuh so groß ist wie das Pflaster.“

Am Wochenende ging er mit seinem Vater zu Rogacki Sprotten kaufen, die sie beide dann genüsslich auf dem Heimweg verzehrten. „Wollen wir auch?“, frage ich, als wir vor dem Geschäft stehen. Es ist Mittagszeit, sehr voll, zu voll. Wenigstens einen Rollmops. Ein paar Meter weiter, das alte Lokal „Wilhelm Hoeck“. Hoffmann weiß noch, wie sein Vater hier am Wochenende einkehrte. „Da haben die Männer schwer zugelangt.“

Später, da war er schon aus dem Elternhaus ausgezogen, sah er Wolfgang Neuss, den berühmten Kabarettisten, in der Lohmeyerstraße beim Frühstück sitzen. Dann gab es um die Ecke noch die Lützower Lampe, eines der ersten Travestielokale der Stadt. „Da zogen sich normale Männer, die tagsüber auf dem Bau arbeiteten, abends Frauenkleider an und gingen rein.“

Rau, aber von Herzen

Jahrzehnte später singt Klaus Hoffmann: „Morjen Berlin, Morjen du Schöne/Herz in der Hand, Küsse im Sinn/ Schnauze, du Stadt, machst lange Beene/ rennst vorne weg, knallst wieder hin/machst uff janz groß, du große Kleene/stehst uff besonders, bist Provinz/Morjen Berlin, Morjen du Schöne.“ Das klingt rau und doch ist es eben der Berliner Ton, der von Herzen kommt. Und es ist Hoffmann, der da erzählt.

Er hat spät geheiratet. Erst mit 50. Malene Staeger. Fast 20 Jahre war sie schon an seiner Seite, als sie 2001 nach Dänemark zur Hochzeit fuhren. Ganz unspektakulär wollten sie es, nur mit den Trauzeugen. Das waren Reinhard Mey und seine Frau Hella. Mit beiden verbindet die Hoffmanns eine lange Freundschaft. Wenn er Liebeskummer hätte – würde er dann seinen Freund und Trauzeugen anrufen? „Eher seine Frau, die Hella. Reinhard hat mir beruflich unheimlich viel gegeben. Er ist schlauer Mensch, ein Reinhard Fuchs.“

Wir stehen jetzt vor dem Haus an der Kaiser-Friedrich-Straße 3a. Er zeigt nach oben: „Da oben im zweiten Stock war unsere Wohnung.“ Hier wuchs er auf, erst mit Vater und Mutter. Dann, als der Vater starb, waren sie nur noch zu zweit, das hat ihn geprägt. Die Mutter lernte einen neuen Mann kennen. Helmut, einen Busfahrer. Es hat Zeit gebraucht, bis er ihn annahm als Stiefvater. Familie war ihm wichtig. Auch Onkel und Tanten. Er suchte damals Halt, fand ihn nicht immer. „Was zu mir passt, ist der einsame Weg des Streuners. Des Trebers, der aus der Stille, der Einsamkeit heraus kreativ wird. Das habe ich mir rüber gerettet. Mehr ist es nicht.“ Seine Mutter ist vor kurzem gestorben, mit 91 Jahren. Auch das braucht Zeit, die Traurigkeit zu überwinden.

Hat er die Wohnung noch einmal gesehen? „Einmal bekam ich ein Schreiben, ich dürfte kommen. Als ich dann wollte, war schon wieder ein anderer drin.“ Die Haustür ist noch dieselbe, es gab nur noch keinen Klingelkasten. Damals gab es Durchsteckschlösser. Er schaut ins Treppenhaus, auch der Boden ist derselbe, wie auch der Hinterhof.

Fast 50 Jahre auf der Bühne

Es sind nur wenige Meter bis zum Schloss Charlottenburg. Aber unser Spaziergang ist zu Ende. Im kommenden Jahr wird er 65 Jahre alt. Fast 50 Jahre steht er dann auch schon auf der Bühne. 38 Platten und CDs hat er herausgebracht. Als er seinen 60. feierte, ist er in den Friedrichstadtpalast gegangen. Auch diesmal will er dort wieder auftreten. Mit denen, die ihn so lange musikalisch begleitet haben: Reinhard Mey, Hannes Wader, seiner Band. Im Publikum sitzen vielleicht wieder Freunde aus der Schulzeit und der Deutschlehrer, aber auch Frank-Walter Steinmeier, Michael Müller und Klaus Wowereit, alles Fans seiner Lieder.

Klaus Hoffmann schaut sich noch einmal um und sagt dann einen Satz, der zeigt, warum er mit der Stadt seinen Frieden gemacht hat: „Ein Glück, dass ich meinen Liedern so einen Platz gab.“